Rückschau: Südafrika
WM-Gewinner und -Verlierer
Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 7. Februar 2010

Bildunterschrift: ]
Drei Stunden haben sie Zeit, dann muss die Wohnung geräumt sein. Die Stadtverwaltung macht Ernst. Als die am Morgen vor Carol Daniels Tür steht, ist ihr klar, diesmal ist es soweit. Einen Aufschub gibt es nicht mehr.
Zweimal schon hatte die Stadt den Termin verstreichen lassen, heute kommt sie mit Lastwagen und Polizeiunterstützung. Zehn Familien, rund 50 Menschen, müssen woanders hin. Offiziell wegen hygienischer Mängel, doch der wahre Grund liegt gegenüber: das Athone Stadion. Trainingsgelände für viele Nationalteams während der Fußballweltmeisterschaft.
Da passt es nicht, wenn direkt gegenüber Menschen leben, die sich so gerade eben über Wasser halten. Die könnten ja das internationale Fußballfest stören. Die WM, wegen ihr verlieren sie alles.
"Das bringt mir gar nichts", sagt Carol. "Die tun doch nur die Dinge, die ihnen etwas bringen. Unsere Leute haben überhaupt nichts davon. Das finde ich nicht in Ordnung, dass das ganze Land profitiert, alle, die im Parlament sitzen und gute Jobs haben. Die haben ein Dach über dem Kopf. Und wir, wo sollen wir denn hin?"
Hier jedenfalls nicht, sagt die Stadtverwaltung. Sie hat die Umsiedlung organisiert und jeder hier habe schließlich per Unterschrift zugestimmt. Wenn sie jetzt nicht mehr wollen, nicht ihr Problem, sagt Charlotte Tabisher, die Vertreterin der Stadt: "Die sagen heute das und morgen etwas anderes. Außerdem ist für alles weitere die Provinzregierung zuständig, die will das Gebäude."
Und dann geht alles ganz schnell. Der Hausstand ist verstaut und Carol klettert mit ihrer vier-Monate alten Tochter in den Lastwagen. Die Behörden karren sie an den Rand von Kapstadt. Delft heißt der Vorort, ein Übergangscamp, so die offizielle Bezeichnung.
Hier sollen sie jetzt leben. In einer der städtischen Wellblechhütten, keine 20 Quadratmeter groß. Fast eine Autostunde von der alten Wohnung entfernt und von Carols Gelegenheitsjob. Wasser kommt nur aus dem Gemeinschaftshahn und der Strom ist auch noch nicht angeschlossen.
"Ich weiß nicht was die Zukunft bringt", sagt Carol tapfer, nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hat, "wir werden das Beste daraus machen müssen."
Arbeiter profitiern vom Bauboom

Bildunterschrift: ]
Es sind die Gegensätze, die Südafrika prägen, auch jetzt, ein paar Monate vor der Weltmeisterschaft. Allein in Kapstadt entstehen acht neue Hotels mit Tausenden Hotelbetten.
Investitionen in Milliardenhöhe, auch bei den Stadien. Ein wahrer Bauboom. Hunderttausende Arbeiter profitieren davon. Fahren Sonderschichten, zwölf Stunden, sieben Tage die Woche. Sie sind die Gewinner der WM.
"Es wird sich wohl viel verändern in diesem Jahr. Jeder redet von 2010, und hofft, dass vieles besser wird", sagt Tom, wie er sich vorstellt, weil sein Vorname für uns zu kompliziert wäre.
Die Erwartungen an die erste Fußballweltmeisterschaft in Afrika sind hoch, überschwänglich hoch, ja gigantisch. Gerade dort, wo die Menschen am ärmsten sind: in Khayelitsha, der größten Township in Kapstadt.
Hier wohnt Tom, der Arbeiter vom Stadion. Er ist ausgebrannt, sagt er, aber wer hier lebt, muss jede Gelegenheit zum Geldverdienen wahrnehmen. Sechs von zehn Menschen haben hier keinen Job.
In den vergangen Monaten hat Tom seine Familie nur selten gesehen, zu viel Arbeit. Aber sie ernährt alle. Bis Juni läuft der Vertrag noch.
"Jeder fragt sich, was nach der Weltmeisterschaft passiert. Wird es so weiter gehen, ich weiß es nicht", orakelt Tom, "aber es könnte wohl schlechter werden."
Touristen sorgen für Zusatzverdienst
Aber noch beherrscht Optimismus die meisten Südafrikaner. Und die Hoffnung an der Weltmeisterschaft zu verdienen.
Alle Häuser waren einmal Hütten, erklärt Thope ihren deutschen Gästen, bis die Menschen mit staatlichen Krediten, Steinhäuser bauen konnten.
Township-Führungen macht sie schon seit einigen Jahren, und es kommen immer mehr Ausländer, die Khayelitsha kennen lernen wollen. Eine Art Abenteuer-Reise für Touristen, in eine Welt in der Weiße sonst nicht auftauchen.
„Unsere Hoffungen sind groß, dass auch wir von der Weltmeisterschaft profitieren“, sagt Thope. „Die große Herausforderung ist jetzt, dass die Leute in den Townships lernen, wie man Geschäfte mit Touristen machen kann.“ Bescheiden Geschäfte, sollte man ehrlicherweise sagen.
"Der erste Anlaufpunkt für Touristen wird nach wie vor die Stadt bleiben", sagt Tourist Axel. "Wenn es weniger gefährlich wird, auch mal eine Nacht hier übernachten, dass man hier Leute treffen kann."
Eine oder zwei Nächte, mehr werden es selten. Das ist auch die Erfahrung von Thope. Sie vermietet ihr Haus an Touristen und ist sehr erfolgreich damit. Vor allem Deutsche und Briten kommen zu ihr, für umgerechnet 25 Euro die Übernachtung mit Frühstück.
Seelenlose Übergangslager
Einkommen, von dem sie hier nur träumen können: die Verlierer dieser Fußball WM: Das Übergangslager, in dem Tausende schon seit Jahren leben.
Carol versucht sich einzurichten mit ihren zwei Töchtern und ohne Mann, ohne Beschützer, den sie hier eigentlich braucht, in dieser seelenlosen Wellblechsiedlung.
"Als wir ankamen", berichtet Carol, "hat mich der Fahrer gewarnt: Pass hier gut auf deine Mädchen auf. Diese Angst macht mich fertig."
Autor: Ulli Neuhoff
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.02.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

