Interview mit Christian Jeltsch

Drehbuch

»Ausgangspunkt war das Thema Raubbau. Es lag nahe, eine Hauptfigur zu entwickeln, die sich in diese Machenschaften verstrickt hat.«

Klaus Borowski und Sarah Brandt
Die Kieler Ermittler: Klaus Borowski und Sarah Brandt auf der Spur eines Millionengeschäfts durch Rohstoffgewinnung. | Bild: NDR / Christine Schroeder

Wie sind Sie auf die Geschichte für "Borowski und das Meer" gekommen?

Holger Ellermann, der Producer von Studio Hamburg, hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, einen Kieler "Tatort" zu schreiben. Ich wusste, dass der NDR schon seit einiger Zeit eine Möglichkeit gesucht hatte, das Geomar-Institut in Kiel in einen "Tatort" mit einzubeziehen. Ich bin also dorthin gefahren, habe mit Mitarbeitern gesprochen, mich informiert und so die Idee für den Film gefunden.

Sie sind also gar nicht mit einem Krimi-Plot an den Start gegangen, sondern mit dem Thema Ausbeutung der Meere?

Ja. Es gibt einige spannende Themen in Verbindung mit Geomar und dem Meer. Daraus einen Krimiplot zu entwickeln war sehr reizvoll und ging relativ schnell. Ich finde es eine lohnende Aufgabe, im Rahmen eines "Tatorts" Dinge anzusprechen, die dem Einzelnen nicht unbedingt bewusst sind, die aber eine große Auswirkung auf unser Leben haben oder haben werden, wie in diesem Fall das Thema Rohstoffgewinnung im Meer.

Was ist denn nun das Problem mit den Seltenen Erden?

Zuerst einmal benötigt man Seltene Erden für unsere moderne Technik: Handys, Computer, Flachbildschirme. Es besteht also ein riesiger Bedarf. Die größten Landvorkommen Seltener Erden gibt es in China, von denen der Westen sich aber nicht abhängig machen will. Deshalb wird nach anderen Vorkommen gesucht – u. a. auf dem Meeresgrund. Beim Abbau der Seltenen Erden in der Tiefsee werden jedoch Flora und Fauna auf dem Meeresboden und auch noch einige Meter darüber vernichtet. Es gibt Filmaufnahmen von Meeresgebieten, die in den Siebzigerjahren zerstört wurden und sich nie erholt haben. Damals hatte man als Folge der Ölkrise nach neuen Energieträgern im Meer gesucht und an diesen Stellen Manganknollen "geerntet". Heute sieht es dort aus, als hätte diese "Ernte" erst gestern stattgefunden. Der Meeresgrund erholt sich eben nur sehr, sehr langsam. Generell muss man sagen, dass die Zusammenhänge am Grund der Meere zu wenig erforscht sind, um sagen zu können, welche weiteren negativen Konsequenzen es hat, wenn Rohstoffe im großen Stil abgebaut werden. Die Jagd nach diesen Rohstoffen im Meer ist also ein weiteres Paradebeispiel menschlichen Verhaltens und Versagens. Man sagt, es sei technisch alles machbar, aber über die Konsequenzen macht man sich keine Gedanken. Ähnlich verhält es sich mit einem "Kontinent aus Plastik", der – größer als Europa – im Pazifik schwimmt und eine tödliche Gefahr für die Meerestiere und hauptsächlich für uns selbst ist, da wir den mit Plastik verseuchten Fisch essen. Zum großen Teil kommt dieses Plastik über die Flüsse in die Meere, weil wir Menschen es überall gedankenlos wegwerfen. Da ist letztendlich jeder von uns verantwortlich.

Wie schafft man es, ein komplexes Thema wie Seltene Erden so zu behandeln, dass es zugleich informativ ist und den Krimi-Plot nicht behindert?

Ausgangspunkt zu dem "Tatort" war das Thema Raubbau. Es lag nahe, eine Hauptfigur zu entwickeln, die sich in diese Machenschaften verstrickt hat. Spannend fand ich dann den Gedanken, dass sich bei dieser Figur das Gewissen regt. Aber dieser Mann wird nicht zum Helden. Ich fand es realistischer, dass er versucht, im Verborgenen zu bleiben. Er beruhigt sein Gewissen, indem er zum "Whistleblower" wird. Er gibt sich nicht zu erkennen, ist also nicht bereit, die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen und sich einer möglicherweise tödlichen Gefahr auszusetzen. Das Spiel aber, das dieser Mann spielt, wird letztendlich doch so gefährlich, dass es ihn das Leben kostet. Diese Figur zu entwickeln war der Weg, den Krimi-Plot an das Thema zu binden und es so zugleich unterhaltsam und spannend zu erzählen.

Die Frauenrollen in dieser Episode sind starke Persönlichkeiten. War das geplant?

Ja, durchaus! Mir war es wichtig, neben dem Mann, der eben nicht der Mutigste ist, zwei starke Frauen zu stellen. Zum einen seine Ehefrau und dann seine Chefin. Beide gefangen in ihren Lebensentwürfen. Die Ehefrau, die – bedingungslos fast – zu ihrem Mann steht und bereit ist, ihn zu retten, obwohl er sie hintergeht. Eine solche Figur glaubhaft zu erzählen, fand ich sehr reizvoll. Genauso im Kontrast dazu eine Konzernchefin, die in ihrem System aus Macht und Erfolg gefangen ist. Sie will in diesem System nicht untergehen und ist deshalb gezwungen immer härtere Entscheidungen zu treffen, die schließlich sogar gegen ihre eigenen moralischen Überzeugungen stehen. Das System ist stärker.

Die Figur des Borowski ist in dieser Episode etwas "modernisiert" worden. Wie groß waren Ihre Freiheiten, Veränderungen durchzuführen?

Mir war vor allem das Zusammenspiel von Borowski und Sarah Brandt sehr wichtig. Das sollte von gegenseitigem Respekt zeugen. Dabei wollte ich auch einen Ton finden, der schnell ist, der schlagfertig ist, bei dem man sich gegenseitig und seine Schwächen kennt und dennoch den anderen respektiert und mag – und auch schützt! Ich wollte erreichen, dass Sarah Brandt mit Borowski in einen souveränen Schlagabtausch gehen kann, weil sie dadurch mit ihm auf Augenhöhe kommt.

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