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25.02.2012

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Weltspiegel
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Rückschau: Syrien

Reise durch ein zerrissenes Land

Sendeanstalt und Sendedatum: SWR, Sonntag, 27. November 2011

Der Schurke ist international ausgemacht: Bashar al Assad, Präsident von Syrien. Ein Diktator, der selbst in der arabischen Welt weitgehend isoliert ist. Ein Mann, der brutal auf sein eigenes Volk schießen lässt . Ein Despot, der sich nur mit Terror und Folter an der Macht hält. Westliche Journalisten werden so gut wie nicht in das Land gelassen. Nur über von Oppositionellen herausgeschmuggelte Videos kann sich die Öffentlichkeit ein ungefähres Bild von der Situation machen. Dem Autor Jürgen Todenhöfer ist es nun im Auftrag des Weltspiegels gelungen, in die Hochburgen des Widerstandes zu fahren – nach Homs und Hama. Er hat mit Oppositionellen und Assad-Anhängern gesprochen. Eine Reise durch ein zerrissenes Land, das am Rande eines Bürgerkriegs steht.

Schießstand (Quelle: SWR)lupe Bildunterschrift: Schießstand der syrischen Armee ]
Ich hätte es mir denken können. Am Flughafen von Damaskus werde ich festgenommen. Der Geheimdienst hatte mir die Einreise verboten. Wegen eines regimekritischen Artikels. Erst nach stundenlangen Verhandlungen darf ich einreisen. Es geht Richtung Homs, der blutigen Hochburg des Aufstandes. Das syrische Außenministerium hatte uns schroff davor gewarnt. Homs sei der gefährlichste Ort Syriens. In der Stadt angekommen, sehen wir zu unserer Überraschung kaum Soldaten, keine Straßensperren, keine Kontrollen. Dafür viele Schießstände. Sie zeigen, dass hier immer wieder Kämpfe stattfinden. Vor allem nachts und nach dem Freitagsgebet. Wir können uns frei bewegen. Ich frage einen Jungen, ob die Mehrheit in Homs für oder gegen Assad ist. Er sagt: „Die Mehrheit ist für Assad.“ Ich staune.

Männer im Cafe (Quelle: SWR)lupe Bildunterschrift: Die Meinungen in der Bevölkerung sind geteilt ]
In einem Café meint ein Mann, viel Zeit bleibe Assad nicht mehr. Die Lage eskaliere stündlich. Ein junger Mann will uns eine Botschaft überbringen, wir können das nur verdeckt drehen: „Wir brauchen Hilfe! Hilfe!“ Hinter mir rasen Krankenwagen durch die Straßen. Wir erfahren, dass seit 6 Uhr morgens 4000 syrische Spezialkräfte im West-Teil der Stadt gegen bewaffnete Kommandos der Aufständischen kämpfen. Ein Arzt berichtet, 68 bewaffnete Rebellen, 34 Zivilisten und 16 Soldaten seien getötet worden. Krieg! Wenige Kilometer entfernt.

Wir verlassen Homs. Wieder keine Kontrollen. Unser nächstes Ziel ist Hama, ein weiteres Zentrum des Aufstandes. Auch hier können wir uns ungehindert im Souk umschauen. Die Regale sind voll, der Markt belebt, die Menschen freundlich. Alltag. In der Gasse der Kesselflicker werde ich zum Tee eingeladen. Ob die Menschen für Demokratie sind, will ich wissen. Der Mann antwortet: „Ja, alle hier wollen Demokratie. Die Aufständischen und sogar ihre Gegner.“ Ich frage nach: „Und wie steht ihr zu Präsident Assad und seinem Regime?“ „Ich liebe den Präsidenten, aber nicht das Regime.“

Explosion (Quelle: SWR)lupe Bildunterschrift: Immer wieder kommt es zu Anschlägen ]
In einem Hinterhof werden uns Videos von den Kämpfen in Hama versprochen. Doch am Ende erscheint ihnen das Risiko zu groß. Verrat ist gefährlich in Syrien. Dafür erhalten wir später von Assad-Anhängern Handy-Videos, angeblich während unseres Aufenthaltes in Homs aufgenommen. Sie sollen beweisen, dass sich Aufständische inzwischen bewaffnet haben und Polizisten und Soldaten töten. Dichtung oder Wahrheit? Ein weiteres Video – doch diesmal von einem Rebellen übergeben – zeigt tödliche Anschläge sogenannter Guerillakommandos, aufgenommen an dem Tag, an dem wir in Homs waren.

