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21.03.2010

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Rückschau: China

Neue Umweltbewegung gegen Müllverbrennung

Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 7. Februar 2010

Müllverbrennungsanlage in Chinalupe Bildunterschrift: ]
Huang Yutian will das Leiden ihrer alten Schwiegermutter lindern. Ein Kräutertrank gegen das Kratzen im Hals und gegen den Reizhusten - für Medikamente fehlt den Frauen das Geld.

Auch Huang Yutian selbst ist krank - sie kämpft gegen Krebs wie so viele in diesem Dorf. Das Büchlein erinnert sie an die guten Zeiten mit ihrem Ehemann. Vor drei Jahren starb er an Lungenkrebs. Die verseuchte Umwelt hat ihn umgebracht, sagt sie: “Morgens sollte die Luft doch frisch sein. Hier aber weht in aller Frühe schon der unerträgliche Gestank herüber. Wir wissen genau, dass diese Gifte uns schaden, aber wir sind ihnen wehrlos ausgeliefert."

Nicht nur die Luft im Dorf, auch das Brunnenwasser ist verpestet. Früher konnten sie es trinken, jetzt macht es krank, bringt den Tod, sagt Huang Yutian. Seit es die Müllverbrennungsanlage gibt, ist das Wasser trüb - giftig gelb.

Im Dorf Likeng leben sie seit Jahren mit der Angst vor den hochgiftigen Dioxinen, die entstehen, wenn in dieser Anlage der Müll verbrennt. Das Gemüse sei längst gesundheitsschädlich, das Gift überall - auch wenn die Behörden dies dementieren.

Die Bewohner von Likeng protestieren

Huang Yutian und ihre Schwiegermutterlupe Bildunterschrift: ]
Vor einigen Jahren gab es noch keine Kranken und Toten in Likeng gab und noch niemand protestierte gegen Müllverbrennung. Jetzt gehen sie auf die Straße, die Bauern von Likeng: Sie fordern das Aus für die Anlage und stellen sich gegen die Behörden.

In ihrem Ärger scheuen sie keine Konfrontation. Ungewöhnlich couragierte Proteste - für Zhao Zhangyuan sind sie Teil einer ersten übergreifenden Umweltbewegung in China.
Im fernen Peking hält der ehemalige Professor für Abfallwirtschaft Kontakt zu Müllverbrennungs-Gegnern im ganzen Land.

Zhao Zhangyuan ist Chinas gefragter Experte - auch nach Likeng haben sie ihn schon gerufen: "Was die Müllverbrennungsanlage den Menschen dort an Schaden zufügt, wird immer offensichtlicher.

Anfangs hat niemand etwas bemerkt, aber nun spüren viele die Folgen. Hier bestätigt sich ein Muster: Je näher die Anlage an Wohnsiedlungen steht, desto mehr Krankheiten treten auf."

Die Angst wächst

Landwirtschaft nahe einer Müllverbrennungsanlagelupe Bildunterschrift: ]
Die Angst wächst bei vielen, die sich bei Zhao Zhangyuan erkundigen. Denn überall in den Ballungszentren Chinas werden jetzt Müllverbrennungsanlagen gebaut, erklärt er - überall dort rege sich auch der Widerstand sonst braver Bürger.

Peking im vergangenen Herbst. Auch hier wagen ein paar Mutige den Protest. Schnell greift die Polizei durch, nimmt vier Demonstranten fest. Am Stadtrand Pekings entzündete sich ihr Ärger.

Abfallexperte Zhao Zhangyuan an der Mülldeponie gemeinsam mit Bai Fuqin -denn der Anwohner und Banker Bai will verhindern, dass hier bald die geplante Müllverbrennungsanlage Abgase in die Luft bläst: "Der Wert unserer Häuser wird rasant fallen. Unsere Gesundheit und die Umwelt werden geschädigt. Trotz neuester Anlagen-Technik machen wir uns weiter Sorgen."

