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USA: Jagd auf illegale Migranten

PlayMenschen im Keller der Arch Street United Methodist Church in Philly.
USA: Jagd auf illegale Migranten

Nur im Keller der Kirche fühlt sich Javier Garcia sicher. Aus Angst vor Abschiebung hat der Mexikaner das Gotteshaus seit Trumps Wahlsieg vor sieben Monaten nicht verlassen. Er war heimlich über die Grenze gekommen, vor 20 Jahren schon, arbeitet seither ohne Aufenthaltsgenehmigung in den USA. Javiers Familie besucht ihn an seinem Zufluchtsort. "Es ist schwer, vor allem unsere Kinder leiden", sagt Javier Garcia. "Sie weinen viel, beklagen sich oft. Und ich spüre – sie haben kein unbeschwertes Leben, wie wir es früher genießen konnten."

Hartes Durchgreifen gegen sogenannte Illegale

Javier Garcia.
Nur im Keller der Kirche fühlt sich Javier Garcia sicher.

Denn Präsident Trump greift hart durch gegen Millionen sogenannter Illegaler. Javier wurde wegen Alkohols am Steuer erwischt, landete aber dann auf der Abschiebeliste, bekam gar eine elektronische Fußfessel. Auch Javiers Lebensgefährtin Alma droht die Abschiebung. Nur ihre in den USA geborenen Kinder dürfen wohl bleiben – aber wie soll das gehen, ohne Eltern? "Mich macht es so traurig, dass ich nur wenig an unserer Situation ändern, unseren Kindern nicht mal ein wenig Glück bieten kann", sagt Alma. "Sie fragen, warum wir in dieser Lage sind – dann sag ich: 'Das werdet ihr verstehen, wenn ihr groß seid.'"

Pastor findet Vorgehen "unmoralisch und ungerecht"

"Das ist keine Gerechtigkeit, das ist unmoralisch und ungerecht", sagt Pastor Robin Hynicka.
"Das ist keine Gerechtigkeit, das ist unmoralisch und ungerecht", sagt Pastor Robin Hynicka.

"Fürchtet Euch nicht, der Herr bewahrt Euch vor dem Bösen!", so tröstet Pastor Robin Hynicka seine Schützlinge. Trumps Abschiebepolitik hält der Geistliche für gottlos. "Was gerade auf unseren Straßen passiert, dient doch nicht der Verbrechensbekämpfung. Es geht um Quotenvorgaben, darum, Wähler bei Laune zu halten", sagt er. "Das ist keine Gerechtigkeit, das ist unmoralisch und ungerecht." Doch der Präsident will die unerbittliche Härte des Gesetzes zeigen. Vielerorts machen Spezialagenten des Heimatschutzministeriums regelrecht Jagd auf Illegale.

Mit kugelsicheren Westen gegen Illegale

ICE steht auf den kugelsicheren Westen, Abkürzung für Immigration and Customs Enforcement, eine Sondertruppe, die schon Obama einsetzte. Martialisch bewaffnet ziehen diese Männer vermeintliche Verbrecher aus dem Verkehr. Trump macht Ernst: Wer keine gültige Aufenthaltsgenehmigung hat, kann kaum mit Milde rechnen. Das gilt auch für viele, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Ein Interview dazu lehnt ICE ab.

Wachsender Widerstand gegen Trumps Politik

Doch es gibt wachsenden Widerstand gegen Trumps Abschiebepolitik, etwa in Philadelphia, hier werden illegale Einwanderer de facto geduldet. So machen es viele US-Metropolen, die örtliche Polizei fragt einfach nicht nach gültigen Papieren. So vermeidet die Stadt ein Klima der Angst. "Wie soll Philadelphia funktionieren, wenn die Bürger Angst haben, die Polizei zu rufen, wenn sie lieber nicht im Krankenhaus auftauchen, ihre Kinder aus Furcht nicht in die Schule schicken?", sagt Helen Gym, Stadträtin der Demokratischen Partei. "Deshalb versprechen wir als Zufluchtsstadt: Wir werden die Einreisebestimmungen nicht durchsetzen. Das sollen die Bundesbehörden machen."

