Rückschau: USA/Haiti
Adoption zwischen Kinderliebe und Menschenhandel
Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 31. Januar 2010
Port au Prince, achtzig Waisenkinder auf dem Weg zum Flughafen, in eine neue Heimat: Die USA. Sie lassen Elend und Not zurück, aber auch ihre Heimat, ihre Kultur, viele ihre Freunde und manche ihre leiblichen Eltern. In wenigen Stunden sollen sie Adoptiv-Eltern bekommen.
Sue ist 38, ledig, hier in Winter Garden, Florida, sollen zwei der Waisen eine neue Heimat finden. Die Betten sind gemacht, seit über zwei Jahren träumt Sue von diesem Tag.
„Wir haben gerade erfahren, dass sie startklar sind und das Flugzeug besteigen.“
Die Kinder werden mit einer Militärmaschine ausgeflogen. Dass nach zweijähriger Wartezeit jetzt alles so schnell geht liegt an einem Sondererlass der amerikanischen Regierung.
Zwei Stunden später: Sue wartet am Rollfeld, so wie Dutzende anderer. Wegen der Katastrophe in Haiti dürfen die Kinder bei ihren zukünftigen Adoptiveltern auf die letzten, fehlenden Formulare warten.
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Doch zunächst werden sie von den Einwanderungsbehörden zurück gehalten und verpflegt. Neue Berichte über Kinderschmuggel haben die US-Behörden alarmiert. Und auch das Waisenhaus, aus dem diese Kinder kommen, steht unter Verdacht.
Das Heim in Port au Prince heißt „Die Kinder Gottes“, es ist teilweise zerstört. Viele der Kinder schlafen jetzt in Zelten. Der Manager heißt Pierre Alexis, von Kinderschmuggel will er nichts wissen.
„Wir haben noch 58 Kinder, und wir haben auch einige neue bekommen. Also, wenn wir ihnen eine bessere Zukunft besorgen können, warum nicht, lass sie gehen, wir haben hier doch nichts mehr.“
Pierre macht keinen Hehl daraus, dass die meisten Adoptiveltern sich solche kleinen, süßen Babies wünschen. Ältere Waisen mit Gesundheitsproblemen werden meist ignoriert. Genau darum aber, warnen Experten, entsteht ein lukrativer Markt. Baby-Waisen werden „produziert“.
Auch dieser französische Notarzt hat eine klare Meinung, warum viele Haitianer ein Waisenhaus betreiben.
„Um Geld zu verdienen. Weil man den Preis eines Kindes mit den Interessenten in Europa verhandeln kann. Die sind bereit, viel Geld zu bezahlen, um die langen, bürokratischen Wege hier in Haiti abzukürzen.“
Doch gibt es diese korrupte Bürokratie noch? Fahrer Richard, Ex-Polizist aus New York, bringt uns zum Sozialministerium. Zu dem gehörte die Adoptionsbehörde. Ein Stempel, eine Unterschrift – sie waren Hunderte Dollar wert, heißt es, ein Vermögen im bettelarmen Haiti. Offiziell darf inzwischen nur noch der haitische Premierminister Adoptionen genehmigen. Doch der Hausmeister hat andere Anweisungen vom Sozialministerbekommen.
Nur der dürfe Adoptionen unterschreiben.
Vom Winde verweht die Akten Hunderter Adoptions-Waisen, Biografien können neu geschrieben werden. Die Adoptionsbehörde selbst ist jetzt ein Klapptisch am Straßenrand. Die Kamera ist versteckt, denn: Sie will nicht gefilmt werden, und vom offiziellen Stopp für neue Adoptionsanträge nichts wissen.
„Nein, das sind Gerüchte,“ sagt sie.
„Wenn sie adoptieren wollen müssen sie diesen Fragebogen ausfüllen, und dann kommen sie zu uns mit dem Dossier.“
Über Preise will sie nicht reden, sie ist misstrauisch geworden.
Zurück in Florida, 20 Stunden später.
Die ausgelaugten Adoptiv-Eltern erfahren, dass jedes einzelne Verfahren noch einmal überprüft werden muss. Papiere fehlen, ein Kind ist verschwunden.
