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Iran: Fußball für alle

Iran: Fußball für alle

Jeden Tag trainiert sie eineinhalb Stunden am Strand vom Kaspischen Meer. Sara Ghomi ist iranische Fußballnationalspielerin. Sie muss sich fit halten. Für Frauen gibt es weniger sportliche Betreuung als für ihre männlichen Kollegen. Dass es eine offensichtliche Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau gibt, ist schon am Strand ersichtlich. Sara lässt sich auf dem Weg zu ihrem Ziel trotzdem nicht beirren: "Ich habe einen großen Wunsch: Ich wünsche mir so sehr, dass ich eines Tages eine gute Trainerin im Iran werde und vielleicht auch international. Mein anderer Wunsch ist, dass ich, wenn auch nur ein einziges Mal, in einem Stadion ein Fußballspiel anschauen kann."

Sara Ghomi beim Training
Sara Ghomi beim Training

Denn als Frau, selbst wenn man iranische Fußballnationalspielern ist, darf man nicht ins Fußballstadion. Nur Männer dürfen es betreten, auch wenn es in diesem 100.000 Plätze gibt. Dann gehen eben 100.000 Männer rein, sagen die religiösen Instanzen. Immer wieder versuchen fußballbegeisterte Mädchen als Männer verkleidet ins Stadion zu gelangen. Werden sie geschnappt, verhaftet man sie.

Fußballbegeisterte Frauen

Nane, treuer Fan ihres Lieblingsvereins Esteghlal
Nane, treuer Fan ihres Lieblingsvereins Esteghlal

Sie hat es bis an ihr Lebensende probiert: die 78-jährige Nane stand bei jedem Spiel ihres Lieblingsvereins Esteghlal vor dem Stadion, bis sie vor ein paar Wochen starb, ohne dass ihr Wunsch erfüllt wurde.

Die Religiösen des Landes denken, sie hätten gute Gründe dafür es zu verbieten, und geben uns bereitwillig ein Interview, von dessen Inhalt sie schwer überzeugt sind, wie Hojjatoleslam Mohammad Mofateh begründet: "Der erste Grund, warum die meisten Großayatollahs verbieten, dass Frauen ins Stadion gehen, ist, weil Frauen nicht fremde Männerkörper anschauen dürfen; eigentlich sogar nicht übers Fernsehen, denn eine Liveübertragung ist ja wie ein direkter Blick. Der zweite Grund ist die unpassende Atmosphäre im Stadion für Frauen."

Saras Familie

Tohid Ghomi
Tohid Ghomi

Sara wohnt noch immer bei ihren Eltern in der Provinz Gilan, im Norden des Landes. Sie könnte es sich überhaupt nicht leisten auszuziehen, denn Nationalspielerinnen bekommen im Iran im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen einen Hungerlohn. Hätte Sara ihre Eltern nicht, die sie immer unterstützten, besonders ihr Vater, sie wäre heute keine Fußballspielerin. Tohid Ghomi, Saras Vater, erzählt: "Meine Tochter war von Beginn an ehrgeizig. Als kleines Mädchen hat sie schon mit uns in den Gassen und auf ausgetrockneten Feldern gespielt. Wir haben sie unterstützt und geholfen. soweit wir konnten. Ich sah einfach ihr Talent, eine gute Fußballerin zu werden."

Seit sie Nationalspielerin ist, hat ihr Vater sie noch nie im Iran spielen gesehen. Er darf als Mann nicht bei Frauen zusehen. Handyclips sind die einzige Erinnerung, denn kein Fernsehteam dreht ihre Spiele, geschweige denn, dass ein Staatssender sie ausstrahlt.

Ihrer Mutter erklärt Sara, dass jetzt in den sozialen Medien eine Kampagne gestartet ist, die Präsident Rouhani dazu auffordert, dass er sich dafür einsetzt, dass auch Frauen bei Fußballspielen zuschauen dürfen. Es sind nicht nur Frauen, die das fordern, auch bekannte Fußballer wie Farhad Majidi und der Kapitän der iranischen Fußballmannschaft Masoud Shojai. Unter dem Hashtag "Iran-Syrien - die Zeit der Frauen ist gekommen" wollen sie bewirken, dass bei dem WM-Qualifikationsspiel zwischen den beiden Ländern am 5. September auch Zuschauerinnen dabei sein dürfen.

Positive Bilanz der Frauenrechte

Tayebeh Siavoshi
Tayebeh Siavoshi

Tayebeh Siavoshi gehört zu den Reformern im iranischen Parlament. Dass auch bei diesen das Kopftuch bis in die Stirn gezogen wird, ist Bedingung für eine politische Karriere in der Islamischen Republik. Die Parlamentarierin setzt sich besonders für die Rechte der Frauen ein: "Viele Frauen behaupten, dass während Rouhanis erster Amtszeit ihre Präsenz nicht besser geworden sei. Doch ich denke, dass die Zusammenarbeit mit Frauen und die Vorbereitung dessen, dass Frauen mehr in der Gesellschaft tätig werden, in seiner ersten Amtszeit gegeben war."

Sie hat gestern im Parlament die Vereidigung von Rouhani genau beobachtet. Der Präsident hat während des Wahlkampfs für seine zweite Amtszeit den jungen Menschen im Iran, besonders den Frauen, mehr Rechte und Freiheiten versprochen. Der Druck auf ihn wächst, denn die Forderung, dass er dieses Mal Frauen in sein Kabinett aufnehmen muss, ist laut geworden.

Einer ihrer Wünsche ist für Sara bereits in Erfüllung gegangen, sie ist Fußballtrainerin, wenn auch vielleicht noch keine international berühmte: "Herr Rouhani hat sich ja schon für Frauen eingesetzt und ich wünsche mir, dass er für noch mehr Möglichkeiten für Frauen auch hier in den Provinzen sorgen wird. Und ich hoffe, dass es endlich den Frauen erlaubt wird ins Stadium zu gehen."

Autorin: Natalie Amiri, ARD Teheran

Stand: 07.08.2017 09:07 Uhr

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