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Indonesien: Mit dem Schlagstock für die Scharia

PlayIndonesien stand lange für einen toleranten Islam. Das scheint sich zu ändern.
Indonesien: Mit dem Schlagstock für die Scharia

Scheinwerfer leuchten in die Nacht. Im Schrittempo patrouilliert die Scharia-Polizei durch Banda Aceh. Die Beamten scheuchen Liebespärchen auf. "Geht nach Hause. Es ist spät." Die Männer überwachen, dass die Scharia eingehalten wird. Das muslimische Recht: Alkohol, Händchenhalten, Flirten zwischen Unverheirateten – laut Scharia alles verboten. "Wir haben sie angewiesen, Platz zwischen sich zu lassen. Oder nach Hause zu gehen", sagt Scharia-Polizist Iklasillah. "Wenn wir das nachher nochmal sagen müssen, dann nehmen wir sie mit aufs Revier."

Fast uneingeschränkte Macht

Im Schrittempo patrouilliert die Scharia-Polizei durch Banda Aceh. Die Beamten scheuchen Liebespärchen auf.
Im Schrittempo patrouilliert die Scharia-Polizei durch Banda Aceh.

Die Macht der Moralwächter ist beinahe uneingeschränkt. Sie stürmen Hotelzimmer, Karaoke-Bars und die Restaurants entlang der Straße. Blitzschnell sind die Tische und Stühle leer. Ängstlich verschwinden die jungen Pärchen in die Nacht. Eine umgefallene Cola: frische Spuren von unerlaubter Zweisamkeit. "Wir sind ja verheiratet", erklärt sich diese junge Frau. "Wir haben nur noch nicht unsere Namen im Ausweis geändert."

"Die Scharia schützt unser Gemeinwesen"

Pause von der Patrouille – die Beamten wollen beten. Die Provinz Aceh war schon immer streng konservativ. Jahrzehntelang kämpften hier muslimische Separatisten gegen die Regierung. Erst nach dem verheerenden Tsunami 2004 kam der Friede. Mit einem Zugeständnis: Die Regierung erlaubte die Scharia. "Die Scharia schützt unser Gemeinwesen", sagt Iklasillah. "Ich passe auf, dass sich alle an die Regeln halten, vor allem die jungen Leute. Das ist meine religiöse Pflicht."

25 Schläge mit der Bambusrute

Wen die Moralwächter schnappen, dem droht die Auspeitschung.
Wen die Moralwächter schnappen, dem droht die Auspeitschung.

Wen die Moralwächter schnappen, dem droht eine schmachvolle Strafe: die öffentliche Auspeitschung. Acht junge Leute sind es diesmal. In Handschellen werden sie zur Moschee gebracht. Unter ihnen Kurnia, 22 Jahre alt. "Ich habe gesündigt", sagt Kurnia. "Ich rate den Jungen, geht nicht über die Grenzen der Scharia. Weil das tut weh." Die Männer und Frauen sind verurteilt zu jeweils 25 Schlägen mit der Bambusrute. Auch Kurnias Freundin. Der Vollstrecker, ein Mann ohne Stimme und Gesicht, wartet schon. Die Pärchen wurden bei einer Straftat erwischt, die anderswo nicht der Rede wert ist: beim Treffen zu zweit, vielleicht mit Kuss. Heute sollen die jungen Leute dafür büßen.

Auspeitschung als Volksfest

Die Auspeitschung ist ein Volksfest. Auch diese Schülerinnen wollen dabei sein. "Als junges Mädchen tut mir natürlich leid, dass die bestraft werden", sagen sie. "Aber, wenn du dich mit Religion beschäftigst, dann weißt du: Was die gemacht haben, ist verboten. Die haben gesündigt." Die Peitsche tut weh. Aber es geht nicht um den Schmerz. Das Auspeitschen soll demütigen. Öffentlich und vor aller Augen. "Das ist dein Ende", rufen die Leute. "Beim nächsten mal bist du tot." Oft halten die Gepeinigten die Schmach nicht aus und werden ohnmächtig.

"Konservative Kräfte werden stärker"

Am härtesten trifft es die Frauen, sagen Aktivisten. Nach so einer Auspeitschung kommen sie kaum wieder auf die Beine. Oft müssen Sie wegziehen. Sie verlieren ihren Job.
Am härtesten trifft es die Frauen, sagen Aktivisten.

Indonesien stand lange für einen toleranten Islam. Es scheint sich zu ändern. In der Hauptstadt Jakarta haben muslimische Hardliner gerade den christlichen Gouverneur aus dem Amt gedrängt. Zwei Jahre Haft. Wegen angeblicher Gotteslästerung. Immer mehr Geld aus dem erz-konservativen Saudi Arabien fließt nach Indonesien. Für neue Moscheen, Schulen und Unis. "Auch hier in Aceh werden die konservativen Kräfte stärker", sagt die Aktivistin Ratna Sary. 340 Menschen wurden im letzten Jahr in Aceh ausgepeitscht. Dieses Jahr sind es vielleicht noch mehr. Die Scharia-Polizei missbrauche ihre immer größere Macht: "Am härtesten trifft es die Frauen", sagt die Aktivistin. "Sie seien unmoralisch, heißt es. Nach so einer Auspeitschung kommen die jungen Frauen kaum wieder auf die Beine. Sie müssen wegziehen. Sie verlieren ihren Job."

Vier Monate Gefängnis wegen einer Liebesbeziehung

Die Auspeitschung ist nun im vollen Gange. Kurnia, der junge Mann, ist an der Reihe. Auch er erhält 25 Hiebe durch den Agojo, den Vollstrecker. Dann werden die Zuschauer nach Hause geschickt. Das Schauspiel ist zu Ende. Und Kurnia ein freier Mann. Vier Monate lang hatte er im Gefängnis gesessen: wegen seiner unerlaubten Liebesbeziehung. Jetzt will Kurnia ins Café und erzählen. Er fühlt sich wie ein Verbrecher. "Ich habe noch nie etwas im Leben verbrochen", sagt er. "Ich möchte so etwas nicht noch einmal erleben. Mein Herz hat so gepocht." Kurnia ist erleichtert, alles hinter sich zu haben. Seine Freundin Cici hat er heute nur kurz gesehen. Bei der Auspeitschung auf der Bühne. Mit ihr hat Kurnia jetzt große Pläne: "Ich will die Eltern meiner Freundin besuchen. Und über die Zukunft sprechen. Vielleicht kann ich sie bald heiraten."

Mit weiblichen Beamten auf Patrouille

Die Macht der Moralwächter ist beinahe uneingeschränkt. Sie stürmen Hotelzimmer, Karaoke-Bars und die Restaurants entlang der Straße.
Auch Frauen gehören der Scharia-Polizei an.

Die Scharia-Polizei ist wieder auf Patrouille. Diesmal dürfen wir die weiblichen Beamten begleiten. Auf der Pritsche mitfahren ist dem Kameramann nicht erlaubt. Zu viel Nähe zwischen Mann und Frau. Per Lautsprecher erinnern die Moralwächterinnen daran, immer ein Kopftuch zu tragen. Niemals aber: enge Jeans. Die Scharia lässt nicht viel an Freuden zu.

Autor: Philipp Abresch, ARD Südostasien

Stand: 18.06.2017 20:35 Uhr

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