„Alle waren involviert, vom Heimatschutz bis zur haitischen Adoptionsbehörde, und trotzdem müssen wir wieder von vorne anfangen.“
Das Warten geht weiter, wer nicht von den Beamten befragt wird versucht zu schlafen.
Das Hauptquartier von UNICEF in Port au Prince. Das Kinderhilfswerk hat nachdrücklich davor gewarnt, in Krisen wie dieser Adoptionen zu erlauben.
„Die Situation ist perfekt für Menschen, die mit Kindern Geld verdienen wollen. Durch sexuellen Missbrauch, durch Menschenhandel. Und diese Menschschmuggler, das sind keine Amateure, sondern professionelle Banden. Das ist das organisierte Verbrechen, das diese Situation ausnutzt.“
as riesige Zeltdorf unterhalb der zerstörten Elendsgebiete. Wir wollen Gerüchten nachgehen und bitten Fahrer Richard, sich umzuhören. Es dauert genau fünf Minuten, bis eine Frau ihm erzählt, wie schnell die Menschenhändler mit den Ärmsten hier ins Geschäft kommen.
„Sie sah eine Haitianerin mit drei Kindern, und eine weiße Frau kam und bot ihr - wie viel gleich?“
„cent dollar“
Einhundert Dollar pro Kind. Was wie ein Horrormärchen klingt bestätigt sich gleich darauf in einem anderen Zelt. Sophia ist siebzehn und passt auf die Kinder ihrer Freundin auf, die entweder tot ist oder in einem der zahlreichen Sanitätszelte liegt.
„Der Vater dieses kleinen Jungen kam, holte ihn, und brachte ihn zu einer weißen Person, und er wurde mit einhundert Dollar bezahlt. Und als sie fragte: Wo ist der Junge, sagte er: Ich habe ihn verkauft.“
Der Achtjährige Wensley bestätigt die Erzählung.
Die nahmen ihn mit ins Auto, gaben ihm Wasser und Plätzchen, und ein Spielzeug.
Als Sophia um Hilfe schrie ließen sie ihn frei.
Lange Schlangen vor der amerikanischen Botschaft – Washington hat Angst vor einer Massenflucht, die Kontrollen sind scharf. Aber die US-Medien haben die Rettung der Haiti-Waisen zum nationalen Anliegen erklärt, und auf einmal sehen wir Amerikaner mit Babys alle Sperren passieren.
„Wir bekommen heute Fotos, um den Adoptionsprozess zu beenden.“
„Ich hoffe es klappt.“
sagt Pierre, und wir sind sprachlos. Denn inzwischen haben die haitischen Behörden die Abreise von siebenundzwanzig weiteren Kindern aus seinem Waisenhaus gestoppt. Sie und UNICEF verdächtigen Pierre, mit Kindern zu handeln, und wir fragen ihn, woher seine neuen ´Waisen´ kommen.
„Es gibt ein Waisenhaus in Karful, das aufgegeben wurde, und da kam eine Frau, die sagte, sie wollten die Kinder hier in Sicherheit bringen.“
Unser Fahrer Richard glaubt Pierre kein Wort.
„Hier in Haiti schließt man keine Waisenhäuser. Denn es ist sehr schwer, eine Lizenz für so ein Waisenhaus zu bekommen. Denn damit kann man viel Geld aus dem Ausland einsammeln.“
Geld und gut gemeinte Hilfsbereitschaft der benachbarten Großmacht –schaffen sie hier, in Haiti, einen Markt für Kinderhändler?
Nach dreißig Stunden geben die Grenzbeamten auf. Senatoren und Floridas Gouverneur haben mit politischem Druck die Einreise auch ohne die fehlenden Dokumente erzwungen.
Sie sagte als erstes lächelnd zu mir: La-ke-Nu, Wie geht´s.
„Sie will zu mir nachhause“. „La-ke-Nu“ ist eines der wenigen Wörter, die Mutter und Adoptivkinder bisher gemeinsam sprechen…
Bericht Udo Lielischkies
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 31.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

