Gespräch mit Sascha Arango

Tatort Sascha Arango
Sascha Arango schrieb das Drehbuch zu "Borowski und der Engel". | Bild: NDR

»Ich habe niemals zuvor so viele Zweifel an meiner Arbeit und an meiner Idee gehabt.«

Beim "Tatort" aus Kiel und seiner oft unkonventionellen Erzählweise hätte es nicht überrascht, wenn ein furchterregender Serienkiller für alle Zeiten entkommen darf, wie es im letzten Bild von "Borowski und der stille Gast" angedeutet wird. Was hat letztlich den Ausschlag gegeben, Lars Eidinger alias Kai Korthals wiederauferstehen zu lassen?

Die Idee kam zufällig beim Verfassen der letzten Szene in der Überarbeitung gemeinsam mit Christian Alvart.

"Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" betritt Neuland als Fortsetzungsgeschichte, einem so genannten "Sequel", mit drei Jahren Abstand zum Vorgängerfilm. Welche besonderen Maßgaben mussten Sie dabei beachten?

Ich bin eher der "Hans Guck in die Luft", der Neulandbetritt, ohne dies zu bemerken. Ehrlich gesagt habe ich mir nichts anderes dabei gedacht, als einen interessanten und (wie ich später bemerkte) riskantenVersuch zu unternehmen, die Geschichte des Kai Korthals weiter zu erzählen. Das Format erlaubt es ja glücklicherweise und die NDR Redaktion sowie Studio Hamburg haben mich mit Enthusiasmus unterstützt.

Wer Kai Korthals kennengelernt hat, vergisst ihn nie wieder. Ist er, was seine suggestive Kraft angeht, ihr bislang bestes Verbrecherportrait?

Es ist Lars Eidinger, der hier so unvergesslich ist. Üblicherweise endet ja die Geschichte eines Mörders im „Tatort“ mit seiner Verhaftung. In dieser Weiterführung seiner Geschichte ist es möglich, tiefer in ihn hinein zu schauen. Die Figur des Kai war noch nicht auserzählt.

Was war ihr konzeptioneller Ansatz, um Spannung und Dramatik weiter zuzuspitzen?

Ein Drama. Ich habe niemals zuvor so viele Zweifel an meiner Arbeit und an meiner Idee gehabt. Die Herausforderung bestand darin, den ersten "stillen Gast" qualitativ zu erreichen und sich nicht inhaltlich zu wiederholen, vor allem aber ein glaubhaftes Motiv für die Rückkehr des psychopatischen Postboten zu finden. Ob das gelungen ist, wird das Publikum beantworten.

Wie groß war die Herausforderung, dem Zuschauer plausibel zu machen, dass ein extrem gefährlicher Gewaltverbrecher nach seiner Flucht jahrelang unentdeckt bleiben konnte? Das Wort vom "Vergessen" steht wiederholt im Raum.

Das war die Crux. Warum kehrt er zurück? Wo war er? Um die Geschichte glaubhaft und interessant zu gestalten, musste ein überzeugender, dramatischer Konflikt im Mittelpunkt stehen, ein simples, nachfühlbares Motiv. Es findet sich auf beiden Seiten – in Borowskis Suche nach Liebe und im Kampf des Postboten um das Kind, das er gezeugt hat, um Frieden zu finden.

Schreibt sich mit großen Darstellern wie Axel Milberg und Lars Eidinger der allegorische Kampf zwischen Gut und Böse wie von alleine oder mussten Sie den Figuren einen klaren Masterplan vorgeben?

Nein, wie die Frage schon vorwegnimmt: Das schreibt sich wie von allein. Da muss man nur auf die Rechtschreibung achten und die Interpunktion im Auge behalten.

Kai Korthals wirkt keinen Deut weniger bedrohlich, obwohl er diesmal gar nicht unmittelbar mordet.

Er hat seine Strategie geändert, um auf anderem Wege zu erreichen, was er eigentlich will. Nähe und Liebe. Also schleicht er sich nicht mehr in die Wohnungen seiner Opfer, sondern holt sie zu sich in seine Festung der Einsamkeit. Das macht ihn natürlich nicht zu einem angenehmen Menschen.

Erst das Leiden erschafft große Charaktere – müssen Sie Borowskis Liebestraum zerstören, weil es über einen glücklichen Kommissar nur noch wenig zu erzählen gäbe?

Ich glaube, es war an der Zeit, eine Tür aufzumachen, die bisher verschlossen war. Für mich ist Klaus Borowski ein Melancholiker. Die Tragik seines Berufes hat ihn niemals gleichgültig gelassen. Jetzt, da er verliert, was ihm wichtig ist, wird das Dienstliche zum ersten Mal privat, ER ist ein OPFER. Borowski wird bis zum Äußersten gefordert – und Axel hat dem Charakter eine Dimension verliehen, eine tragische Tiefe, wie ich sie kaum für möglich hielt. Sein Freund, Roland Schladitz, stürzt mit ihm in dieses Dilemma zwischen Freundschaft und Beruf.

War es bei der existenziellen Wucht des Films unumgänglich, den Humor des Kieler "Tatorts" herunterzufahren? Autos werden nicht mehr erschossen …

Ich wollte ja! Ich wollte ein paar Witzchen reißen und Entspannung hineinbringen – aber es blieb mir im Halse stecken.

Borowski überschreitet Grenzen, er ermittelt am Rande der Selbstjustiz, entzieht sich der Kontrolle der Staatsanwaltschaft. Er belügt seine Kollegen und Vorgesetzten, zwischendurch gibt er sogar mal seine Dienstwaffe und seinen Dienstausweis ab – wie geht es weiter mit Kommissar Borowski?

Gute Frage. Ich denke mal, dass dieses Erlebnis von Leid und Verlust sich auch auf seine persönliche Arbeit als Kommissar niederschlagen wird. Ich kann mir vorstellen, dass eine so persönliche Erfahrung seinen Umgang mit Menschen verändern wird.

Was wünschen Sie Kai Korthals?

Ganz ehrlich? Dass er lernt und versteht – und wiederkommt. Als Abschluss in einer Trilogie. Sein quasi religiöses Credo lautet: "Ich bin kein schlechter Mensch". Er war immer auf der Suche nach dieser Anerkennung. Vielleicht wird er zurückkehren, als der Mensch, der immer sein wollte: als guter Mensch.

Kommissar Borowski bekennt beim Vorstellungsgespräch mit Friedas Mutter: "Als Kriminalist komme ich dem Verbrechen so nahe, als würde ich es selber begehen." Ersetzt man "Kriminalist" durch Ihren Beruf: Sind Sie Drehbuchautor geworden, um nicht auf die schiefe Bahn zu geraten?

Sie haben mich durchschaut. Ganz im Ernst, die Möglichkeit, solche Ungeheuerlichkeiten im Geiste durchzuspielen und zu Papier zu bringen, ersetzt mir den Psychotherapeuten und hoffentlich auch den Bewährungshelfer.

Wann schreiben Sie den nächsten Borowski-"Tatort"?

Sobald ich die richtige Idee habe. Manch gute Idee bleibt nämlich auf der Strecke, wenn es darum geht, 90 Minuten damit zu füllen.

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