Gespräch mit Axel Milberg

(Klaus Borowski)

»Es bleibt spannend, humorvoll und unvorhersehbar.«

Kommissar Borowski und Doris Ackermann
Kommissar Borowski will die Wahrheit über Doris Ackermann herausfinden. | Bild: NDR / Christine Schröder

Zu Beginn der Folge hält Borowski einen Vortrag über das Böse. Teilen Sie die Ansichten?

Für die Antwort müssen wir uns kurz an den Kern der Rede erinnern. Die Frage ist nicht, warum Menschen Böses tun, sondern: Warum tun wir es nicht? Hmm, ich kann nicht sagen, wie die Formel lautet, die uns lenkt. Sie ist geheimnisvoll, alchemistisch und nicht entschlüsselt. Aber ja, die Frage, was uns davon abhält zu morden, ist allemal interessanter als die, warum jemand tötet. Borowski sagt, er lüge nie und tut es dann doch. Das ist aber kein gutes Vorbild! Von der Vorstellung, dass ein Polizist in einem Spielfilm ein Vorbild sein muss, muss man bitte Abschied nehmen. Wenn das nicht so wäre, verabschieden wir uns von der Unterhaltung. Um den Spaß an der Geschichte zu erhalten, müssen wir mit vielen Bällen jonglieren – wichtig ist, gut zu lügen! Richtig lügen! Nämlich so, dass man Gutes bewirkt, dass man jemanden reinlegt oder jemanden schont.

Thomas Kügel und Sie bekommen regelmäßig eine gemeinsame, sehr humoristische Szene ...

Ich glaube, dass unsere beiden Figuren mit einer gewissen Grimmigkeit ausgestattet sind, was zu eben diesem Humor führt. Humor ist wie ein Schwimmreif, den man dem Grimmigen, dem Überlasteten oder Einzelgänger zuwirft, damit er aus seiner Grimmigkeit herauskommt. Und scheinbar wächst Humor immer dort ganz von selbst, wo er notwendig ist. Er ist wie das Öl im Motor. Ohne ihn kommt es zum Kolbenfresser und es geht nichts mehr. Auch privat hat Thomas Kügel dieses humorvolle Händchen. Aber: Chapeau vor unserem Autor Sascha Arango, der den Swing hat und uns diese tollen Szenen schreibt.

Borowski ist mehr der Analytiker, der Psychologe, Sarah Brandt diejenige, die gleich hinterher rennt oder die Waffe in der Hand hat. Eine gute Aufteilung?

Ist das so? Sarah Brandt ist aber auch eine ehrgeizige, fleißige Rechercheurin, die schon Fakten zusammengetragen hat, bevor Borowski aus seinem Volvo entsteigt. Er ist sehr instinktiv und pickt sich aus dem Angebot an Informationen jene, die ihm relevant erscheinen. Das ist wie ein Kristall. Man dreht und wendet ihn und betrachtet die einzelnen Facetten und so entsteht ein Zusammenhang. Und die Geschichten spielen damit, dass man Sarah Brandt unterschätzt – und Ping! – kommt dann etwas, was sie schon längst wusste, und Borowski staunt.

Borowski wirkt jünger und viriler in dieser Folge. Sind die Ermittler im Tweet-Sakko out?

Nicht Tweet - Kord! Bei Anruf Kord! Das Sakko hatte sich überlebt. Es hatte Risse und Flecken, und da hat Borowski eben in den Schrank gegriffen und eine Jacke gefunden. Anzüge stellen ja auch eine Distanz her zu den Menschen, mit denen man spricht, und sind eher unpraktisch, wenn man draußen ist und sich viel bewegt oder wenn´s zur Sache geht …

Ein Wort zu Borowski und den Frauen.

Wir haben Borowskis Privatleben zugunsten der spannenden Fälle wieder zurückgenommen. So bleiben die Fragen, ob er eine Freundin hat oder nicht, wo seine Tochter abgeblieben ist und was er macht, wenn er zu Hause ist, welche Musik er dort hört oder ob er Tee oder Whiskey trinkt, offen. Das kann sich wieder ändern. Dennoch spürt man in allem sein Wesen, etwa darin, wie er die Frauen anschaut. Er mag Frauen sehr und je attraktiver desto besser, aber er bleibt Polizist. Entsteht eine Nähe zur Verdächtigen, nutzt er das Vertrauen, um mehr zu erfahren, als ihr vielleicht lieb ist.

Sie sollen die Idee zu Klaus Borowski bei einem Mittagsschlaf auf Mallorca gehabt haben. Stimmt das?

Auf einem Flug saß ein mir bekannter Regisseur mit einem Drehbuch auf dem Schoß für den damals noch in Planung befindlichen "Tatort" aus Münster neben mir – er hat es dann übrigens nicht gemacht. Kurz darauf machte ich Urlaub auf Mallorca und ein alter Freund aus Kiel rief mich an. Nach dem Gespräch legte ich mich in die Hängematte, und während ich in der Mittagshitze schlief, verbanden sich verschiedenste Dinge. Nach dem Aufwachen dachte ich: "Tatort", Kiel, Heimat. Ich komme so selten nach Kiel und Schleswig-Holstein ist so interessant, die Küsten, die Menschen, das Einsilbige, die Grenzen am Rande Deutschlands – was für Möglichkeiten. In der Stahlnetz-Folge "PSI" habe ich für den NDR einen soziopathischen, einsilbigen und einsiedlerischen Ermittler namens Klaus Borowski gespielt, den haben sie dann von Hannover nach Kiel verpflanzt.

Wie hat sich Klaus Borowski in den vergangen zehn Jahren verändert, was hat er durchgemacht?

Wir sind damals mit ganz vielen Idee und Überlegungen angetreten. Borowski sollte ein radikaler Einzelgänger sein, der von einem starken Gerechtigkeitsgefühl getrieben ist und der auch das Gesetz übertritt, wenn er meint, dass dies erforderlich sei. Deshalb muss er auch immer wieder diszipliniert werden. In der ersten Borowski-Folge "Väter" hat er einen Verdächtigen nackt über einem Bordell angekettet. Die Folge haben wir mit dem Autor Orkun Ertener und der Producerin Martina Mouchot entwickelt. Aber nach ein paar Folgen erkannten wir, dass wir diese Radikalität auf Dauer nicht durchhalten wollten. Ich finde es auch doof, wenn Ermittler Verdächtige anbrüllen, als ob sie sie moralisch verurteilen. Besser, wenn man sein Gegenüber dazu verführt, Dinge zu sagen, die er gar nicht sagen will. Der österreichische Star-Profiler Dr. Thomas Müller, mit dem ich mich lange unterhalten habe, hat mir bestätigt, dass es unmerkbare Tricks gibt, Verdächtige zum Sprechen zu bringen. Also, wir lernen, und die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen.

Wie geht es weiter?

Wir haben eine Reihe von Geschichten, die wir bis über 2014 hinaus entwickeln. Ich verspreche allen, es bleibt spannend, humorvoll und unvorhersehbar.

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