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Syrien: Die Überlebenskünstler von Aleppo

Syrien: Die Überlebenskünstler von Aleppo

Gut anderthalb Kilo bringen die Hähnchen auf die Waage, wenn sie auf die Stange gespießt werden und im Straßengrill verschwinden. Eine Szene vollkommener Normalität – auf so etwas waren wir nicht vorbereitet. Genau so wenig wie auf Menschen, die ihren täglichen Geschäften nachgehen oder Brot und Gemüse kaufen. Nicht in dieser Stadt! Shoppen in Aleppo – wer hätte das gedacht?

Gerade erst haben wir die Wirtschaftsmetropole erreicht, die ehemalige Wirtschaftsmetropole, es sind diese Bilder, die uns schockieren, aber nach vier Jahren Bürgerkrieg nicht überraschen können.

Auch was uns die Menschen gleich nach unserer Ankunft im Viertel Salah Addin berichten: grausam, bewegend, aber gleichzeitig erwartbar. Denn hier in Aleppo herrscht Krieg – bis zum heutigen Tag.

Ein Anwohner zeigt uns, was derzeit die größte Gefahr ist: Gasflaschen wie diese, die die Gegner Assads mit Katapulten in die Wohngegenden schleudern. Wenn die explodieren, sagt er, brennt alles. Nicht nur das Regime ist unmenschlich!

Bis zum Mittag fallen über 20 Gasflaschen und Granaten allein auf das Viertel Salah Addin – und gleichzeitig meistern die Menschen ihr Leben, irgendwie, kämpfen verzweifelt um jedes Fünkchen Normalität. Auch die Kinder. Doch der Wahnsinn wartet um die nächste Ecke.

Das ganze Haus hat gebebt, sagt Aische, ich bin aus dem Bett gefallen. Wir sind runter gerannt, dann fiel eine zweite Rakete – und noch eine.

Alles war voll Staub, wir konnten nichts mehr sehen, erinnert sich Ahmed, alle sind gerannt. Als sie wieder stehen blieben, kamen die nächsten Granaten, dabei sind viele Leute gestorben und verletzt worden.

Freitags ist es am schlimmsten, meint Mohammed. Dann fallen alle fünf Minuten Raketen. An andern Tagen sind es weniger, vielleicht sechs.

Ich vermeide Orte, an denen viele Menschen sind. Je mehr, desto einfacher wirst du zur Zielscheibe. Hast du Angst, fragen wir den elfjährigen Mohammed. "Ja, ein wenig." Was macht dir am meisten Angst? "Die Raketen." Wenn sie explodieren? "Ja, dann habe ich große Angst!"

Aisches Handy klingelt. Die Mutter ruft an, sie macht sich große Sorgen, die Dreizehnjährige verabschiedet sich eilig. Die Angst in Aleppo – ein ständiger Begleiter.

In dieser Nacht ist es besonders schlimm: Die Kriegsparteien beschießen sich mit Raketen und Granaten fast im Minutentakt.

Und mittendrin: das Restaurant "Al-Ittihad" mit Swimmingpool, übersetzt "Einheit". Kaum ein Name könnte grotesker sein. Die Gäste lauschen der bekannten Sängerin Rana und ihren Liebesliedern, krampfen sich fest am Alltag, den es nicht mehr gibt. Die Einwohner von Aleppo: Weltmeister im Weitermachen.

Restaurantbesucherin:

»Irgendwann entwickelst du den Mut, wieder ein normales Leben zu führen. Wenn wir aufgeben und immer zuhause bleiben, dann könnten wir genauso gut das Land verlassen.«

Restaurantbesucherin:

»Wenn wir nur an den Krieg denken, dann haben wir doch nichts mehr von unserem Leben. Es gibt Tage, die schwierig sind. Aber die restlichen Tage sind okay.«

Wir sind mit der syrischen Armee unterwegs und dürfen nur das drehen, was unverfänglich ist: keine Panzer, keine Kontrollposten. Immer wieder: Schutzwände aus Sandsäcken… überall lauern Scharfschützen.

Geschafft. Die Arkaden bieten ein wenig Sicherheit. Hier treffen wir Abu Nour, den Platz vor seinem kleinen Krämerladen dürfen wir nicht drehen, ein Militär-Checkpoint ist genau um die Ecke.

Abu Nours Kundschaft am Rande der Altstadt von Aleppo ist kriegsbedingt von 3.000 auf 30 geschrumpft, kaum ein Zivilist lebt noch im Viertel.

Abu Nour, Lebensmittelhändler:

»Seit dem Beginn der Kämpfe habe ich meinen Laden noch nie geschlossen. Oben bei der Zitadelle sind die anderen Geschäfte in Flammen aufgegangen. Na ja, und jetzt bin ich der einzige.«

"Gerade gestern ist hier eine Granate explodiert", sagt der 60-Jährige, "genau vor meinem Laden. Alles ist verwüstet worden. Aber, so ist das: was Gott will, das passiert."

Abu Nour, Lebensmittelhändler:

»Vier Mal haben sie auf mich geschossen, einmal haben sie getroffen. Wir riskieren unser Leben für unser tägliches Brot. Was sollen wir machen?«

Abu Nour – ein Überlebenskünstler, wie man ihn nur selten trifft. Gleich hinter seinem Krämerladen beginnen die schmalen Gassen der Altstadt.Tausende drängelten sich dereinst in einem der schönsten Bazare des Nahen Ostens. Hier wurde gefeilscht, gehandelt und gelacht.

Unter der Zitadelle: die Apokalypse von Aleppo. Doch selbst hier: Spuren von Leben. Pizza mit feurigem Tomatenmark, die Kunden sind fast alle Soldaten.

Abdel Ghanni Birbana, Pizzabäcker:

»Die Scharfschützen sind unser Hauptproblem, sagt der Pizzabäcker, sonst ist alles gut. Gottseidank.«

Egal, wie schlimm es ist – die Menschen in Aleppo halten durch. Das ist die eigentliche Überraschung.

Autor: Thomas Aders/ARD Studio Kairo

Stand: 13.07.2015 13:34 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.