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USA: Trumps Mauer überwunden

PlayJunger Mann an einem hohen Zaun
USA: Trumps Mauer überwunden | Bild: SWR

Auch wenn die "große Mauer" noch nicht gebaut ist, die USA und Mexiko trennt ein hoher Zaun. Direkt davor, auf mexikanischer Seite, hat Weltspiegel-Reporterin Joana Jäschke im November 2016 Macario kennengelernt, 16 Jahre alt und nur ein Ziel im Kopf: die USA.

Nun trifft sie ihn wieder, in Kalifornien. "Wenn ich mir was in den Kopf setze, dann schaffe ich das auch", sagt der junge Mexikaner über sich selbst. Aber welchen Preis zahlt er für seinen Traum? Kein offizieller Job, keine eigene Wohnung – Macario führt ein unsichtbares Leben. Sein einziger Lichtblick ist die Musik. Ein Portrait von Joana Jäschke (SWR Stuttgart).

Gesicht eines jungen Mannes mit Kopfhörern vor Mikrofon
Macario rappt über das, was ihn bewegt | Bild: SWR

Seine Flucht, sein Grenzübertritt, sein neues Leben - davon handeln seine Lieder,  das sind seine Themen. Macario lebt seinen amerikanischen Traum: “In dieser Welt ist alles möglich. Nichts ist schwierig. So wie bei mir. Ich hab mir gedacht, das ist superschwer in die USA zu kommen. Und jetzt bin ich hier. So schwer war das gar nicht. Wenn ich mir was in den Kopf setze, dann schaffe ich das auch.“

Nach einem Jahr kam eine Nachricht per E-Mail

Kennengelernt haben wir Macario im November 2016 in Tijuana, an der Grenze zu den USA. Damals war Donald Trump gerade ins Amt gewählt, Macario war 16 Jahre alt und Macario  hatte es eilig, rüberzukommen. “Ja, das müsste gehen, aber das Problem ist: Wenn du da oben bist, und sie sehen dich, dann weißt du nicht wo du hinsollst, weder vor, noch zurück“, war er damals überzeugt, als er uns den Zaun vorstellte. Fast ein Jahr lang hat Macario sich in Tijuana und Umgebung aufgehalten. Die Gegend ausgekundschaftet. Die Grenzpolizei ausgespäht. Sein Vorhaben ist riskant. Jedes Jahr sterben hunderte Migranten bei dem Versuch illegal in die USA zu kommen. Dennoch war er überzeugt: “Aber ich muss da trotzdem rüber. Ich muss selbst erleben wie es sich anfühlt, dort zu leben.“ Danach reißt der Kontakt ab. Mehr als ein Jahr lang hören wir nichts. Im Januar dann diese Nachricht per E-Mail: “Hier ist Macario. Es hat geklappt, ich lebe jetzt in den USA.“

Zwei Jungen an einem hohen Zaun, der ins Meer hineinragt
Nachts ist Macario über diesen Grenzzaun geklettert | Bild: SWR

Als wir ihn wiedertreffen, erzählt er mit leuchtenden Augen von seiner Flucht. Im letzten November war der Moment gekommen: Bei Nacht brach er auf, kletterte über diesen  Grenzzaun: “Ja, du bist bist nervös, du merkst, wie sich Dir die Kehle zuschnürt. Du fühlst das Adrenalin, und du rennst so schnell du kannst. Die Grenzpatrouillen sind hinter dir her. Du versteckst dich. Wie in einem Videospiel. Aber wenn du es schaffst, fühlt es sich gut an“, erzählt er. Für ihn sieht der amerikanische Traum so aus: Er möchte Musik machen, Erfolg haben, Geld verdienen – bisher hat er ein paar Clips auf Youtube veröffentlicht.  Macario hofft auf  ein besseres Leben als daheim im Süden von Mexiko. Irgendwo in Kalifornien lebt er jetzt. Wo genau, dürfen wir nicht sagen, um ihn nicht zu gefährden.

40% der Einwohner Kaliforniens sind Latinos. Fast alles hier ist zweisprachig. Selbst wir kommen mit Spanisch fast besser zurecht als mit Englisch. Die große Latino-Community macht es leicht, einen Job zu finden. Macario arbeitet in der Küche eines Restaurants. Filmen dürfen wir dort nicht. Die meisten Latinos gehen dahin, wo schon Familie wohnt. Auch Macario. Sein Bruder lebte schon vor ihm in den USA. Wie Macario arbeitet auch Simon in einem Restaurant. Und spart für die Zukunft in Mexiko: Haus, Kinder – lange bleiben will er nicht. “Es sind die äußeren Umstände, die uns hierher treiben. Hier können wir Geld verdienen. Wir sind nicht hier, weil es hier irgendwie schöner wäre“, erklärt Simon.  

Mexikaner machen die Jobs, die andere nicht machen wollen

Simon lebt seit zwei Jahren in Kalifornien. Die Stimmung, sagt er, habe sich verändert, sei feindlicher geworden, seitdem Donald Trump Präsident ist. Und fügt noch hinzu: Dabei profitieren die USA doch von unserer Schufterei: Auf den Feldern, in Restaurants überall arbeiten wir Mexikaner. Und machen die Jobs, die sie nicht machen wollen.“

Macario filmt für uns, wie er lebt: Genau wie sein Bruder auch bei einer 5-Köpfigen Familie. “Das ist der Herd, die Mikrowelle, das ist das Esszimmer. Das hier ist mein Zimmer.“ 400 Euro zahlt er im Monat. Die Vermieter stammen ebenfalls aus Mexiko, haben ebenfalls keine Papiere. Ein gutes Geschäft für alle. Gut 1000 Dollar verdient Macario im Monat. 10 Mal so viel wie er in Mexiko bekommen würde. Einen Teil des Geldes schickt er heim zu seinen Eltern. “Mal 100 Dollar, oder mal nur 50 – Macario lebt jetzt in den USA das ist schon was da drüben. Das hilft schon. Von hier aus ist das leichter“, erklärt er. Diese Geldzahlungen aus den USA machen einen beachtlichen Teil der mexikanischen Wirtschaftskraft aus. Viele Familien sind darauf angewiesen.

Gesicht eines jungen Mannes
Macario lebt jetzt in den USA | Bild: SWR

Macario versucht, nicht weiter aufzufallen. Außer seinem Bruder und einem Kumpel hat er in den USA niemanden. “Wir gehen nicht groß raus, besaufen uns nicht. Wir gehen Skaten oder gehen mal was Essen. Du musst Dir immer bewusst sein, dass Du illegal bist. Wenn die Polizei dich erwischt, fliegst Du halt raus.“ Angst hat er nicht. Weder vor den Behörden, noch vor der Nationalgarde, die bald an der Grenze patrouillieren soll. Und erst recht nicht vor Trumps geplanter Mega-Mauer. Noch sind es nur Prototypen, die an der Grenze bei Tijuana stehen. “Wenn sie mich ausweisen, dann packe ich meine paar Sachen und mache erstmal in Mexiko weiter. Ich mache mir da noch keinen großen Kopf. Und die Mauer, die kommt so schnell sowieso nicht. Tausende Kilometer  die kriegt er auch in einem Jahr nicht gebaut“, ist er sich sicher. Selbst wenn sie ihn erwischen – er würde es erneut versuchen. Den Weg in die USA, meint Macario, den kennt er ja bereits.

Stand: 06.08.2018 14:23 Uhr

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