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Bulgarien: Ukraine-Flüchtlinge aus Hotels verbannt

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Bulgarien: Ukraine-Flüchtlinge aus Hotels verbannt | Bild: NDR

An der bulgarischen Schwarzmeerküste beginnt die Urlaubssaison. Die Hoteliers freuen sich nach der Corona-Krise auf viele zahlende Touristinnen und Touristen, vor allem aus Westeuropa. Ihre bisherigen Gäste müssen deshalb raus, und das möglichst schnell.

Manchmal fühlen sich Julia und Nika wie im falschen Film - hier am Sunny Beach an der bulgarischen Schwarzmeerküste beginnt die Saison. Julia und ihre Tochter sind vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet. Hier versuchen sie zu vergessen, was sie in den vergangenen Monaten erlebt haben. In Krementschuk bei Dnipro verdiente die 35-Jährige Julia ihr Geld als Fotografin. Jetzt bleiben ihr nur Schnappschüsse am Strand. "Ich will, dass alles wieder gut ist. Dass die Ukraine gewinnt und wir sie wieder aufbauen. Wir haben ein wundervolles Land und ich will, dass eines Tages die Bulgaren in die Ukraine kommen, um Urlaub zu machen", sagt Julia. Die beiden sind inzwischen seit zwei Monaten hier. "I love Ukraine and Bulgaria" schreibt Nika in den Sand am Strand. Sie fühlen sich hier sicher, aber Julia steht unter Druck. Sie will endlich wieder ihr eigenes Geld verdienen. Später könnte sich ihr Wunsch erfüllen. Sie darf in einem der großen Strandhotels Probearbeiten.

Zeltlager statt Ferienheime

Frauen stehen zusammen
Die Geflüchteten erhalten zu wenige Informationen | Bild: NDR

Ein paar Meter weiter fahren Busse vor. Die Regierung hat es eilig, die Flüchtlinge auszuquartieren. Die Orte hier an der Küste leben vom Tourismus und in den Hotels brauchen sie jetzt Platz. "Wir machen uns große Sorgen darüber wo wir hingebracht werden. Wir wissen es nicht weil es noch keine Information gibt", sagt Diana. Sie und ihre zwei Kinder haben einen Monat in einem Hotel gelebt. Für jeden Geflüchteten zahlt der Staat dem Hotel täglich 20 Euro. Bevor sie fahren, will sie aber noch etwas loswerden: "Das sind einfach großartige Menschen, ein tolles Hotel, wir haben uns so willkommen gefühlt. Vielen, vielen Dank!"

Obwohl die Behörden seit drei Monaten wissen, dass die Urlaubssaison losgeht, schaffen sie es nicht, die Menschen rechtzeitig aus den Hotels auszuquartieren. Es ist chaotisch, die Geflüchteten erhalten zu wenige Informationen. Weil der direkte Transport in staatliche Ferienheime im Landesinneren nicht geklappt hat, improvisiert der Staat. Die Armee wird eingesetzt, stellt Zelte auf, hier sollen insgesamt 700 Ukrainerinnen übergangsweise unterkommen.

Russische Trolle machen angeblich Stimmung gegen die Geflüchteten

In Brüssel tritt Premierminister Kiril Petkov mit markigen Worten vor die Kameras: "Drei Monate lang haben wir Support gegeben, haben die Ukrainer in Bulgariens feinsten Hotels untergebracht. Jetzt kommen wir auf ein normaleres Level, denn nach all dem sind sie trotzdem Flüchtlinge. Der bulgarische Staat kann nicht damit weitermachen, solche Luxusaufenthalte auf unbegrenzte Zeit zu unterstützen."
Druck kommt auch aus dem Netz. Russische Trolle machen angeblich Stimmung gegen die Ukrainer im Land, doch auch echte Nutzer beteiligen sich an der Hetze: "Das ist es also am Ende: Zehntausende organisierter Touristen nehmen sich lange, kostenlose Ferien auf Kosten des bulgarischen Volkes, speziell auf dem Rücken eurer Eltern, Omas und Opas, die nie vom Staat unterstützt wurden." Für diesen Kommentar bekommt der User 1.700 Likes.

Währenddessen kommen in den Ressorts an der Schwarzmeerküste die ersten Urlauber an, die meisten aus England. "Es ist sehr traurig, sehr traurig, sie tun uns wirklich leid. Wenn ich gewusst hätte dass hier ukrainische Flüchtlinge sind, hätte ich Kleiderspenden für sie mitgenommen denn ich finde es ist traurig, dass sie ohne alles flüchten mussten", sagt eine Frau. Von den Ukrainern in den Hotels haben viele andere noch nichts gehört. "Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll", sagt eine andere Frau. Der Ehemann ergänzt: "Es ist gut, dass sie einen Ort wie diesen haben, um zu bleiben."

Doch diesen Ort haben die meisten von ihnen jetzt nicht mehr. Letzte Kontrollen an der provisorischen Unterkunft. Hier haben Journalisten keinen Zutritt. Aber wir sehen Diana und ihre Kinder wieder. Sie wirkt aufgeregt: "Wir werden in einem Zelt für 40 Menschen leben. Wir werden keinen Strom haben. Und die Dusche, die Toilette ist irgendwo weit weg vom Zelt." Die Flüchtlinge fühlen sich schlecht informiert. Dass sie für ein paar Tage hier wohnen müssen, hat man ihnen gerade erst gesagt.

Der Job im Hotel lenkt ab

Eine Frau spricht in die Kamera
Julia kann im Hotel arbeiten. | Bild: NDR

2.500 Ukrainerinnen und Ukrainer hat ein Hotel in den vergangenen Monaten beherbergt. Der Manager hat dafür gesorgt, dass die Ukrainerinnen in seinem Hotel nun auch arbeiten können. 145 will er für die Hochsaison einstellen. Eine davon Julia, heute arbeitet sie zur Probe drüben im Restaurant. Sie müssen alles fürs Abendessen vorbereiten, die Spätschicht – eine Herausforderung, die stressigste Zeit am Tag. Jemand Erfahrenes ist immer an ihrer Seite.

Der Job lenkt ab, aber zwischendrin kommen die Erinnerungen wieder: "Es war sehr furchteinflößend. Die Männer haben uns mit den Kindern weggeschickt, damit sie nicht weinen. Wir sind nach Bulgarien gekommen, an einen sicheren Ort. Wir waren vier Tage lang unterwegs. Wenn ich daran denke, fange ich sofort wieder zu weinen an."

Immerhin – den Job bekommt sie. Sie kann nun die nächsten Wochen im Hotel arbeiten und damit sich und ihre Tochter ernähren. Bald ist Hochsaison, dann wird hier Party gefeiert – mittendrin die beiden Ukrainerinnen. Mit dem Unterschied, dass sie nicht nach Hause fahren können.

Autorin: Anna Tillack, ARD-Studio Wien

Stand: 19.06.2022 19:35 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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