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England: Bittere Armut wegen Bürokratie

England: Bittere Armut wegen Bürokratie

Jeden Donnerstag. Seit zwei Jahren. Charlotte Hughes macht sich auf den Weg. Ihr Ziel das Arbeitsamt in Ashton – Under-Lyne bei Manchester. "Die Leute, die nicht viel verdienen, werden abgehängt. Dieses Land interessiert sich nicht für sie. Ich habe das immer als große Ungerechtigkeit empfunden", sagt sie.

Katastrophale Situation von Jobsuchenden

Jede Woche steht Charlotte Hughes vor dem Arbeitsamt, informiert Jobsuchende über ihre Rechte und tröstet.
Jede Woche steht Charlotte Hughes vor dem Arbeitsamt, informiert Jobsuchende über ihre Rechte und tröstet.

Als ihrer schwangeren Tochter die Sozialhilfe gestrichen wird, beschließt Charlotte aktiv zu werden. Seitdem steht sie einmal die Woche vor dem Arbeitsamt. Informiert Jobsuchende über ihre Rechte, wie man sich gegen Sanktionen wehren kann. "Manche kommen hier mitten im Winter ohne Schuhe. Und letztens ist jemandem bestraft worden, weil er keine Schuhe anhatte. Die haben ihm das Geld gestrichen nur weil er ohne Schuhe reingegangen ist. Das geht doch nicht."

Drinnen drehen dürfen wir nicht. Und so ist es nicht zu beurteilen, was sich tatsächlich im Arbeitsamt abspielt. Aber die Hilflosigkeit. Die Armut draußen – sie ist beklemmend. Rosemary Taylor hat sich gerade von ihrem Mann getrennt, weil er sie geschlagen hat. Wohin mit den vier Kindern. Ohne Geld. Ohne Sozialhilfe. "Das Infoblatt hilft mir nicht. Sie geben mir einfach nichts." Charlotte muss Rosemary trösten.

"Sie haben ihre staatliche Beihilfe für Arbeitsunfähigkeit gestoppt. Sie hat Widerspruch eingereicht, in der Zwischenzeit haben sie ihr jegliche Zuschüsse gestrichen. Sie hat jetzt nichts mehr", erzählt Charlotte.

Labyrinth der Bürokratie

Rosemary ist verzweifelt – ihre Leistungen wurden gekürzt.
Rosemary ist verzweifelt – ihre Leistungen wurden gekürzt.

Das Nadelöhr zur Wohlfahrt ist klein in Großbritannien. Die Hürden sind erhöht worden in den vergangenen Jahren, um Sozialschmarotzer zu entmutigen. Rosemary hat wochenlang versucht sich durchs Labyrinth der Bürokratie zu kämpfen. Sie ist gescheitert. Die 53-Jährige sagt sie habe Arthrose. Den Anschluss an die Arbeitswelt längst verloren. "Ich soll wieder nähen. Kann ich aber nicht mehr. Und ich finde sowieso keinen Job. Das ist so unfair."

Das britische Arbeitsministerium geht auf den Einzelfall nicht ein. Schriftlich antwortet man uns: Sanktionen seien wichtiger Teil des Wohlfahrtsystem. Und es sei richtig ein System zu haben, die wenigen anzugehen, die nicht genügend Einsatz zeigen einen Job zu finden. Doch was, wenn man nicht mehr gebraucht wird. Wenn es keine Jobs gibt. Gerade hier im Norden Englands sind durch den Abbau der Industrie viele Stellen verloren gegangen. Genau hier leben die meisten Sozialhilfe-Empfänger. Sie fühlen sich abgehängt. Vergessen.

Ken Loachs Film ist eine Anklage an das Versagen der britischen Politik

Menschen auf der Oxford Street in London
Sozialabbau in Brexit-Zeiten

Es ist der Film "I, Daniel Blake", der ihre Situation in die Kinos bringt, wieder in den Fokus rückt. Regisseur Ken Loach erzählt von der Misere Sozialleistungen zu bekommen. Von einem zermürbenden System. Mehrere Monate hat sich der Regisseur die Situation in den Arbeitsämtern angeschaut. Sein Film eine gnadenlose Anklage an das Versagen der britischen Politik.

"Das ist Absicht. Die wissen, was sie tun. Die wissen, dass es immer mehr Lebensmitteltafeln gibt, dass die Leute von Almosen abhängen, um zu heizen, zu essen. Sie wissen, dass sie das Leben der Leute ins Chaos versetzen", sagt Ken Loach.

Draußen an dem Plakat haben Zuschauer ihre Wut, ihre Sorgen ihre Wünsche aufgeschrieben. Doch auch Ken Loach hat wenig Hoffnung, dass sich gerade jetzt in den Brexit- Zeiten für die Menschen irgendwas verbessert. "Für die Armen ist es jetzt natürlich noch schlimmer. Diese konservative Regierung wird nichts machen, um diese abgelegenen Gegenden zu erreichen. Es wird Steuererleichterung für Reiche und Unternehmer geben. Sie werden sich ganz auf große Firmen fokussieren."

Manche können sich schon kein Essen mehr leisten

Sozialabbau in Brexit-Zeiten, besonders trifft es Alleinerziehende.
Sozialabbau in Brexit-Zeiten, besonders trifft es Alleinerziehende.

Die Regierung will in Brexit-Zeiten mit Steuererleichterungen die Wirtschaft stärken und Geringverdiener stützen. Bei der Unterstützung für Arbeitsunfähig wird weiter gekürzt: Von 100 Pfund die Woche auf 70. 30%. Charlotte hat selbst für den Verbleib in der EU gestimmt. Aber sie kennt viele die aus Frust für den Brexit waren. Nun könnte es genau jene besonders hart treffen. Einige Lebensmittelpreise sind wegen des fallenden Pfundes bereits erhöht worden. Schon jetzt können sich manche Essen nicht mehr leisten.

Bei ihrer Freundin Pauline Town holt Charlotte Lebensmittel für Bedürftige ab. Vor einiger Zeit bereits hat Pauline in diesem Pub eine private Tafel aufgemacht. "Viele Menschen glauben, dass die Leute obdachlos sind, weil sie Alkoholiker sind, Drogen nehmen. Aber häufig sind die Leute erstmal nur wahnsinnig arm. Sie haben Hunger, ihnen ist kalt, sie haben Angst"."Manche Leute sind so hungrig, dass sie sich eine Dose greifen, die aufreißen und alles nur noch runterstürzen. Das ist die Wahrheit", erzählt Charlotte.

Auch Rosemary hat von Charlotte eine Tüte voll Lebensmittel bekommen. Wirklich helfen aber konnte sie ihr nicht. "Ich weiß nicht. Ich muss einfach die Zähne zusammen beißen und durchhalten. Ich bin nicht allein. Es gibt Leute denen es gesundheitlich schlechter geht." Und so geht sie davon. Nächsten Donnerstag wird sie es wieder beim Arbeitsamt versuchen. Allein um Charlotte wieder zutreffen.

ARD Studio London/Autorin: Julie Kurz

Stand: 05.12.2016 13:33 Uhr

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