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Brasilien: Fußballbegeisterung am Amazonas

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Brasilien: Fußballbegeisterung am Amazonas | Bild: BR
Indios in einem Boot
Indios in einem Boot | Bild: BR

Unterwegs auf einem Nebenfluss des Amazonas. Auch wenn es ein wenig bedrohlich aussieht, diese Indios sind nicht auf dem Kriegspfad. Sie haben Kurs genommen auf ihre Trainingsinsel, denn diese Männer haben Großes vor. Diese Indios gehören zum Stamm der Sateré Maué und sie wollen den Titel – die Besten sein, dafür geben sie alles.

Allein der Weg zum Übungsplatz ist schon eine Herausforderung, für sie aber ein Kinderspiel.

Diese Mannschaft gehört zum Favoritenkreis des weltweit größten Fußballturniers der Amateure. Das findet jährlich im brasilianischen Manaus statt und sie waren schon zweimal erfolgreich.

Selbst hier im tiefsten Dschungel hat sich offensichtlich die schönste Nebensache der Welt zur ganz großen Leidenschaft entwickelt.

Moises, Sateré Maué Indio:

»Für uns ist das ein wichtiger Moment von Freude, Brüderlichkeit und Freundschaft. Das ist eine Emotion, die in uns explodiert. Fußball ist wie ein Virus, der uns alle infiziert hat. Ein guter Virus!«

Beeindruckend wie lässig diese Indios den Ball beherrschen. Als ob sie hier am Amazonas nie etwas anderes gemacht hätten.

Nicht weit vom Äquator, fast 2000 Kilometer bis zum Atlantik, mitten im Urwald, da liegt Manaus.

Allein der Name der ehemaligen Kautschukmetropole lässt träumen: Die Oper – ein Mythos, Fitzcarraldo lässt grüßen, der wohl exotischste WM-Austragungsort. Aber Manaus sei damit überfordert, sagt der 75-jährige Sportjournalist Arnaldo Santos, der hier jedes Jahr das größte Amateurfußballturnier der Welt, das Peladão, organisiert.

Arnaldo Santos
Arnaldo Santos | Bild: BR

Arnaldo Santos, Sportjournalist und Peladão-Organisator:

»Das Manaus, das jetzt kurz vor der Fußball-WM steht, hat jede Menge Probleme, die es eigentlich zu lösen gilt. Aber sie machen hier das Gleiche wie fast überall in Brasilien. Ein bisschen Make-up, Rouge auf die Wangen, ein Haarschnitt, ein Blümchen hier, ein Blümchen da. Das war‘s.«

Dann schon lieber das Peladão, eine ehrliche Veranstaltung mit klaren Verhältnissen, sagt Arnaldo. Seit 1973 kämpfen hier etwa 700 Mannschaften, Frauen und Männer aus der Amazonasregion immer von August bis Dezember um den Titel, mit viel Leidenschaft und Emotionen. Da werden schon mal Zuschauer vom Platz geschickt.

Auf jedem Bolzplatz in und um Manaus wird gekickt und Regeln nur weitläufig umgesetzt. Hauptsache, das oberste Ziel des Turniers wird nicht aus den Augen verloren: „die soziale Integration des Volkes durch den Sport!“ Und manchmal entscheidet nur ein knallhartes Elfmeterschießen.

Torjubel einer Mannschaft
Torjubel einer Mannschaft | Bild: BR

Freud und Leid liegen auch hier mitunter nur ein paar Zentimeter auseinander.

Es geht um die Ehre von Mannschaften, Dörfern, Stadtteilen. Für manche das wichtigste Ereignis!

Ein Torwart:

»Dieses Turnier ist viel bedeutender als die WM. Da sind wir Randfiguren, hier geht es um tiefste Emotionen!«

Profimannschaften in den oberen brasilianischen Ligen gibt es in Manaus nicht, aber ein brandneues WM Stadion, dessen Errichtung in den letzten Zügen liegt.

