Statement von Autor Jan Braren

"Die Kommissarin wird zur Antiheldin"

Christian Rebenow (Ernst Stötzner) und Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann)
Szenenbild: Christian Rebenow beschwört Frank Holdt.

Fragen Sie mal einen Drehbuchautoren, was das Spannende am Krimi ist? Die meisten werden vermutlich antworten: das Drama unten drunter. Leider bleibt dieses Drama meist im Hintergrund, weil der Krimi auf die Perspektive der Kommissare festgelegt ist, die naturgemäß erst ins Spiel kommen, wenn das Drama auf bittere Weise endet, oder weil eine allzu offene Erzählweise die Spannung killt und das unterhaltsame Miträtseln unmöglich macht.

"Der Fall Holdt" bot von Beginn an die Möglichkeit, solche Krimikonventionen ein Stück weit zu unterlaufen, indem er das katastrophale Scheitern einer polizeilichen Ermittlung in den Mittelpunkt der Erzählung rückt. Die Opfer eines Verbrechens, das wie eine Naturkatastrophe über die Familie hereinbricht, werden durch die Polizeiarbeit ein zweites Mal zu Opfern gemacht. Die Kommissarin wird zur Antiheldin.

Ein solches Scheitern wird viel zu selten erzählt im krimistarken deutschen Fernsehen, zumal in Reihen wie dem "Tatort". Klar, man will den Kommissar als Sympathieträger und durchlaufende Figur nicht zu sehr beschädigen. Andererseits gewinnen Menschen gerade im Scheitern dazu: Empathie für das Versagen anderer, Demut, Sympathie, Offenheit und Nahbarkeit. Dabei kann der Polizei im Fall Holdt nur bedingt einen Vorwurf gemacht werden. Die Statistik sagt, dass die meisten Entführungen Beziehungstaten sind. Entführer und Opfer kennen sich. Es ist ein naheliegender und in diesem Fall fast der einzige greifbare Ansatz, um das Verbrechen aufzuklären: Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte werden zu Verdächtigen. Am Ende nur Verlierer. Tragisch und sicher nicht ganz unrealistisch. Als Freund der realistischen Darstellung von Polizeiarbeit habe ich mich jedenfalls sehr gefreut, mit welcher Lust und Begeisterung sich alle Beteiligten auf dieses "Tatort"-Experiment eingelassen haben.

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