Interview mit Sascha Geršak

Gewissensbisse: Frank Elling (Sascha Geršak)
Gewissensbisse: Frank Elling. | Bild: NDR/Polyphon / Philipp Sichler

In "Die Toten von Marnow" beobachten wir, wie Kommissar Frank Elling eine mysteriöse Mordserie aufklären muss und dabei gegen mächtige Gegenspieler kämpft, aber im Grunde kämpft er um seine Ehe und seine Familie. Wie hängt das mit dem Fall zusammen? 

Die dramatische Entwicklung in Ellings Privatleben bedingt sein berufliches Desaster. Seine Frau betrügt ihn, seine Tochter wird flügge, seine Mutter dement. Die drei wichtigsten Frauen in seinem Leben entgleiten ihm, und er will diese Umbrüche nicht wahrhaben. Diese Lebenskrise ist im Drehbuch sehr präzise und klug beschrieben. Das kann jeder nachvollziehen. Elling reagiert mit Hilflosigkeit und Ohnmacht. Er wirkt so wahnsinnig liebend, weil er selbst geliebt werden möchte. Er will, dass alles so bleibt, wie es ist.

Und deshalb wird Elling korrupt und nimmt Geld an?

Elling hat keinen Plan, er gerät da so hinein. Er entscheidet erstmal, das Geld anzunehmen, weil er glaubt, seiner Familie einen höheren Lebensstandard bieten zu müssen. Das Geld erscheint wie ein Rettungsring, er denkt gar nicht an die Konsequenzen. Spannend ist, wie die Geschichte Fahrt aufnimmt. Die Ermittler steigen immer tiefer in den Fall ein, die Gegenspieler werden bedrohlicher und handeln immer krasser, und das verändert auch Ellings Blick auf das eigene Privatleben. Daran hat seine Kollegin Lona einen großen Anteil.

Wie entsteht diese besondere Verbundenheit zwischen Elling und Lona?

Beide bewegen sich bei ihren Ermittlungen in moralischen und rechtlichen Grauzonen. Jeder trägt die Konsequenzen des Handelns des anderen. Außerdem sind sie durch ihre Ermittlungen im Visier der Verbrecher und schweben in ständiger Gefahr. Das verbindet. Aber Elling erkennt auch, dass Lona und er Seelenverwandte sind. Beide kämpfen mit ihrer Einsamkeit. Ich finde es beeindruckend, welche Entwicklung Elling durchmacht. Aus seiner ursprünglichen Schwächephase heraus wächst er über sich hinaus und entwickelt eine Größe, die er sich selbst nie zugetraut hätte.

Welche Rolle spielt das Thema Rache in "Die Toten von Marnow"?

Rache ist ein großes Thema in der Geschichte. Die Mordserie basiert auf Rache und auch Elling rächt sich. Er verhält sich seiner Frau gegenüber zwar sehr respektvoll und geht besonnen mit ihrem Betrug um. Aber er rächt sich an ihrem Geliebten. Das ist menschlich. Rache ist immer negativ belegt, aber es ist ein Grundgefühl wie Eifersucht, Wut oder Neid. Rache hilft manchmal beim Überleben und hat etwas Befreiendes. Wer sich rächt, möchte wieder eine Art Gerechtigkeit herstellen. Das entschuldigt das Verhalten natürlich nicht, aber es macht es verständlich.

Im Laufe der Ermittlungen wird klar, dass es sich um einen Pharmaskandal handelt, der in der Vergangenheit stattgefunden hat. Wie aktuell ist das Thema?

Das Thema ist unglaublich aktuell, und ich finde, es ist in seiner Ambivalenz auch vielschichtig erzählt. In der Pharmaindustrie geht es immer um viel Geld. Man braucht natürlich schnelle Testergebnisse, um die Medikamente früher auf den Markt zu bringen und horrende Gewinne zu erzielen. Auf der anderen Seite sieht man auch bei Elling, wie dringend er auf ein Medikament hofft, das die Demenz seiner Mutter aufhält. Die Filme werfen existentielle Fragen auf: Was ist ein Menschenleben wert? Wer darf gerettet werden und wer zahlt den Preis dafür? Das ist auch eine spannende Frage bei der Covid-Impfung. Wir alle setzen ja weltweit unsere Hoffnung darauf.

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