Rückschau: Brasilien
Kein Vertrauen in die Polizei
Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 31. Januar 2010
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Letzte Einsatzbesprechung. Gleich wird das 22. Bataillon der Militärpolizei von Rio de Janeiro ausrücken in sein berüchtigtes Operationsgebiet: die Maré. Eine der gefährlichsten Favelas der Millionenmetropole, direkt neben der Autobahn vom Flughafen zur Innenstadt. Überfälle, Schiessereien, Drogenkriege – und jede Menge Rauschgift.
Eine Lieferung soll angeblich in dem öffentlichen Park der Maré vergraben sein, ein Nachbar hatte diese Information anonym bei der Verbrechens-Hotline gemeldet. Die Analysten der Hotline hatten die Anzeige an die Militärpolizei weitergegeben, und nun wird der Hügel oberhalb der Favela gründlich durchkämmt. Brandgefährlich ist dieser Bereich, nur in Mannschaftsstärke trauen die Beamten sich hinein.
Der Fund lässt sich sehen: Dutzende von Plastiktütchen, mit der Droge Nummer 1: Kokain.
Auch ein paar Meter weiter werden die Polizisten fündig. Ein weiterer kleiner Erfolg im Kampf gegen die Drogenflut Der Anrufer hatte recht mit seinen Anschuldigungen.
Colonel Amaury Simões, Militärpolizei Maré
Für uns Polizisten ist es fast unmöglich, ein solches Gebiet Tag und Nacht zu überwachen. Das Gelände ist extrem schwierig und kaum zugänglich. Ohne die Verbrechens-Hotline hätten wir keine Chance; die Leute, die dort anrufen, helfen uns ganz konkret.
Ein Werbefilm der Verbrechens-Hotline. Zwei verfeindete Drogengangs - es kommt zu einer der üblichen Schiessereien. Mitten im Wohngebiet des Armenviertels.
„Irgendjemand könnte etwas gegen die Mafia unternehmen.
Sagen, wo die Waffen versteckt sind.
Sagen, wer illegale Waffen besitzt.
Stoppen Sie die Gewalt.
Wählen Sie die Verbrechens-Hotline: Rio 2253 - 1177.“
Schon seit 15 Jahren nimmt der aus Spendengeldern finanzierte Verein Beschwerden entgegen, mittlerweile ist „Disque Denúncia“ in Rio de Janeiro eine Institution. Geworben wird auf Bussen, in Zeitungen, im Internet und sogar auf den Einkaufstüten im Supermarkt.
Die Leute melden sich nicht bei der Polizei, weil man dort seinen Namen und seine Adresse hinterlassen muss. Und weil die Polizisten unterbezahlt und viele deshalb korrupt sind, haben Anrufer Angst, dass ihr Name bei den Banditen landet; das wäre gleichbedeutend mit ihrem Todesurteil.
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Bei der Verbrechenshotline dagegen wird jede Information streng vertraulich behandelt. Und man erfährt später sogar, welches Resultat seine Anzeige gehabt hat.
Zeca Borges, der Gründer der Hotline. Selbst ermitteln kann sein Verein nicht, das muss er von Gesetzes wegen der Polizei überlassen. Aber durch seinen Einfluss kann er verhindern, dass der Fall im Papierkorb landet. Öffentliche Kontrolle einer staatlichen Institution.
Hier – sagt Borges – erreichen uns Meldungen aus der ganzen Unterwelt. Wir sind dafür da, das Ausmaß der Kriminalität zu senken.
Fast 1,5 Millionen mal haben die Einwohner Rios bereits die achtstellige Nummer gewählt, das sind rund 300 Anzeigen pro Tag. Die Hotline geht mit der Zeit, auch per mail, facebook, SMS und Twitter kann informiert werden. Ungezählte spektakuläre Fahndungserfolge gehen auf das Konto von Disque Denúncia.
3.53-4.24 OT Zeca Borges, Gründer “Disque Denúncia“
Es gibt ein riesiges Universum von Anzeigen: gegen einen Vater, der sein Kind misshandelt, gegen einen Supermarkt, der Produkte verkauft, dessen Verfallsdatum abgelaufen ist, gegen Umweltsünder. Die Anrufe beziehen sich auf häusliche Gewalt, organisiertes Verbrechen, Milizen, Drogenhändler. Die Leute melden uns jede denkbare Art von Gesetzesverstößen.
An den Telefonen der Hotline sitzen Profis, angehende Rechtsanwälte und Psychologen. Auch sie werden durch private Spenden finanziert.
Alles beruht auf unserer Anonymität, sagt diese Telefonistin. Nur weil wir diese zusagen können, trauen sich die Leute, selbst die meistgesuchten Drogenbosse anzuzeigen, obwohl diese oft direkt nebenan leben.
Kaum jemand will uns erzählen, dass und warum er die Hotline angerufen hat. Und das ist ganz verständlich. Jede Verbindung zwischen einer Anzeige und dem Anrufer kann tödlich sein. Nur, weil wir mit ihm in ein anderes Armenviertel gehen, und ihn unkenntlich machen, will dieser Mann mit uns reden.
„Es ging um meinen Nachbarn. Die Drogenbosse hatten sein Haus beschlagnahmt, und seinen ganzen Besitz genommen. Dann haben die Banditen seine Töchter vergewaltigt, und dann hab ich die Hotline angerufen. Alle Bosse wurden verhaftet. Sehen Sie, wir in Rio de Janeiro vertrauen fast nur noch der „Disque Denúncia“. Kaum jemand wendet sich überhaupt noch an die Polizei.“
Angst – vor dem organisierten Verbrechen und vor dem Versagen der Polizei. Das erklärt den großen Erfolg der anonymen Anzeigen. Das Telefon: die wichtigste Waffe der Bürger. Selbstverteidigung per Knopfdruck. Die Polizei – auch wenn sie die Hotline offiziell lobt – sieht in Disque Denúncia eine unliebsame Konkurrenz.
Wieder kommt eine Patrouille vom Einsatz in der Maré zurück. Diesmal ist die Ausbeute der Männer noch spektakulärer als am Morgen: Marihuana, Kokain, Heroin und Crack. Wert: umgerechnet 60.000 Euro.
Auch bei diesem Einsatz hatte die anonyme Anzeige eines Nachbarn bei der 2253 – 1177 den Durchbruch gebracht. Selbst wenn sich jetzt wieder einmal die Militärpolizei mit dem Erfolg schmückt.
Bericht Thomas Aders
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 31.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

