Wim Wenders
Das krasse Gegenteil der Scheinwelt alles Sichtbaren
Ungehalten bin ich oft bei diesen "Worten zum Sonntag". Meistens zappe ich weiter, oft schon beim Titel. Das liegt sowohl am Fernsehen als auch an meinen Erwartungen.
"TV" ist ja in den letzten Jahrzehnten immer ungenießbarer geworden. Wenn da einer in die Kamera spricht, meistens mit Hilfe eines Teleprompters (wie dankbar bin ich für Menschen, die von einem Zettel ablesen oder gar offenkundig frei sprechen!), will er oder sie mir etwas verkaufen. Eine Meinung, eine Politik, eine Ware.
Alles ist Ware geworden, Unterhaltungsware, bis hin zu den Nachrichten. Auch die Gute Nachricht des Evangeliums wird im Fernsehen eingeebnet zu einer Art Ware. Das Wahre an jeglicher TV-Ware ist vor allem, dass wir ihr mehr Lügen zutrauen als Wahrheit.
Das trifft sich unglücklich mit dem, was viele Menschen von der "Religion" erwarten. "Religion" ist für sie das "Business des Glaubens", die Kirchen erscheinen ihnen wie Parteien, die den Glaubensinhalt verkaufen und vermarkten.
Und wenn dann "Religion" im Fernsehen auch noch feierlich daherkommt, oder noch schlimmer: frömmelnd, dann ist der Ofen ganz aus. Dann ist alles auf den Kopf gestellt. Denn Christus war nicht fromm. Und alles andere als feierlich. Er war nicht nett und auch nicht kompromissbereit.
Eingeladen an die Tafeln der Reichen, die Talkshows seiner Zeit, hat er sich nicht an die Etikette gehalten. Die Machthabenden und die religiöse Führung seiner Zeit hat er so vehement bloßgestellt, dass sie sich nicht anders zu wehren wussten, als ihn zu töten. Sein Auftritt und seine Lehre waren revolutionär. Sie sind das auch heute noch. "Sie wären das heute noch", muss man leider auf den Konjunktiv ausweichen, wenn man sich auf die landläufige Repräsentation des Christentums bezieht.
Denn nur wenige Kirchen, die sich auf diesen Christus berufen, trauen sich auch nur halbwegs, zu ihm zu stehen. Wie das jedwede Form von Organisation an sich hat, haben auch sie die Tendenz, sich zu wichtig zu nehmen, sich für die Sache selbst zu halten und diese zur eigenen gemachte Sache zu verwalten.
Den Martin Luther hat das damals schon zur Weißglut gebracht. Auch heute würde er 95 Thesen wagen, sie dann aber an kein Kirchtor nageln, sondern ins Internet stellen.
Was er den Kirchen vor allem vorhalten würde: Dass sie Gott in einen Bereich völliger Unwirklichkeit entrückt haben. Sie reden so von ihm, als könne es ihn im Grunde nicht geben. Er ist irgendein entfernter Dritter, eigentlich nur mehr eine Idee, eine Metapher. Wie viele Predigten funktionieren auf diese grauenvoll rhetorische Weise, malen einem das Leben in den miesesten Farben aus, rauben einem eigentlich jede Hoffnung, in dieser Welt bestehen zu können, um dann irgendwo aus der Hinterhand, in letzter Minute, eben als "deus ex machina", doch noch einen tröstlichen Heiland hervorzuholen. An den glauben zu können, haben sie einem erst so madig gemacht, dass man ihrem Happy-End dann nur mit schalem Geschmack im Mund zuhört.
Wann hören Sie mal jemanden sprechen, von der Kanzel oder im Fernsehen, für den Gott so wirklich ist in seinem Leben, dass Sie das spüren können? Dass Sie ein Feuer fühlen, welches in ihm oder ihr brennt, dass Sie ein Licht in den Augen strahlen sehen, welches um sich herum wirklich Helligkeit erzeugt, dass Sie eine Liebe am Werk spüren, die einfach unbeirrbar ist …
Was wollen Sie auf der anderen Seite mit einem Glauben, der schon in den Mündern derer, die ihn verkünden, so kleinlaut und mutlos ist, dass er nicht ansteckt?
