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Libyen: Als Milizionär an der Front

PlayZwei Kämpfer der von der Regierung unterstützten Truppen, verschanzt mit Waffen in einer zerstörten Moschee.
Libyen: Als Milizionär an der Front | Bild: dpa picture alliance / Amru Salahuddien

Die neunjährige Tochter Naheel liebt die Spaziergänge mit ihren Papa Mohammed. Der Familienvater kämpft als Kommandeur der Brigaden von Ainsarah an der Front. Drei Tage Einsatz – drei Tage zu Hause. Mohammed Nouri genießt diese innigen Momente. Der Familienvater hat sieben Kinder. Bald zieht Mohammed wieder in den Krieg. Mohammeds Ehefrau Asma und die Familie leben in ständiger Angst: "Wir machen uns große Sorgen. Wir haben Kinder. Er ist der Vater. Er hat die Verantwortung. Wir machen uns Sorgen, es ist Krieg! Krieg! Er ist lange Zeit weg, ohne dass wir mit ihm Kontakt aufnehmen können. An der Front gibt es kein Mobilnetz. Wir hören von Toten und Verletzten jeden Tag. Jederzeit könnte die Nachricht kommen, dass dein Mann verletzt oder tot ist.

Die Gedanken an den Krieg lassen Mohammed auch zuhause nicht los. Er findet es empörend, dass Milizenführer Haftar ihn und seine Kameraden als Terroristen bezeichnet und sie auf eine Stufe mit dem IS stellt: "Wenn wir nicht mit unseren Streitkräften den IS bezwungen hätten, würde ich jetzt nichts sagen. Aber ich war zusammen mit diesen Streitkräften, als ein Kommandeur dieser Einheiten.

Kinder und Familien leiden

Die Kinder lernen für die Schule. Dort ist der Krieg auch ständiges Thema. Dann ist Mohammed auch schon wieder im Einsatz. Der Kommandeur fährt an die Front. Die Kampflinie frisst sich mitten durch Tripolis. Den Kämpfern des Milizenführers Haftar ist es in den vergangenen Monaten gelungen, sich in der Hauptstadt einzugraben. Hier wohnen keine Zivilisten mehr. Hier sind nur noch Kämpfer der einen oder der anderen Seite. Es herrscht Häuserkampf – unübersichtlich und unberechenbar.

Vater Mohammed ist im Krieg. Seine Kinder wissen und spüren das: "Sie haben Angst und weinen oft. Manchmal wachen sie mitten in der Nacht auf und weinen. In dem Fall nicht, weil ich im Krieg war, sondern sie haben Angst vor den Bomben. Auch Misrata wurde bombardiert! Das wirkt sich negativ auf ihre Psyche aus – die Bombardierungen haben sich auf die Psyche der meisten Kinder und Familien von Misrata negativ ausgewirkt", sagt Mohammed.

Ausnahmezustand und Überlebenskampf in Tripolis

Mann in Militäruniform im Interview.
Drei Tage Einsatz – drei Tage zu Hause. Mohammed Nouri ist im Krieg. | Bild: NDR

Mit seinen Kameraden baut Mohammed eine Mörserabschussrampe auf. Sie erzählen, dass die gegnerische Seite permanent die Feuerpause breche, auch mit schweren Waffen. Noch schlimmer findet Mohammed etwas anderes: Haftars Kämpfer würden keine Gefangenen nehmen. Sie töteten nur. "Versöhnung ist eine gute Sache. Wir hoffen auf Versöhnung und dass das Land wieder vereint ist. Dass niemand unterdrückt wird. Aber viel Ungerechtes ist passiert."

Während sich Mohammed auf das nächste Gefecht einstellt, kocht seine Frau Asma das Frontessen für die Männer. Gemeinsam mit anderen Ehefrauen. Die Lebensmittel stammen aus Spenden der Bevölkerung. Ausnahmezustand, Überlebenskampf: Mohammeds Frau Asma will, dass der Krieg endlich endet: "Wir brauchen einen zivilen Staat, in dem die Menschen das Sagen haben. Sie müssen das Land regieren. Die Zivilisten! Nicht das Militär!
In diesem Wunsch sind sich hier alle einig.

Autor:  Alexander Stenzel, ARD Studio Kairo

Stand: 20.01.2020 19:17 Uhr

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