Pro Assad Demonstration (Quelle: SWR)lupe Bildunterschrift: Pro Assad Demonstration ]
Über Homs fahren wir zurück nach Damaskus. Hier erleben wir eine Gross-Demonstration für Assad. Viele Anhänger des Präsidenten sind mit Bussen herbeigekarrt worden. Aber erkennbar ist auch, dass viele begeistert für Assad demonstrieren. Die Propaganda spricht von 2 Millionen. Wahrscheinlich ist es die Hälfte. Aber auch das ist mehr, als ich erwartet hatte. Auch die Assad-Anhänger fordern in Sprechchören Demokratie - aber mit Assad, nicht gegen ihn. Wieder staune ich. Ich komme mit Demonstranten ins Gespräch. Sie sagen: „Ihr berichtet viel zu einseitig über unser Land. Syrien ist viel komplexer. Ihr führt einen Medienkrieg gegen uns“. Nach der Demonstration treffe ich den Führer einer syrischen Oppositionspartei, Dr. Ali Haider. Heftig kritisiert er das harte Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte gegen friedliche Demonstranten. Aber er sagt auch: „Wir wollen keine NATO- Intervention“

Assad und Todenhöfer bei Interview (Quelle: SWR)lupe Bildunterschrift: Interview mit Präsident Assad ]
Zu meiner Überraschung ist nach einigen Tagen auch Präsident Assad zu einem Gespräch bereit. Kurz zuvor war ich noch Staatsfeind. Ich frage ihn nach den 3500 Todesopfern. Er korrigiert mich. Bisher seien 1200 Menschen getötet worden, davon 800 Soldaten. Auch für ihn sei das viel zu viel. Aber ich solle ihm einen Staat der Welt nennen, der zulasse, dass bewaffnete Aufständische seine Polizisten und Soldaten töteten. Ich frage, warum er sich nicht freien demokratischen Präsidentschaftswahlen stelle - mit vollem Risiko. Seine Antwort: „Das Land braucht zuerst grundlegende Reformen und die brauchen Zeit. Für mich als Präsident ist es wichtig, dass ich meine Reformversprechen auch einhalten kann.“

Demonstration (Quelle: SWR)lupe Bildunterschrift: „Freiheit!“ fordern die Demonstranten ]
Nach all den Behauptungen, dass es in Homs zunehmend auch bewaffnete Kommandos gäbe, beschließe ich noch einmal in die Stadt zurück zu fahren - an einem Freitag, dem Hauptkampftag der Revolutionäre. Wieder sind die Straßen frei. Gespenstisch frei. Allerdings sehen wir gepanzerte blaue Polizeifahrzeuge. Vor der Omar Bin Al Khattab Moschee freuen sich Demonstranten über meinen Besucht, helfen mir, mit dem Handy zu filmen. In Sprechchören rufen sie „Freiheit!“ Die Demonstration ist friedlich. Sie ist eine von vielleicht 10 Kleindemonstrationen, die an diesem Tag in Homs stattfinden. Die Polizei verhindert ihren Zusammenschluss. Auf der Rückfahrt geraten wir in ein Kreuzfeuer. Unbekannte beschießen zwei Polizisten, die hinter ihrem Auto in Deckung liegen. Wir fahren, ohne es zu wissen, direkt ins Kreuzfeuer. Mit viel Glück entkommen wir. Mein Eindruck nach drei Wochen Syrien: Das Land ist tief gespalten. Ein Bürgerkrieg lässt sich nur noch vermeiden, wenn beide Seiten sofort ihre Gewalt einstellen und wenn Assad sich endlich freien, demokratischen Wahlen stellt. Mit vollem Risiko.

Autor: Jürgen Todenhöfer

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 27.11.2011. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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