Gespräch mit Regisseurin Anne Zohra Berrached

"Die Schauspieler sollten frei sein"

Anne Zohra Berrached
Anne Zohra Berrached

Ihr dritter Langspielfilm – der erste außerhalb einer Filmhochschule – führt Sie gleich zum "Tatort". Welche Bedeutung hat die Krimireihe grundsätzlich für Sie?

Als ich klein war, habe ich sonntags mit meinem Opa und meiner Mama immer "Tatort" geschaut und durfte deshalb länger aufbleiben. Das war toll, das war Tradition und Kult! Direkt nach der Filmhochschule dann als ersten Fernsehfilm bei einem "Tatort" Regie zu führen, ist eigentlich fast nicht möglich. Deshalb habe ich bei jeder sich ergebenden Gelegenheit laut (in Richtung Produzenten und Redaktionen) herausposaunt: Ich möchte unbedingt einen "Tatort" machen, ich will unbedingt einen "Tatort" machen ... (lacht).

Und wie sind Sie speziell beim Niedersachsen-"Tatort" gelandet?

Nachdem das Unmögliche möglich wurde und ich meinen Abschlussfilm "24 Wochen" der Filmakademie Baden-Württemberg auf der Berlinale im Wettbewerb prämieren konnte, wurde Michael Lehmann von Studio Hamburg auf mich aufmerksam und hat mir zusammen mit Kerstin Ramcke und Christian Granderath das Angebot gemacht. Ich hatte das Gefühl, dieser besonderen Drehbuchvorlage etwas Besonderes dazugeben zu können. Aber bevor ich zusagte, wollte ich Maria Furtwängler kennenlernen. Wir haben uns in München getroffen, gut verstanden und mir kamen sofort Bilder und Ideen für die Umsetzung. Da wusste ich, ich muss das machen.

Ihre beiden ersten 90-minütigen Filme – "Zwei Mütter" und "24 Wochen" – waren hoch gelobte und preisgekrönte Filme (z. B. 2017 Deutscher Filmpreis in Silber für "24 Wochen"). Bei beiden Filmen mischten Sie dokumentarische und fiktionale Mittel. Wie groß war der Sprung für Sie hinein ins rein fiktionale Erzählen?

Ich kenne sowohl das dokumentarische als auch das rein fiktionale Arbeiten. Beides hatte ich an der Filmhochschule mit Kurz- und Mittellangfilmen erprobt. Sicher hätte ich auch beim "Tatort" mit Laienschauspielern in der "echten Welt" arbeiten können. Aber das empfand ich bei dem Thema nicht als bereichernd. Ich folge da meinem Gefühl. Auch wenn wir sinnliche Bilder mit atmosphärischer Musik kreiert haben, wollte ich, wenn es um die Schauspielarbeit geht, mit meinen alt bewährten dokumentarischen Mitteln arbeiten. Ich sprach mit den Darstellern in den Proben über den Kern der Szenen, also um was es wirklich geht, und dann haben wir die Szenen improvisiert und zum Teil auch verändert. Mir war wichtig, dass jeder Durchlauf wirklich mit einer anderen inneren Haltung gespielt wird und die Schauspieler ihre eigene Persönlichkeit mit einbringen. Das ist oft schwieriger, als das reine Drehbuch abzuarbeiten. Die Schauspieler sollten frei sein, denn das Ziel war immer, ein natürliches und emotionales Spiel zu erreichen.

Womit hat Jan Brarens Drehbuchvorlage Ihr Interesse geweckt?

Mit der Idee, dass Polizisten Fehler machen, weil sie emotional zu belastet sind. Damit, dass man nicht immer professionell sein kann, dass Polizisten auch mal müde und unfähig sind. Wir orientieren uns an mehreren Entführungsfällen, die wirklich passiert sind, das ist doch spannend! Mich hat der Charakter Holdt interessiert. Aljoscha Stadelmann hat es geschafft, ein Geheimnis zu spielen und damit permanent für Spannung zu sorgen. Und natürlich ist es diese schwer angeschlagene Kommissarin, die komplett aus ihrer Mitte geworfen wird. Meine bisherigen Filme hatten immer mit weiblichen Hauptfiguren zu tun, die an ihre Grenzen kommen und gezwungen sind, aus Notlagen heraus zu agieren. Ich kannte das Image, das die Figur Lindholm mitbringt, die besonnene Ermittlerin, die nie ihre Fassung verliert. Das wollte ich irgendwie brechen. Mein Ziel war es, Maria da hinzubringen, voll aufzumachen, sich der Geschichte zur Verfügung zu stellen und starke Gefühle zu zeigen. Ich wollte, dass sie tief emotional reagiert – das ist ihr gelungen und das ist letztlich auch das Besondere am "Tatort: Der Fall Holdt".

