Interview mit Petra Schmidt-Schaller

Argwöhnisch: Lona Mendt (Petra Schmidt-Schallder)
Argwöhnisch: Lona Mendt. | Bild: NDR/Polyphon / Philipp Sichler

Konnten Sie Ihre Figur der Lona Mendt komplexer anlegen, weil "Die Toten von Marnow" Ihnen die Möglichkeit bot, sie in mehreren Teilen zu entwickeln?

Ich fände es sehr schön, in Zukunft öfter Mini-Serien oder Mehrteiler zu drehen. Das ist ein anderes Erzählen. Man hat Zeit, eine Figur zu entwickeln und sich in diese Welt einzuatmen. Es ist nicht das gewohnte "catch die Story und los geht’s". Lona und Elling werden langsam eingeführt. Ihre persönliche Geschichte berührt, und deshalb packt es einen mit voller Wucht, wenn man den Teufelskreis realisiert, in den sich beide hineinmanövrieren.

Was hat Sie an der unnahbaren Einzelgängerin Lona am meisten interessiert?

Was mich sofort getriggert hat, war das Geheimnis, das Lona mit sich trägt. Ihr ist etwas Furchtbares im Leben zugestoßen, aber was wirklich passiert ist, bleibt lange im Verborgenen. Sie ist immer noch auf der Flucht, lebt provisorisch in ihrem Wohnmobil. Es geht um die Frage: Wie will man existieren auf dieser Welt, wenn man einen großen Verlust erlebt hat? Will ich überhaupt leben oder nicht? Lona Mendt weiß es noch nicht. Sie befindet sich in einem Zwischenzustand.

Beginnt sie deshalb auch eine Affäre mit ihrem Assistenten Jasper, den sie quasi per Dienstanweisung in ihr Wohnmobil beordert und verführt? Ist das für sie ein Weg aus ihrer Verlorenheit?

Ich denke, diese kurze Affäre mit Jasper ist die Suche nach dem Spüren-Wollen, nach dem Leben. Sie stellt sich die Frage, ob es noch etwas gibt, für das es sich lohnt weiterzuleben. Ihr Leben hängt am seidenen Faden und sie darf selber entscheiden, macht sie den Cut oder taucht sie wieder auf. Das Einzige, was sie noch nicht verloren hat, ist ihr eigenes Leben. Das macht sie unerschrocken und radikal.

Lona und ihr Kollege Elling sind Ermittler, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Trotzdem deckt sie ihn, als er Schmiergeld annimmt. Warum macht sie das?

Ich glaube, Lona sieht in Elling etwas, was sie einmal hatte. Sie sieht aber auch, dass bei Elling die Felle wegschwimmen, und da treffen sich die beiden. Sie verstehen sich in diesem Schmerz. Die Verbindung zu Elling ist ihr mehr wert als die Notwendigkeit, sich an die Regeln zu halten. Lona weiß, wenn sie jetzt geht, verliert sie Elling. Aber er ist ihr einziger Halt. Das ist der Grund, warum sie diesen Wahnsinn mit ihm mitmacht.

Bei ihren Ermittlungen nehmen Lona und Elling immer mal wieder die falsche Abzweigung, indem sie sich in moralisch fragwürdige Handlungen verstricken. Ist das unprofessionell, aber zutiefst menschlich?

Ich würde sagen, es ist menschlich. Auch in dieser Szene, als sie auf den LKA-Mann Peters schießt, geht es Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er hat sie in einen Hinterhalt geführt und ihr Gewalt angetan. Lona ist eben nicht nur Polizistin, sondern auch ein Mensch mit einer traumatischen Vergangenheit. Wir haben ein Strafsystem, das nicht auf Selbstjustiz basiert, aber es gibt natürlich Dinge, bei denen ich persönlich auch nicht wüsste, wie ich reagieren würde. Dieses typische Beispiel, wenn die Mutter den Mörder der Tochter erschießt oder wenn man die eigene Vergewaltigung rächen möchte. Da ist etwas zu Bruch gegangen, und das wirft einen auf archaisches Fühlen und Handeln zurück.

Was wird in Lona ausgelöst, als sie die Motive erkennt, die hinter den brutalen Morden stehen?

Lona identifiziert sich mit den Opfern, weil sie in der Vergangenheit ähnliches Leid durchmachen musste. Da bin ich persönlich ganz auf Lonas Seite. Mich hat das Thema überwältigt. Mir ist die Kinnlade heruntergefallen, als ich davon gelesen habe. Da wurden Menschen zu Testratten gemacht und wussten nichts davon. Mich hat das besonders betroffen, weil ich meine Kindheit in der ehemaligen DDR verbracht habe. Auch meine Eltern waren geschockt und haben sich an Menschen in ihrem Umfeld erinnert, die auf ein West-Medikament hofften, aber natürlich nicht wussten, dass sie vielleicht an einer Studie teilnahmen. Bei meiner Recherche habe ich gemerkt, wie aktuell das auch heute noch ist. Es gibt immer noch verkürzte Testreihen und weltweit werden immer noch – ohne das Wissen der betroffenen Menschen – Medikamente getestet. Das ist wirklich gruselig. 

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