Pilzfarmer fürchten Arbeitskräftemangel

Etliche Einwanderer ohne gültige Aufenthaltserlaubnis arbeiten in den Pilzfarmen vor den Toren Philadelphias.
Etliche Einwanderer ohne gültige Aufenthaltserlaubnis arbeiten in den Pilzfarmen vor den Toren Philadelphias.

Kennett Square vor den Toren Philadelphias, nirgendwo in Amerika werden mehr Pilze geerntet. Akkordarbeit in fensterlosen Hallen – hier schuften fast ausschließlich Einwanderer ohne gültige Aufenthaltserlaubnis. Nun fürchten die Farmer um ihre billigen und willigen Arbeitskräfte. Viele Unternehmen stemmen sich gegen Trumps Abschiebepolitik. "In ein paar Monaten könnte es ein Drittel unserer Betriebe nicht mehr geben", sagt Meghan Klotzbach vom Verband der Pilzfarmer Pennsylvanias. "Es gab auch früher schon mal Arbeitskräftemangel, aber jetzt fürchten wir echt um unsere Zukunft. Wir sehen einfach keine gute Lösung. Das könnte viele von uns in die Pleite treiben."

Familien werden auseinandergerissen

Menschen im Keller der Arch Street United Methodist Church in Philly.
Loida Dominga fürchtet die Abschiebung und dass ihre Kinder dann alleine in den USA zurückbleiben.

Die Reihen der Arbeiter lichten sich, auch in Pilzfarmen wird schon gezielt nach Illegalen gefahndet. So hat es hier Ever Domingo erwischt, der aus Guatemala in die USA kam und nun in Abschiebehaft sitzt. In der kleinen Wohnung lebt jetzt nur noch seine Frau mit den Kindern. Auch Loida hat keine Aufenthaltsgenehmigung. Eine Anwältin hilft beim Kampf ums Bleiberecht – doch es sieht düster aus. ICE-Beamte hatten Ever bei einer Verkehrskontrolle angehalten. So gehen ihnen die meisten Illegalen ins Netz. Loida hat längst gehört, dass Familien durch die Polizei auseinandergerissen werden. "Wenn ich in den Nachrichten von abgeschobenen Migranten höre, gar von Müttern, die sie abschieben, dann befürchte ich dasselbe Schicksal", sagt sie. "Und ich habe große Angst, meine Kinder hier alleine zurückzulassen." Ihre Älteste hat die Verhaftung des Vaters mitbekommen, seitdem versteckt sich die Siebenjährige weinend vor jedem Uniformierten.

"Unsere Freiheitsbewegung wird weitergehen"

Der Pastor und seine Gemeinde machen sich für die Familie stark.
Der Pastor und seine Gemeinde machen sich für die Familie von Javier Garcias stark.

Ein Hauch von Hoffnung umweht derweil die Methodistenkirche, wo Javier Garcia noch immer Schutz genießt. Der Pastor und seine Gemeinde machen sich für die Familie stark. Sie sammeln Unterschriften, fordern per Petition ein Visum für Javier. "Wenn sich das System für das Falsche entscheidet, schreckt uns das nicht", sagt Robin Hynicka. "Unsere Freiheitsbewegung wird weitergehen." Schon wieder müssen sie Abschied nehmen, Javiers Kinder sollen nun der Unterschriftensammlung noch mehr Nachdruck verleihen bei der US-Einwanderungsbehörde. Es ist wohl ihre letzte Chance, in den USA zu bleiben. Weil Javier befürchtet, jeden Augenblick verhaftet zu werden, muss er schweren Herzens zurückbleiben. Er will für ein Wunder beten, im Keller der Kirche.

Autor: Stefan Niemann

Stand: 18.06.2017 20:10 Uhr

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