Interview mit Sabine Derflinger

Regie

»Der Moment des Unkontrollierbaren ist inzwischen Teil meiner Arbeit geworden.«

Borowski und Brandt
Sabine Derflinger inszenierte den "Tatort: Borowski und das Meer". Für die Produzentin und Dokumentarfilmerin war das nicht ihr erster "Tatort". | Bild: NDR / Christine Schroeder

Sie haben bereits "Tatort"-Folgen mit Harald Krassnitzer inszeniert. Mit welchem Ansatz sind Sie nun an den Borowski-"Tatort" herangegangen?

Alle "Tatorte" und ihre Hauptfiguren zeichnen sich durch verschiedene Pinselstriche aus. Während der österreichische "Tatort" eine gewisse Schwere und einen besonderen Humor hat, ist der Borowski-"Tatort" atmosphärischer, er hat ein bisschen Leichtigkeit und einen eigenen Humor, der aber auf einer anderen Ebene stattfindet als die Wiener "Tatorte". Der Ausdruck der "Tatorte" ist ein jeweils anderer, und so braucht die Geschichte auch eine andere Erzählweise. Bei Borowski konnten wir mit der wunderbaren Küstenlandschaft und dem Licht des Nordens arbeiten. Das hat sich auf die Geschichte, den Rhythmus der Erzählung und den Schnitt übertragen.

Der Charakter von Klaus Borowski wurde leicht verändert. Er ist insgesamt lockerer geworden. Inwieweit haben Sie dazu beitragen können?

Es gab bereits den Plan, Borowski zu verändern, ihn purer zu machen. Das kam mir total entgegen. Beim Wiener "Tatort" hatte ich den Kommissar auch gleich verändert und Harald Krassnitzer in einen Anzug gesteckt. Wenn ich eine Regie übernehme, mache ich die Männer zuerst einmal schöner. Der Borowski ist gut, wie er war, aber das Leben ist Veränderungen unterworfen und diese Geschichte bot den richtigen Zeitpunkt für behutsame Veränderungen. Das Milieu, in der die Geschichte spielt, ist eher zusammengeschnürt, von Angst getrieben, und da ist die neue Lockerheit Borowskis gerade richtig für Geschichte und Charakter.

Was für Unterschiede gibt es zwischen dem österreichischen und deutschen "Tatorten"?

Ich möchte nicht zwischen Österreich und Deutschland unterscheiden. Der "Tatort" ist der einzige andere Fernseh- Event, der wie Fußball funktioniert, und nicht nur, weil sich am nächsten Tag alle darüber unterhalten. Hier messen sich verschieden Mannschaften in der gleichen Disziplin, die ihr jeweils eigenes Spiel haben und mit ihren verschiedenen Stärken und Formen Geschichten erzählen und versuchen, damit zu überzeugen. Mal ist die eine "Mannschaft" erfolgreicher, mal die andere. Aber jedes Kräftemessen ist immer wieder spannend und wird von den Fans erwartet. Das ist eine Sache der Städte und Regionen wie Kiel, Münster, München oder Wien. Österreich hat leider nur einen "Tatort", so dass die Vielfältigkeit Österreichs darüber schwerer darzustellen ist, aber es wird auch mal außerhalb Wiens in den Bundesländern ermittelt. Die "Tatorte" haben ja nur gemeinsam, dass ein Mord oder angenommener Mord untersucht wird. Der andere Aspekt sind die starken Figuren und wie man mit der Zugkraft dieser lang entwickelten Figuren eine Geschichte aufbauen kann und ihr Stärke gibt. Ansonsten wird das Format immer offener. Inzwischen gibt es sogar einen Action-"Tatort".

Wie haben Sie das Meer inszeniert?

Es gab eine Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Geomar. Die Unterwasserszenen von den Tieren zu Beginn stammen etwa von Geomar. Es war großartig, dass dies möglich war. Dann haben wir angefangen, alle Szenen, bei denen das möglich war, ans Meer oder auf ein Schiff zu verlegen.

Wie wurden die Szenen mit der Jago gedreht?

Die wurden genau mit dem Unterwasserkameramann besprochen. Er macht sonst Meeresdokumentationen für Geomar. Die Bilder sollten mystisch sein und eine magische Reise erzählen, um dadurch ein wenig das Format brechen zu können. Ein Dreh unter Wasser ist in erster Linie eine logistische Aufgabe. Ansonsten muss man sich darauf einlassen, was die Kameraleute – den Vorgaben entsprechend – mitbringen. Das hat etwas von Dokumentarfilm, aber darauf kann ich mich locker einlassen.

Sie sind auch Dokumentarfilmerin. Was kann man von dort in den fiktionalen Bereich mitnehmen?

In erster Linie, dass ich es sehr gut aushalten kann, wenn ich nicht alles unter Kontrolle habe. Viele meiner Kollegen können das nicht. Denn beim Dokumentarfilm muss man sich zurücknehmen und auf das einlassen, was da kommt. Ich nehme auch gerne die Hintergründe, die sich anbieten, und stelle die Schauspieler hinein. Währenddessen verändert sich der Hintergrund natürlich ständig. Der Moment des Unkontrollierbaren ist inzwischen Teil meiner Arbeit geworden. Ich bereite mich intensivst vor, dennoch will ich die Unmittelbarkeit des Augenblicks mit einbeziehen.

Sie haben einige Preise gewonnen, im vergangenen Jahr den Wiener Frauenpreis. Wie macht man Frauen im Film sichtbar?

Das tolle an dem Borowski-"Tatort" ist, dass es so viele unterschiedliche Frauenfiguren gibt. Da ist die Karrieristin, die um jeden Preis weiterkommen will, und die Frau, die ihren Mann beschützt, egal, was er getan hat. Das sind im Grunde extremistische Frauen. Dann ist da mit Sarah Brandt der Kumpel-Charakter in Bezug zu Borowski. Beim Wiener Frauenpreis ging es zwar auch darum, wie ich mit Frauenfiguren in Filmen umgehe, aber auch darum, dass ich als Frau überhaupt Filme machen kann. Ich bin die erste Österreicherin, die in der 40-jährigen "Tatort"-Geschichte einen österreichischen "Tatort" gemacht hat, und ich habe sechs Jahre gewartet, bis ich das durfte. Da macht man sich als Frau schon selber sichtbar!

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