Noch vertrackter als in der Kirche ist das im Fernsehen. Dieses elende TV ist ja nun mal die Apotheose des Sichtbaren. Besser sollte man sagen: die Apokalypse des Sichtbaren. Hier hat ja nur noch Gültigkeit, was visuell rüberkommt. Was sage ich "Gültigkeit"? Nichts hat hier Gültigkeit, aber trotzdem herrscht das vordergründig Sichtbare, bauscht sich nach Belieben auf, je dummdreister desto feister, versaut Ihnen kurzfristig den Abend und macht Ihnen mittelfristig das Leben madig.
Langfristig geht Ihnen irgendwann mal auf, wie viel Lebenszeit sie verschwendet haben, und das ist dann nicht wieder gutzumachen. In dieser Scheinwelt des Sichtbaren, diesem Tempel alles Vordergründigen, hat es keine Botschaft schwerer als die, die vom krassen Gegenteil handelt.
Gott ist unsichtbar, und vor allem im Fernsehen. "In Seinem Sohn wird der unsichtbare Gott für uns sichtbar. In ihm zeigt Er uns Sein ganzes Wesen. Im Sohn sehen wir Gottes ursprünglichen Schöpfungsplan, wie Er ihn von Anbeginn hatte …" (aus dem Kolosserbrief)
Für den Menschen Christus war der Vater, Gott, das Realste in seinem Leben. Wenn für die meisten gläubigen Christen heute Christus keine Realität mehr ist, sondern eine vage Hoffnung, eine Chimäre, ein Wunschbild, dann liegt das einzig und allein an den Kirchen, denen ihre eigene Wirklichkeit näher ist als diejenige Gottes und die zu solch einer radikalen Lehre nicht stehen können, wie Christus sie immer wieder gegen die (damals jüdische) Amtskirche behauptet.
Ich lebe zur Zeit größtenteils in Amerika. Ich kenne deswegen sowohl die horrenden Auswüchse des Christentums, wie etwa die zahlreichen ultrakommerziellen Prediger-Shows im Fernsehen oder die bigotte Vermischung von Religion und Staat, wie sie die Regierung Bush fundamentalistisch vorexerziert.
Ich kenne aber auch Gemeinden, in denen Christus so lebendig und heutig und wirklich integriert ist, wie mir das in Deutschland, außer in Klöstern, nie begegnet ist.
Das ist mit ein Grund, warum wir, meine Frau und ich, mit Amerika noch nicht gebrochen haben. Weil in all der Wüstenei doch auch immer wieder ein erstaunlicher Lebensmut zu finden ist, neben einem ausgeprägten Sinn für Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, und gepaart mit dem demütigen Gottvertrauen, was das krasse Gegenteil zum hochmütigen "God Bless America" ausmacht.
Einen großen Fund "drüben" will ich Ihnen nicht vorenthalten, besser gesagt: ein großes Pfund. Die zeitgenössische Bibelübersetzung des Eugene H. Peterson, schlicht THE MESSAGE genannt. Wenn Sie des Englischen mächtig sind, werden Ihnen die Ohren aufgehen. Alles, was Ihnen immer schwer fiel, an sich heranzulassen von den Bibelübersetzungen, die wir so kennen, alles, was schon als Sprache merkwürdig fern oder realitätsfremd war, hier kommt es mit einer machtvollen Dosis Realitätsgewinn zurück.
DAS hat dieser Christus also gesagt, damals! Sensationell! Warum hat mir das noch nie jemand in dieser Weise nahe gelegt? Warum ist das zu meiner Religion verkommen, statt zu meiner Realität zu werden?

