Wir können den Hauptfiguren zuhören, was in ihnen spricht, denkt, fühlt ...

Interview mit Axel Milberg

Kommissar Borowski (Axel Milberg, Mitte) kann sich vor Hunger kaum auf das Seminar konzentrieren.
Kommissar Borowski kann sich vor Hunger kaum auf das Seminar konzentrieren.

Gab es bei Ihnen in 46 Jahren "Tatort" und 1.000 Folgen einen bestimmten Moment, bei dem Sie vom Zuschauer zum Fan wurden?

Vom Zuschauer zum Fan wurde ich – wie viele junge Zuschauer – durch den Kieler "Tatort"-Kommissar Finke. In den Siebzigern ermittelte Klaus Schwarzkopf in Schleswig-Holstein und einmal war auch Nastassja Kinski als junge Schülerin dabei, die allen den Kopf verdrehte! Wolfgang Petersen führte Regie. Ihn und auch Nastassja habe ich gefragt, ob wir drei uns in Kiel wiedertreffen. Wer weiß, vielleicht ...

Wie würde sich Klaus Borowski behaupten, wenn ihn eine Zeitmaschine ins Jahr 1970 zurück katapultieren und er anstelle des ersten "Tatort"-Kommissars Trimmel ermitteln würde?

Borowski würde an Trimmels Stelle natürlich ebenfalls gute Ermittlerarbeit leisten. Warum? Er ist ein Profi, der gerne mit Menschen spricht, der nicht sich und seine Wehwehchen wichtiger nimmt als den Fall. Der zuhören kann und sich nicht als schießwütigen Rambo in Szene setzen muss.

Borowski, der berufene Seelenforscher, kennt die Konfrontation mit Psychopathen. Wie geht er diesmal mit einer lebensbedrohlichen Situation und dem unberechenbaren Geiselnehmer um?

Diese Situation ist ungewöhnlich. Borowski ist eine Geisel. Und eine Kollegin neben ihm, die provoziert, ihre Gefühle nicht kennt, traumatisiert scheint. Also muss er für sie mitentscheiden. Naja, während ich dies sage, denke ich, sie sind sich vielleicht doch ähnlich. Das Besondere hier ist: Der Gegner ist ein Kriegsveteran, seine tödliche Gefährlichkeit steht im Gegensatz zu seiner Sehnsucht nach Liebe.

Man hört überraschende Gedanken von Borowski. "Ich befehle mir, nicht zu schwitzen" etwa, oder "hör auf, so zu klopfen, Herz". Was passiert da mit dem Kommissar?

Eine der Besonderheiten dieses "Tatorts" ist, wir können den drei Hauptfiguren zuhören, was in ihnen spricht, denkt, fühlt. Borowski ändert seine strategischen Haltungen von Provokation zu Empathie, zwischen Pragmatismus und Verständnis.

Wie nimmt Borowski seine Mit-Geisel Lindholm wahr?

Die übergriffige Kollegin macht Borowski natürlich erst mal wütend, aber ihre Todesangst, das Scheitern ihrer Konfrontationsstrategie lässt ihn nach einer Lösung suchen, die sie beide in Sicherheit bringen kann. Keine Freundschaft, eher Leere und Erschöpfung sieht man am Ende in ihren Gesichtern.

Wie entwickelt sich diese Beziehung?

Borowski geht die forsche und überheblich wirkende Kollegin zunächst mächtig auf den Geist. Ihre Todesangst, ihre Hilflosigkeit macht sie zugänglich. Allerdings lässt der Autor und Regisseur am Ende keine große Nähe oder Freundschaft zu. Nichts Kitschiges. Gott sei Dank.

Der Zuschauer erlebt während der Taxifahrt eine Art "Stockholm- Syndrom" – man spürt Verständnis, fast Sympathie für den Täter. Ist das auch für Lindholm und Borowski der Schlüsselmoment zur Deeskalation?

Nicht einen Moment hat Borowski Sympathie für den Entführer. Er erkennt dessen Gefährlichkeit. Nicht nur, weil der Taxifahrer eine militärische Ausbildung für Auslandseinsätze hat, nein, ganz persönlich hat er auch das Selbstmitleid und dieses "Schuld sind immer die anderen" als bedrohlich wahrgenommen. Die Deeskalation im Gespräch scheitert. Es bleibt nur die physische Überrumpelung.

Abgesehen von "Taxi nach Leipzig": Hat Charlotte Lindholm als Ermittlerin etwas, was Kommissar Borowski auch gerne hätte?

Die Distanz zur Welt, die Kollegin Lindholm ausstrahlt, dass sie sich trotz Schrammen in eine Unbeschädigtheit zurück begeben kann, als wäre nichts gewesen, das täte Borowski gut. Und diese blonden Locken ...

Der Seminarleiter, gespielt von Günter Lamprecht, bedankt sich in seiner Schlussrede bei seinen Zuhörern im Vortragsaal, spricht dabei aber all die Kommissare aus tausend "Tatort"-Folgen an. Sie stehen für ihn "für die Hoffnung, dass das Leben weitergeht und das Gute siegt". Wo liegt für Sie persönlich die Zukunft des "Tatort"?

Der "Tatort" als Polizeifilm bietet an, dass innerhalb von 88 Minuten ein Mordfall gelöst wird. Lösung. Zugriff. Aufklärung. Der oder die Täter sind dann tot oder kommen vor ein Gericht und dann ins Gefängnis. Der Montag nach dem "Tatort" beginnt also mit der Gewissheit: Ja, das Böse gibt es, aber es wird bestraft. Die Welt, wie sie in den aktuellen Nachrichten abgebildet ist, ist im Moment besonders grausam und bedrohlich. Keineswegs werden die Mörder bestraft; sie sind in vielen Ländern die Machthaber, führen Kriege und halten ihre Bevölkerung wie Geiseln. Korruption, Sadismus und Unberechenbarkeit in nichtdemokratischen Staaten lassen die schutzsuchende Bevölkerung in ihrer Not allein. Rufst Du in vielen Ländern die Polizei, kommt das Problem, nicht dessen Lösung. Die Worte des Seminarleiters, gespielt von Günter Lamprecht, könnten also nicht besser gewählt sein. Die Hoffnung, von der er spricht, ist, dass die Polizei auch in Zukunft Sicherheit gewährleistet und dafür bekommt sie Dankbarkeit und Anerkennung. Klingt nach Sonntagsrede, klar, aber ich denke, dass diese einfachen Sätze tatsächlich ein Gefühl der Bevölkerung wiedergeben. Gerade heute. Der "Tatort" ist eine Begleitmusik dazu, manchmal Militärmarsch, manchmal was Leichtes.

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