SENDETERMIN So, 05.11.17 | 19:20 Uhr | Das Erste

Honduras: Das Camp der guten Hoffnung

Honduras: Das Camp der guten Hoffnung

Wir haben die unsichtbare Grenze bereits hinter uns gelassen, vor etwa zehn Minuten. Niemand aus den besseren Vierteln von San Pedro Sula würde freiwillig hierher kommen, denn dies ist das Territorium der brutalen Jugendbanden. Name des Viertels: Cerrito Lindo. Kleiner, schöner Hügel. Natürlich haben wir unseren Aufenthalt vorher angekündigt, nur so kommt man heil wieder heraus. Unser Ziel: ein Hinterhof, in dem ein paar Nachbarn die obdachlosen Kinder betreuen. Die meisten von ihnen – verwahrlost und längst Mitglieder der Banden. Trotz der Nachbarschaftsinitiative rutschen die meisten Kids ab in die Welt der Drogen und der Gewalt. "Wenn die Jungen von ihren Bossen in andere Gegenden geschickt werden, dann überleben nicht mehr viele von ihnen", sagt der Elektriker und freiwillige Sozialarbeiter Jeremias Bogada. "Sie kennen die Leute nicht, sie wissen nicht, wohin man bei Gefahr flüchtet. Naja, dann überleben gerade mal 25 Prozent."

 Hunderttausende Straßenkinder gibt es in Honduras

Straßenkind
Hunderttausende Kinder leben in Honduras auf der Straße.

Honduras: Hunderttausende Straßenkinder sind ohne Familie, ohne Halt und ohne Perspektive. Idealer Nährboden für das Gedeihen der Jugendgangs. Aus ihren Fängen kann sich kaum eines der obdachlosen Kinder befreien, außer, sie bekommen einen Platz in einer der besten Jugendstiftungen des Landes – wie Alex Moya. Der 14-Jährige wurde als Kleinkind von seinem Vater verlassen. Doch weitaus schlimmer war, was er erleben musste, als ein Drogenboss bei ihm zuhause einbrach: "Meine Mutter ist aufgesprungen und der Gangster hat plötzlich gesagt: 'Ich zeig’ dir jetzt, warum ich hier bin.' Und dann hat er eine Pistole genommen und meiner Mutter ins Herz geschossen. Und ich bin losgerannt, um Hilfe zu holen."

Im Camp herrschen feste Strukturen

Kinder beim Fußballspielen
70 Kinder werden im Ahle-Jugend-Camp betreut.

Viertel vor fünf. Langsam kommt Bewegung in das Jugend-Camp. Waschen, Zähneputzen, Betten machen und dann das Pflichtprogramm. Dazu gehört auch, beim Frühstück zu helfen. In der Stiftung Ahle – übersetzt heißt das "menschliche Aktion" – hat jeder der 70 Jungen täglich mehrere Jobs zu erledigen, Ausreden gibt es nicht. Vielleicht sind diese Strukturen das Geheimnis des geradezu unwahrscheinlich erfolgreichen Projekts. Grenzen für Kids, die zwar geschlagen, aber nie erzogen worden sind, die schon mit einem Bein im Grab standen und deren Leben keine Gesetze kannte. Verprügelt, verstoßen, für 100 Euro verkauft an Kinderporno-Ringe, oder allein gelassen von den Eltern, die von heute auf morgen in die USA gezogen sind. Unter ihnen auch ein heute Elfjähriger, der als Säugling von der Feuerwehr in einer Mülltonne gefunden wurde. 70 Kinder – 70 Schicksale. Dass sie heute hier Fußball spielen können ist eigentlich ein Wunder. "Auf der Straße hast du immer Hunger", erzählt der 19-jährige Miguel Carranza Figerroa. "Manchmal geben die Bosse dir eine Aufgabe und wenn du dabei versagst, wirst du geschlagen und getreten, bist du schreist, dass du nicht mehr kannst. Und manchmal verlierst du dabei sogar dein Leben."

