Weimars Wiederkehr – Zur historischen Aktualität von "Babylon Berlin"

von Dr. Hanno Hochmuth (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam)

Berlin im Herbst 1929 - Hauptkommissar Gereon Rath (Volker Bruch) erlebt den Börsencrash
Berlin im Herbst 1929: Hauptkommissar Gereon Rath erlebt den Börsencrash.

»Manchmal hilft die Vergangenheit beim Verständnis der Gegenwart. So wie im Jahr 2020 steckte die Welt auch 1929 in einer globalen Krise: Börsencrash, Schwarzer Freitag, Massenarbeitslosigkeit – die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 waren ebenso weltumspannend wie die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie. Und genau wie heute waren auch 1929 manche Länder stärker betroffen als andere. Deutschland traf es damals besonders hart, denn die junge Republik litt nach dem Ersten Weltkrieg unter der hohen Last der Reparationszahlungen und war in besonderem Maße von amerikanischen Krediten abhängig. Als die Börse an der Wall Street am 23./24. Oktober 1929 einbrach, riss dies auch die Weimarer Republik in einen Strudel. Dabei hatte sich Deutschland gerade von der Hyperinflation des Jahres 1923 erholt, als ein Laib Brot letztlich mehrere Milliarden Reichsmark kostete und die Sparguthaben der meisten Deutschen vernichtet wurden. Die Folgejahre galten als die stabile Zeit der Weimarer Republik. Wenn wir heute von den 'Goldenen Zwanzigern' sprechen, dann ist genau diese Zeit von 1924 bis 1929 gemeint.

Mit dem Schwarzen Freitag war dieser zaghafte Aufstieg vorbei. Die deutsche Wirtschaft brach in den Folgejahren massiv ein. Zahllose Firmen gingen bankrott, Millionen Erwerbstätige verloren ihre Arbeit und stürzten ins Elend. Im Unterschied zu heute waren die Sozialsicherungssysteme auf eine solche Krise nicht vorbereitet. Lohn- und Gehaltskürzungen verschärften die Lage, Investitionen blieben aus, die Konjunktur zerfiel. Die Folge waren lange Schlangen vor den Arbeitsämtern, Notverordnungen und politische Instabilität. Dies begünstigte den Aufstieg des Nationalsozialismus, der hinter der Weltwirtschaftskrise eine herbeifantasierte 'jüdische Weltverschwörung' ausmachte und neues Heil und Rückkehr zu alter nationaler Größe versprach. Damit waren die Nationalsozialisten nicht allein. 1929 bliesen auch die alten nationalkonservativen Eliten zum Angriff auf die ihnen verhasste Republik. Hand in Hand mit den Nationalsozialisten arbeiteten sie an der Beseitigung der jungen Demokratie und vergifteten die politische Kultur. Die demokratischen Kräfte konnten der faschistischen Allianz immer weniger entgegensetzen. 1929 begann die finale Krise der Weimarer Republik.

Doch in jeder Krise steckt auch ein Aufbruch. So wie sich heute durch Homeoffice und Videokonferenzen ein Schnellstart in die Digitalisierung vollzieht, ereignete sich auch damals ein fundamentaler medialer Wandel: 1929 war das Jahr, in dem der Film sprechen lernte. Der Tonfilm trat seinen Siegeszug um die Welt an. Die technische Innovation bedeutete zugleich das Ende des bis dahin international erfolgreichen Stummfilms. Ein globales Phänomen verschwand zunehmend; denn anders als die Stummfilmstreifen waren die neuen Tonfilme plötzlich nicht mehr überall gleichermaßen zu verstehen. Die großen globalen Stummfilmstars stemmten sich gegen diese Entwicklung. Charlie Chaplin wollte der Welt beweisen, dass ein Pantomime mehr darstellen könne als ein sprechender Schauspieler, doch seine späten Stummfilme floppten. Dagegen ging der Stern eines neuen Tonfilmstars auf: 1929 erhielt Marlene Dietrich die Rolle der singenden 'feschen Lola' im UFA-Film 'Der Blaue Engel', der ihren Weltruhm begründete. Die Krise des Stummfilms war der Aufstieg des Tonfilms.

Die dritte Staffel von 'Babylon Berlin' setzt genau hier an. Sie spielt im Jahr 1929 und beschreibt ein breites ge-sellschaftliches Panorama, das von der Krise der Weimarer Republik bis hin zur Einführung des Tonfilms reicht. Die Weltwirtschaftskrise, die wachsende Gefahr von rechts und der mediale Wandel kommen uns in diesen Tagen merkwürdig vertraut vor und verleihen BABYLON BERLIN eine ungeahnte Aktualität. Doch Berlin ist nicht Weimar. Wir dürfen die gerade angebrochenen neuen Zwanzigerjahre nicht mit den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts verwechseln. Trotz aller Analogien, die sich aufdrängen, überwiegen doch die Unterschiede zwischen der Weimarer und der Berliner Republik. Wir haben nicht eben erst einen verheerenden Weltkrieg und eine Hyperinflation überstanden. Unsere politische Kultur ist gefestigt; die Demokraten sind in der Überzahl, und der Staat verabschiedet massive Konjunkturpakete, um einem Absturz der Wirtschaft wie einst 1929 entgegen zuwirken.

Geschichte wiederholt sich nicht, und bei allen Ähnlichkeiten ist Vorsicht geboten, die jetzige Krise durch die Be schwörung vergangener Krisen nicht zu verstärken. Zu gleich lehrt uns Geschichte allerdings, dass die Stabilität einer Gesellschaft nicht sicher ist und auch unsere Gegenwart einem historischen Wandel unterliegt. Nichts bleibt, wie es ist – das gilt für 2020 ebenso wie für 1929. In dieser Erkenntnis liegt aber auch eine Chance. Beide Krisen führen uns den Wert einer freiheitlich-demokratischen Grund-ordnung deutlich vor Augen. Allein für diese Sensibilisierung lohnt die dritte Staffel von 'Babylon Berlin'.«

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