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USA: Neun Jahre nach Wirbelsturm "Sandy"

PlayBagger am Strand.
USA: Neun Jahre nach Wirbelsturm "Sandy"  | Bild: NDR

Im Herbst 2012 wütete mit Hurrikan "Sandy" einer der schlimmsten Wirbelstürme über der amerikanischen Ostküste. Große Teile New Yorks waren betroffen, auch 130.000 Einwohner der vorgelagerten Halbinsel Rockaway. Noch sechs Wochen nach dem Sturm waren sie ohne Strom, obwohl sich in vielen anderen Stadtteilen das Leben schnell wieder normalisiert hatte. Neun Jahre später sind die Bauarbeiten an Flutschleusen und Hochwasserschutz-Einrichtungen immer noch nicht beendet. Und die Einwohner in Rockaway fragen sich, warum die reichen Stadteile in Mannhatten schon vor Jahren wieder hergerichtet wurden.

Wiederaufbau läuft mancherorts schleppend

Eine Frau blickt in die Kamera.
Kimberly White hat ihr Haus durch Wirbelsturm "Sandy" verloren. | Bild: NDR

Sie kommt immer wieder an den Ort zurück, der so lange ihr Zuhause war. Kimberly White Smalls zeigt uns mit ihrem Enkel die Stelle, an dem ihr altes Haus stand. Für die 55-Jährige ist davon nur ein Zaun gebliebe: "Ich habe hier viele Erinnerungen, ich bin hier aufgewachsen, ich kannte die Leute, die hier vorher gewohnt haben. Es sind einfach viele Erinnerungen an das Haus – ich bete, dass hier nichts anderes hinkommt."

Vor neun Jahren hatte der Wirbelsturm "Sandy" ihr Haus geflutet, vieles war danach zerstört und nicht mehr dauerhaft bewohnbar. Und der Wiederaufbau seitdem läuft mancherorts schleppend. Auf der Rockaway-Halbinsel, dort wo viele mit weniger Geld auskommen müssen, dauert es besonders lange. Kimberly Smalls versuchte mehrere Jahre an Hilfsgelder zu kommen, die Stadt lehnte das schließlich ab. Begründung: Hochwasser-Gefahr auf dem Grundstück. Unterstützung bekam sie stattdessen für ein neues, erhöhtes Haus – 150 Meter entfernt von ihrem alten. "Es war schon eine Auseinandersetzung mit der Stadt. Sie sagten immer wieder, wenn wir nicht umziehen, gibt es keine Hilfsgelder", erinnert sich Smalls.

Nicht alle Anwohner bekommen den gleichen Schutz

Am Hauptstrand der Halbinsel, weiter westlich, wird gegen Hochwasser ganz anders aufgerüstet. Tonnenweise Steine, neue Buhnen, eine erhöhte Strandpromenade. Diese Buarbeiten sollen New York retten – und die Strandvillen und schicken Appartements in diesem Teil von Rockaway schützen.

Eigentlich ist der gesamte Küstenabschnitt laut Wissenschaftlern von den Folgen des Klimawandels bedroht. Doch nicht alle Anwohner bekommen den gleichen Schutz, beobachtet Sonia Moise. Sie sitzt im Gemeinderat und sagt, der Wiederaufbau verschärfe soziale Probleme. "Bei afroamerikanischen Gemeinden wird der Klimawandel ganz anders gehandhabt. Wir werden da behandelt wie zweite Klasse. Wir zahlen zum Beispiel mehr für die Hochwasser-Versicherung. Es gibt da einfach große Ungleichheiten."

Demonstrationen in Downtown Manhattan – für einen sozial gerechteren Hochwasserschutz. Auch hier stellt sich – neun Jahre nach dem Wirbelsturm Sandy – die Frage, wer eigentlich geschützt wird. Und wer von den Bauarbeiten profitiert. O-Ton Demonstrantin Lynn Elsworth "Wir kämpfen seit sechs Jahren gegen Zersiedelung und fehlende demokratische Beteiligung bei der Frage, wie eigentlich Flächen verwendet werden", sagt Demonstrantin Lynn Elsworth.

Sorgen vor der nächsten Flut in New York bleiben

Eine Frau blickt in die Kamera.
Gemeinderätin Sonia Moise weiß: Der Wiederaufbau verschärfe soziale Probleme. | Bild: NDR

Um eine Grünfläche geht es den Demonstranten: Der East River Park, umgeben von Sozialwohnungen, soll abgeholzt und erhöht werden – um Manhattan vor Überflutungen zu schützen. Bis zu 1.000 Bäume will die Stadt fällen. Hochwasserschutz durch Baumrodung – für einige Anwohner klingt das absurd. Laut Edgar Westerhof vom US-Direktor Hochwasserschutz-Management ist es der einzige Weg, Manhattans Einwohner langfristig zu schützen. Seine Firma hat den Auftrag der Stadt, Ufer zu erhöhen und Flutschutzwände zu errichten. New York, sagt er, dürfe beim Hochwasserschutz keine Zeit mehr verlieren. "Bäume sind lebenswichtig und Bäume werden dort wieder hinkommen. Aber es ist auch Realität, dass eine Erhöhung wichtig ist, um die Anwohner zu schützen. Das wird die bestehenden Flächen verändern – das ist etwas, an das wir uns alle gewöhnen müssen."

Für die Straße von Kimberly White Smalls gibt solche Schutzmaßnahmen bisher nicht. Die Stadt New York hat hier zwar Grundstücke aufgekauft und Häuser erhöht – aber vieles liegt noch immer brach, wurde nie repariert. Auch neun Jahre nach den Verwüstungen durch den Wirbelsturm gibt es keinen Flutschutz zur Bucht. "Dafür kämpfen wir bis heute, das ist doch absurd. Bis heute ist da gar nichts passiert", sagt Gemeinderätin Sonia Moise.

Aufrüsten bei den Einen, zwar mit Verspätung, aber großem Einsatz und schwerem Gerät. Und viele ungelöste Probleme bei den Anderen. Die Sorgen vor der nächsten Flut in New York, sie bleiben.

Autor: Marc Steinhäuser, ARD-Studio New York

Stand: 01.08.2021 20:22 Uhr

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