Die Jungen sind erfolgreich in der Schule

Kinder in der Schule
Direkt neben dem Ahle-Jugend-Camp liegt eine staatliche Schule.

Anderthalb Autostunden von San Pedro Sula entfernt liegen das Ahle-Jugend-Camp und die benachbarte staatliche Schule. Weil die Kids jetzt eine exzellente Betreuung haben und Nachhilfe, wenn es hakt, haben eigentlich alle die Schule geschafft. Die besten von ihnen studieren heute sogar an der Universität. Computerunterricht gehört wie selbstverständlich zur Ausbildung in der Stiftung. Die Jungen sollen vorbereitet sein für ein anderes, ein besseres Leben. "Zuerst hatte ich ziemliche Angst, dass ich den Computer vielleicht kaputtmache", erzählt der 16-jährige Antony Joan Carlos. "Denn zuvor habe ich den Computer ja noch nie benutzt." Gegründet wurde die Stiftung Ahle 1994 von einem deutschen Geschäftsmann. Werkstätten, Lehrräume, Unterkünfte und ein moderner Medizin-Trakt, der gerade im Entstehen ist, fast ausschließlich durch Spenden finanziert. Hier können die Jungs zum Beispiel zum Schreiner oder zum KFZ-Mechaniker ausgebildet werden. Wer hier gelernt hat, bekommt mit Sicherheit später einen Job.

Die Lehrer sind quasi vom Fach

Stiftungsleiter Marvin López
Stiftungsleiter Marvin López war früher selbst ein Straßenkind.

Wir begleiten den Stiftungsleiter Marvin López auf seiner Rundtour durch die Provinz. Er ist stets wachsam, denn die Banden werden gerade auf dem Lande immer stärker. Überall zu finden: Siedlungen, in denen die Menschen ohne Strom und fließendes Wasser in Wellblechhütten leben. Marvin berichtet uns, dass aus solchen illegalen Slums die Mehrheit der späteren Straßenkinder stammt. Und er muss es wissen: er war selbst einer von ihnen. Das Erfolgsrezept der Stiftung: Die Lehrer sind quasi vom Fach und werden von den Schülern anerkannt. 

Zurück im Jugend-Camp – Gebet vor dem Abendessen. Natürlich gibt es auch in diesen Mauern Aggressionen, ab und zu muss einer der Jungs wieder zurück auf die Straße, weil er zu viel Mist gebaut hat. Aber das ist die Ausnahme. "Das Hauptproblem ist das Versagen der Familie und das komplette Fehlen von staatlichen Sozialprogrammen", sagt Marvin. "Das hat schwerwiegende Konsequenzen für unsere Gesellschaft. In Honduras ist eine gesunde Kindheit und Jugend fast unmöglich."

 Wie neu geboren

Alex, der den Mord an seiner Mutter anschauen musste, liebt das Musizieren, den Gleichklang mit seinen neuen Freunden. Er kommt jetzt so langsam zurecht mit seinen Albträumen und seinen Ängsten. Er fühlt sich, sagt er uns, als ob er neu geboren wäre. "Wenn alles gut läuft, schaffe ich es vielleicht sogar zu studieren", sagt er. "Ich hätte das alles hier so gerne meiner Mutter gezeigt, und auch, dass ich niemals aufgeben werde. Ich hoffe, dass sie das alles vom Himmel aus sieht."

Natürlich: 70 Kinder von hunderttausenden, die Stiftung Ahle ist in Honduras nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber einer, der Mut macht und der aus Drogenkids selbstbewusste, fröhliche und manchmal sogar tanzende junge Menschen werden lässt. Hier, im Camp der guten Hoffnung.

Autor: Thomas Aders, ARD-Studio Mexiko

Bei Fragen zur Ahle-Stiftung können Sie sich an die NDR Weltspiegel Redaktion wenden, E-Mail weltbilder@ndr.de, oder an die Zuschauerredaktion von Das Erste, E-Mail info@DasErste.de.

Stand: 05.11.2017 21:10 Uhr

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