Sein bedrohtes Idyll am Rande der Großstadt. Gleich hinter der Deponie stehen die Villen, für die Bai Fuqin und die anderen hier Millionen gezahlt haben. Doch seit den Festnahmen ist ihr Widerstand leiser geworden. Ihre neue Strategie: Mit Männern wie Zhao Zhangyuan weiterkämpfen: Mit Expertenwissen gegen Müllverbrennung.

Bai Fuqin und seine Mitstreiter wissen, dass sie viel riskieren, wenn sie sich querstellen: "Die Menschen sind jetzt offener und nehmen den Umweltschutz viel ernster. Sie kämpfen auch stärker für ihre Rechte als früher. Unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel. Die Menschen lernen schnell dazu wie bei der Müllverbrennung und beschaffen sich von überall her Informationen."

Auf ihrer Internetseite zeigen sie, was sie herausfinden und tauschen ihr Wissen über Gefahren mit anderen Menschen in ganz China aus: "Bei unseren Nachforschungen haben wir wissenschaftliche Analysen von Universitäten und sogar von Behörden über Müllverbrennung gefunden - keins der Forschungsergebnisse stimmt uns auch nur irgendwie optimistisch."

Widerstand an vielen Orten

Smog in Pekinglupe Bildunterschrift: ]
Kaum sichtbar, aber gefährlich ist der gelbliche Rauch, wenn in China Müll verbrennt. Denn anders als in der EU dürfen solche Anlagen hierzulande zehn Mal mehr Dioxin ausstoßen, zehn Mal mehr Gift in die Luft pumpen.

Das ängstigt viele Menschen auch hier ganz im Süden. Der Müll stapelt sich am Rande der Millionen-Metropole Guangzhou. Auf einer ausgedienten Deponie sollte eine Verbrennungsanlage Abhilfe schaffen.
Doch Ajiaxi hat vom heimlichen Bauplan der Stadtbehörde erfahren. Dort hinten im Dunst, nur zwei Kilometer entfernt, Müll verbrennen? Nein, das will hier in der Wohnsiedlung niemand.

Saubere Luft versprechen die Behörden, aber daran glaubt keiner. Denn wie Ajia Xi haben viele längst im Internet von aufbegehrenden Bürgern anderswo erfahren, die sich und ihre Familien schützen: "Wir haben online viele Informationen bekommen von Menschen, die in der Nähe von Müllverbrennungs-anlagen wohnen. So wissen wir, dass viele von ihnen Atemwegserkrankungen haben oder Krebs bekommen."

Zu Hunderten wagen sie sich deshalb auch in Guangzhou vor die Umweltbehörde. “Tretet ab!” rufen sie der Stadtregierung entgegen. Und erreichen, was vollkommen unmöglich schien: Der Bau der Anlage ist vorerst gestoppt.

Widerstand an vielen Orten - von der Haupstadt bis ins kleine Dorf Likeng. Noch greift das Regime in Peking nicht hart durch, lässt die Lokalregierungen alleine entscheiden. Aber wie lange noch?

Bei Huang Yutian und ihrer Schwiegermutter in Likeng ignorieren die Behörden alle Proteste. Stattdessen haben sie entschieden, noch eine zweite Müllverbrennungsanlage zu bauen.

"Wie unsrere Zukunft aussieht? Wenn hier noch mehr Müll verbrannt wird, wartet auf uns nur noch das Ende. Bei dem verseuchten Wasser und der ganzen Luftverschmutzung, da können wir Dorfbewohner doch nur noch auf unseren Tod warten."

Die beiden Frauen von Likeng - vor ihrem Schicksal fürchten sich Millionen in China. Nichts ist den Menschen näher als die eigene Gesundheit. Die Proteste gegen solche Giftschleudern könnten der Beginn einer kraftvollen und für das Regime gefährlichen Umweltbewegung werden.

Autor: Daniel Satra

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.02.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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