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China: Die Babyretterin

PlayZwei Säuglinge liegen in einem Bett.
China: Die Babyretterin | Bild: NDR

Jing Xi ist erst zwei Monate alt und hat schon einiges hinter sich: Sie wurde als Frühchen geboren, hatte schwere Infektionen. Ihre Eltern konnten oder wollten sie nicht behalten, wahrscheinlich weil sie ahnten, dass sie teure medizinische Hilfe brauchen würde. Lily von der Hilfsorganisation "Wassertropfen" kümmert sich um Jing Xi, organisiert die medizinische Versorgung. Lilys Aufgabe ist viel mehr als nur ein Job. Ohne sie hätten viele der Neugeborenen wohl keine Chance: "All diese Babys wurden ausgesetzt – wahrscheinlich, weil sie krank waren." Und die, die sie gefunden haben, konnten ihre Eltern nicht ermitteln, haben die Polizei gerufen, dann kamen die Babys ins Waisenhaus in der Provinz.

Von Lily bekommen sie Geborgenheit und Liebe. Sie begleitet die Kleinen auf ihrem schwierigen Start ins Leben: "Von dem Moment an, wo die Kinder zu uns kommen, machen wir Fotos von ihnen. Die geben wir an das Waisenhaus. Dann können ihre Adoptiveltern sie später bekommen und so die Vergangenheit der Kinder sehen." 

Schlechte medizinische Versorgng in der Provinz

Eine gute Chance auf Adoption hat Jing Xi nur, wenn sie gesund ist. Nun reist sie von der Hauptstadt mit der guten medizinischen Versorgung zurück ins Waisenhaus in die Provinz Shanxi. 500 Kilometer liegen vor der kleinen Reisegruppe. Für Lily und Jing Xi wird es ein langer Tag.  Ab in den Zug, mit Kindern und Gepäck. Lily kann nicht mehr zählen, wie oft sie so eine Tour bereits gemacht hat. Hunderte Male. Seit elf Jahren arbeitet sie mit ihren 20 Kolleginnen als medizinische Begleiterin von kranken Waisenbabys. Fast jede Woche reist sie einmal hin und zurück. Denn in der Provinz, wo das Kinderheim liegt, ist die medizinische Versorgung einfach zu schlecht. 

Kinder mit Behinderungen gelten als Schmach

Lily im Zug, auf dem Arm ein Säugling
Seit elf Jahren arbeitet Lily als medizinische Begleiterin von kranken Waisenbabys. | Bild: NDR

Drei Stunden Fahrt von Peking aus nach Westen liegen vor ihnen. Lily erzählt, wie sie die kleine Jing Xi zum ersten Mal sah: "Ihr Zustand damals war sehr schlecht. Sie hatte viele Probleme, gefährliche Infektionen und eine seltene Bluterkrankung. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie transportieren könnte, ob sie das überleben würde."  Kinder mit Behinderungen gelten auch in China oft als Schmach erzählt Lily. Die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik hat das Problem verschärft. Seit einigen Jahren gibt es vor allem auf dem Land sogenannte Baby-Inseln, wo Eltern anonym ihre Neugeborenen abgeben können.

Beim Waisenhaus wird die kleine Reisegruppe schon sehnsüchtig erwartet. Alle wollen wissen, wie es der kleinen Jing Xi geht. Für Lily bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Auf sie wartet schon die nächste Patientin: das Mädchen Zhenlian, ein Frühchen. Sie muss dringend ins Kinderkrankenhaus nach Peking. Auch diese Kinder wurden ausgesetzt, weil die Eltern wohl kein Geld für die teure Operation hatten. Denn die Basis-Krankenversicherung trägt auf dem Land höchstens 30 Prozent der Kosten, den Rest muss die Familie zahlen. Wieder eine Patientin, die Lilys uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Geborgenheit bekommt. Nach nur einer Stunde Aufenthalt, geht es zurück in die Hauptstadt. 

Adoption durch eine US-Familie

Lily im Interview
Keinen ihrer kleinen Patienten hat Lily je vergessen.  | Bild: NDR

Zwei Erwachsene, zwei winzige Waisenkinder und ein ausverkaufter Nachmittags-Zug. Im Vergleich zu Jing Xi ist dieses Kind nur eine Handvoll Leben. "Sie wird künstlich ernährt, bekommt nur ganz wenig Milch weil sie ein schwieriges Magenproblem hat, sie ist mehr als einen Monat alt, aber wiegt nur zwei Kilo", erklärt Lily.

Ein normales Leben mit einer neuen Familie, das wünscht Lily ihren Waisenkindern. Und es gibt sie, diese Erfolgsstorys: "Ein Junge wurde im Mai von einer amerikanischen Familie adoptiert. Er hat noch eine Operation in den USA bekommen, ist jetzt ganz gesund. Er kann gehen, Fahrrad fahren, sogar Englisch sprechen. Seine Mutter schickt mir oft Bilder." Keinen ihrer kleinen Patienten hat sie je vergessen. 

Es ist schon dunkel, als sie ankommen, in Peking. Vor zwölf Stunden war Lily morgens gestartet. Nun ist sie wieder da. Die letzte Etappe: Das moderne Kinderkrankenhaus im Stadtzentrum. Ort der Hoffnung für die kleine Zhenlian. Der Arzt hat eigentlich schon Feierabend, ist für diesen Notfall aber zurück auf die Intensiv-Station gekommen. Er und Lily kennen sich mittlerweile gut. Es muss schnell gehen. Lily hat wieder einem Kind eine Chance gegeben, weiterzuleben.

Aber es ist jedes Mal nur eine Chance verbunden mit viel Hoffnung: Das Mädchen Jingxi, das wir am Anfang zurück ins Waisenhaus begleitet haben, starb wenige Wochen nach den Dreharbeiten – plötzlicher Atemstillstand. Auch mit solchen Nachrichten muss Lily leben. 

Autorin: Sascha Storfner, ARD-Studio Peking

Stand: 08.04.2018 20:07 Uhr

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