Wie haben Sie das bei Maria Furtwängler und Aljoscha Stadelmann bewerkstelligt, die beide zu schauspielerischer Höchstform auflaufen?

Durch Penetranz (lacht). Es ist ganz simpel. Während der Dreharbeiten schaue ich auf meinen Vorschaumonitor, und entweder ich glaube das, was ich sehe, oder ich glaube es nicht. Und wenn ich es nicht glaube, dann wiederhole ich die Szene so lange, bis ich es eben glaube. Natürlich kann das auch mal nervenaufreibend werden. Aljoscha Stadelmann musste ich eher bremsen, während ich Maria manchmal mehr ermutigt habe, Neues auszuprobieren. Aljoscha hat das Spielen auf der Bühne gelernt und ist wahnsinnig gut in dem, was er macht. Maria hat das Spielen vor der Kamera gelernt und ist wunderbar individuell, unheimlich genau und kann atemberaubend gut vor der Kamera scheinen. Das Herauskitzeln einer gemeinsamen Sprache und die Suche nach dem Knöpfchen, das ich drücken muss, um den bestmöglichen Ausdruck zu erhalten, sehe ich als meine Aufgabe als Regisseurin. Und das Knöpfchen ist eben bei allen Darstellern woanders, aber es gibt immer eins.

Sie haben dem "Tatort" mit den besonderen Waldbildern einen individuellen Erkennungswert geschenkt. Welche Ideen stecken dahinter?

Mit den Waldbildern wollte ich ganz bewusst ein bildliches Leitmotiv entwickeln. Etwas, das immer wiederkehrt und unseren Film ausmacht. Zusammen mit der Szenenbildnerin Janina Schimmelbauer, mit der ich immer arbeite, und dem Kameramann Bernhard Keller haben wir bewusst nach einer ganz bestimmten Art von Wald gesucht und uns dafür entschieden, ausschließlich Waldbilder aus "Stangenwald" entstehen zu lassen. Wir wollten klare Formen, eine Wiedererkennung. Dem Wald sollte etwas Verwunschenes, Wunderschönes und Geheimnisvolles innenwohnen. Aber er soll auch bedrohlich sein, der Zuschauer soll das Gefühl haben, dass es ihn hineinzieht und verschlingt, und Lindholm sollte er Angst machen. Im Grunde habe ich versucht, ihr etwas in Form, Farbe, Figuren und Plot dagegenzusetzen, das an ihr zerrt und letztlich die Haltung der Kommissarin bricht. Denn das ist ja das Thema des Films. Die Kommissarin soll auf sich zurückgeworfen werden und Fehler machen. Deshalb ist ihre Assistentin nicht nur im Drehbuch eine Konkurrenz, sondern, und das ist meine Aufgabe als Regisseurin, auch in der Umsetzung, äußerlich. Schäfer ist die jüngere Version von Lindholm. Die Kostümbildnerin Melina Scappatura, die ebenfalls zu meinem alt bewährten Team gehört, hat da ganze Arbeit geleistet. Ich wollte, dass Schäfer Lindholms Kleidungsstil hat, aber eben jünger und frischer wirkt. So ist die Idee entstanden, die beiden Frauen bei der ersten Begegnung dieselbe Bluse tragen zu lassen. Damit sich die Damen noch ähnlicher sehen, habe ich in der Farbkorrektur die Haarfarben der beiden Schauspielerinnen angeglichen. Sowas macht nicht nur Spaß, sondern hat den Effekt, die Bilder für den Zuschauer einprägsam zu machen.

Was würden Sie persönlich an Frank Holdts Stelle tun: Die Polizei einschalten oder nicht?

Gute Frage. Ich glaube … na, ich würde die Polizei nicht einschalten, weil ich vom Typ her jemand bin, der die Dinge selber in die Hand nimmt, um sie selbst zu regeln – aber im gleichen Moment wüsste ich schon, dass es falsch ist (lacht).

Welche Art Filme wird man in Zukunft von Ihnen sehen? Wird darunter auch wieder ein "Tatort" sein?

Solange ich die Möglichkeit habe, frei arbeiten und meine Ideen verwirklichen zu können, kann ich mir vorstellen, jede Art von Genre umzusetzen. Der Krimi, egal welches Format, ist auf jeden Fall eine spannende Option, und der "Tatort" ist ein wahnsinnig tolles Konzept. Wenn die Regisseure von allen Beteiligten ermutigt werden, ihre individuellen Ideen umzusetzen, kann jeden Sonntag ein neues, völlig eigenständiges Werk entstehen, mit neuem Erzählstil, neuer Story und neuem Look. Das ist spannend und etwas Wunderschönes!

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