Die Arena da Amazonia wird ein schönes Stadion mit über 40.000 Plätzen, einem ganz eigenen Design und ausgezeichnet für besondere Nachhaltigkeit, entworfen von einem deutschen Architektenbüro.

Am 20. Dezember soll es eingeweiht werden, das Bauwerk, das rund 225 Millionen Euro kostet.

Temperaturen, knapp unter 40 Grad, eine Luftfeuchtigkeit von fast 100 Prozent – der Alltag der Menschen hier. Die Armut ist groß, aber viele finden die politische Entscheidung Manaus als WM-Spielort aufzunehmen gut, denn schließlich wurde mit vielen Investitionen geworben.

Umfrage auf der Straße:

»Alle Arbeiten gehen langsam voran, das sehen wir doch. Aber wir hoffen, dass all die Versprechen tatsächlich umgesetzt werden.«

»Es ist toll, dass die WM auch hier herkommt. Dadurch können ausländische Besucher sehen, wie hier die Realität ist, wie wir leben.«

Arnaldo Santos quetscht sich durch parkende Autos
Arnaldo Santos quetscht sich durch parkende Autos | Bild: BR

Von der Realität will uns Sportjournalist Arnaldo einen kleinen Eindruck geben: Vollgestopfte Straßen, viel Schmutz, der Verkehr immer kurz vorm Kollaps. Eine kleine Stadtführung, die eher ein Hindernislauf ist. Der 75-Jährige ist verzweifelt und wütend, weil die vielgepriesenen Veränderungen einfach nicht stattfinden.

Arnaldo Santos, Sportjournalist und Peladão-Organisator:

»Was sollen wir den Touristen zeigen, wenn wir diese Realität nicht ändern? Was soll die Welt von uns denken? Dass hier Kultur fehlt? Dass wir keine Erziehung haben? Dass wir unterentwickelt sind? Es ist einfach beschämend und traurig!«

Arnaldo hat wenig Hoffnung, dass sich hier an diesem Bild bis zur Weltmeisterschaft viel ändern wird.

In diesem neuerrichteten Stadion werden während der WM ganze vier Spiele stattfinden. Was danach passiert, ist völlig offen. Man hofft auf eine Nutzung als Multifunktionsarena oder, wie der oberste Richter in Manaus vorgeschlagen hat, die Arena könnte der Justiz helfen.

Sabino Marques, Richter Manaus:

»Wenn der Staat Leute verhaftet und Strafverfahren eröffnet werden, dann werden diese Straftäter in öffentliche Gefängnisse geschickt. Die sind hier aber alle überfüllt. Deshalb mein Vorschlag, dass wir das Stadion später als Zwischenlösung nutzen, um von dort Straftäter auf Gefängnisse zu verteilen.«

Die Sateré Maué-Indios streben unterdessen weiter Richtung Finale des Peladao Turniers.

Aber der Platz wird gerade von diesem Faultier genutzt. Es dauert ein bisschen, bis es das Spielfeld frei gibt. Dann aber volle Konzentration. Das Faultier scheint ziemlich beeindruckt zu sein.

Der Indio Moises
Der Indio Moises | Bild: BR

Hy Wy Wa To nennt sich das Team von Moises, das heißt ungefähr "die königlichen Adler".

Dass die jemals die WM-Arena besuchen, glaubt Moises nicht.

Moises, Sateré Maué-Indio:

»Ich habe nichts gegen den Bau des Stadions. Wenn es den Bürgern Nutzen bringt. Aber der Staat sollte nicht die anderen Bereiche vergessen, Projekte, die notwendiger sind für die Menschen.«

Jetzt in diesem Moment ist nur eines notwendig. Die Unterstützung der Fans, der Familienmitglieder für das Hy Wy Wa To Team und die wirkt.

Die Indianer spielen wie im Rausch und gewinnen deutlich mit 6:2.

Autor: Michael Stocks / ARD Rio de Janeiro

Stand: 15.04.2014 10:38 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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