Gespräch mit Maria Furtwängler

"Es ist immer ein toller Moment beim Spielen, wenn man sich selbst überrascht"

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler)
Maria Furtwängler in ihrer Rolle als Charlotte Lindholm

"Der Fall Holdt" ist ein außergewöhnlicher Film geworden. Er erzählt eine dramatische Ausnahmesituation, in die Charlotte Lindholm hineinschlittert und sich dabei sehr verletztlich zeigt.

Charlotte Lindholm gerät in eine emotionale Abwärtsspirale. Der Auslöser dafür ist eine traumatische Erfahrung, die sie gleich zu Beginn der Geschichte macht. Das ist die Wunde, die sie mit sich trägt. Aus der heraus Charlotte so eine Wut, Fehleinschätzung und Verbohrtheit entwickelt. In den Szenen mit Aljoscha Stadelmann habe ich Abgründe erspürt, die spannend waren zu spielen. Es ist immer ein toller Moment beim Spielen, wenn man sich selbst überrascht. Das ist mir beim "Fall Holdt" öfter so gegangen.

Zu Beginn des Films wird Charlotte Lindholm nach einem Clubbesuch von einer Gruppe Männer attackiert. Welche Folgen hat dieser brutale Übergriff für die Kommissarin?

Charlottes Gewalterlebnis spiegelt das Gefühlschaos wider, das Frauen in vergleichbaren Situation durchleiden müssen. Erste Reaktion: ein Gefühl von Mitschuld, das klassischerweise immer noch von der Gesellschaft promotet wird – im Stil "Hättest du nicht diesen kurzen Rock angezogen, wärest du erst gar nicht in diese Situation gekommen." Da gibt es noch eine ganze Reihe von Hätte-ich-nicht-Sätze, die auch Charlotte Lindholm quälen. Und gleich dahinter schnappt die Falle zu, sich auf der einen Seite missbraucht und tief verletzt zu fühlen, auf der anderen Seite aber auch völlig hilflos zu sein. Dieses Verhängnis ist mit so viel Scham besetzt. Scham, Opfer zu sein. Für die Kommissarin ist es nicht möglich, auf "business as usual" umzustellen.

Wie sehr beschäftigt sie persönlich das Thema "Gewalt gegen Frauen"?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Ich hoffe aber, dass das Bewusstsein wächst, dieses Thema nicht länger als so selbstverständlich hinzunehmen, wie es geschieht. Es ist ein sehr langer Weg, auf dem ich nicht müde werde, darauf aufmerksam zu machen, dass dieser Status Quo aus hingenommener Gewalt, Verachtung und eben auch subtiler Diskriminierung von Frauen nicht zu tolerieren ist.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anne Zohra Berrached, die nach ihren beiden viel beachteten Hochschulfilmen ihren ersten "Tatort" inszeniert hat?

Ich habe mich sehr über die Zusammenarbeit gefreut. Junge Regisseurinnen – bestimmt auch junge Regisseure – sind hungrig, die wollen, haben große Visionen. Bei Anne Zohra war einfach eine unglaubliche Energie zu spüren – ein großer Unterschied zu vielen routinierten Filmemachern, denen zwar manche Fehler oder Unsicherheiten nicht mehr unterlaufen. Dafür gibt es dann aber auch nicht dieses gewisse Feuer, diesen Mut und "Wahnsinn", der hinten heraus oft Überraschendes bringt.

Also eine Begegnung auf Augenhöhe ?

Anne ist sehr willensstark. Wir waren dann zwei Alpha-Frauen am Set, die beide ihre Vorstellungen und Wünsche hatten. Wir waren anstrengend füreinander, aber in einem guten Sinne.

Nicht nur Charlotte Lindholm steht unter Druck, sondern der ganze Polizeiapparat – und da passieren auch Fehler. War es an der Zeit für einen realistischen Blick, den der übliche Kriminalfilm überraschend selten einnimmt?

Nicht nur mit dem "Tatort" sind wir immer auf der Seite der reinen Fiktion. Wenn Fehler eine Rolle spielen, haben sie immer einen dramaturgischen Zweck. Ich bin die Letzte, die Kritik an der polizeilichen Arbeit in der Wirklichkeit nimmt. Deshalb aber, eben weil sie erfunden ist, mag ich die Szene umso mehr, bei der Charlotte Lindholm einen Kriminaltechniker am Tatort wegen dessen vermeintlicher Unachtsamkeit herunterputzt. Die Kommissarin verliert sich da erstmals in eine absolute Ungerechtigkeit und Besserwisserei.

Bei der erstmaligen Ankunft in Holdts abgelegenen Haus blickt sich die Kommissarin um und flüstert schaudernd: "Mitten im Wald …". Was macht der Ort mit ihr?

Der mythische deutsche Wald... Es ist aber nicht nur der Wald. Auch das merkwürdige Haus zusammen mit den Bäumen strahlt so etwas unangenehm Kühles, Feuchtes, Sagenumwobenes aus. Es machte auf mich, auch persönlich, einen Eindruck wie unter Wasser, ein irgendwie bedrückendes "Aquariumhaus". Haus und Wald vollziehen im Grunde nur eine weitere Drehung tiefer hinab in Charlotte Lindholms emotionale Erschütterung.

Wie werden die Fans des Lindholm-"Tatorts" auf die schmerzvollen Erfahrungen ihrer Heldin reagieren?

Sagen Sie mir’s (lacht). Wenn es nach mir ginge, würden sie es gut finden – spannend aber mit Sicherheit.

Wird "Der Fall Holdt" die Kommissarin nachhaltig prägen?

Ich sage es mal so: Ich sehne mich für Charlotte nach mehr Licht in ihren nächsten Folgen.

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