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China: Der Aufstieg der Familie "Mustermann"

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China: Der Aufstieg der Familie Mustermann | Bild: BR

Zwei Eltern, ein Kind – eine typische chinesische Großstadtfamilie.

Zhao Wenhua
Zhao Wenhua | Bild: BR

Zhao Wenhua ist 50 Jahre alt, sie war Assistentin des Geschäftsführers einer Immobilienfirma Jetzt genießt sie schon ihren Ruhestand. Ihr Mann Chen Bin ist ein Jahr älter und Radiologietechniker an einem Pekinger Krankenhaus. Und die 20-jährige Tochter Beibei studiert Chemie. Der Familie geht es gut, sie gehören zur wachsenden Mittelschicht.

Zhao Wenhua:

»Unsere Generation hatte das Glück, in den 60er Jahren geboren zu sein. Wir wurden erwachsen, als China seine großen Reformen begann und der Wirtschaftsboom kam. Als wir unseren Uniabschluss gemacht haben, gab es genug gute Jobs und die Lebenshaltungskosten waren noch gering. Und wir konnten uns den Lebensstil aussuchen, den wir wollten.«

Wei Shuqin
Wei Shuqin | Bild: BR

Wei Shuqin, die Mutter von Zhao Wenhua, hatte es nicht so leicht: Sie ist 83 Jahre alt, hat vier Kinder groß gezogen. Ihre Generation ging durch japanische Besatzung, Krieg und Maos brutale Kampagnen.

Im Park um die Ecke hält sie sich fit. Wenn ihre Gesundheit es zulässt, macht sie auch bei der Tai Chi-Gruppe mit.

2004 ist Oma Wei in dieses Hochhaus gezogen - und ist glücklich: endlich Zentralheizung, kein Kohleofen mehr. Oma Wei war Textilarbeiterin, heute näht sie immer noch gerne. Sie ist begeistert vom modernen China.

Wei Shuqin:

»Früher hatten wir oft nichts zu essen, wir haben gehungert. Heute gibt es alles - und gar nicht mal so teuer. Unser Land ist reich geworden.«

Auch ihre Kinder. Alle sind erfolgreich im Beruf – und kümmern sich um die Mutter. Ihr zweiter Sohn hat sie vor gut zehn Jahren sogar auf eine Reise nach Europa mitgenommen. Nach ihrem harten Leben ist sie heute zufrieden.

Chen Bin
Chen Bin | Bild: BR

Chen Bin trifft sich zweimal die Woche mit seinen Freunden zum Badminton – seine Art der Entspannung.

Tai Chi, Tischtennis, Federball – Volkssport in China – alles privat verabredet. Sportvereine gibt es nicht.

Heimfahrt im SUV. Vor drei Jahren verwirklichte Chen Bin seinen Traum und kaufte den Hover der chinesischen Autofirma Great Wall.

Materiell sind nicht mehr viele Wünsche offen – das Zwischenmenschliche beginnt wieder wichtiger zu werden.

Chen Bin:

»Wenn man früher etwas brauchte, bin ich einfach zu den Nachbarn gegangen und habe es geholt – und umgekehrt. Wir waren eine Gemeinschaft. Heute weiß ich gar nichts über meine Nachbarn, nicht einmal welche Berufe sie haben.«

Ihre Wohnung liegt in einer Apartmentanlage am Rand vom Peking – direkt vor der Tür – der Wochenmarkt. Bauern verkaufen Gemüse und Obst aus der Umgebung und vom Großmarkt.

Zhao Wenhua deckt sich mit Grünzeug ein – sie erwartet Gäste. Fleisch kauft sie lieber in einem Supermarkt ihres Vertrauens.

Essen mit Freunden
Essen mit Freunden | Bild: BR

Eingeladen sind befreundete Ehepaare – üblicher ist in China das gemeinsame Essen im Restaurant, aber Zhao Wenhua und Chen Bin finden es so persönlicher. Es gibt auch Pizza, weil die Freunde westliche Gerichte sonst nicht so kennen, sagt Zhao.

Sie zeigen Videos von ihrer letzten Reise nach Yunnan und Osttibet. Drei Wochen waren sie unterwegs – mit dem eigenen Auto.

Zhao Wenhua:

»Beim Reisen sind wir völlig unabhängig, das ist Freiheit.«

Chen Bin:

»Ich liebe das Autofahren: Bei unserer letzten Reise habe ich von Anfang an geplant, alles alleine zu fahren.«

Die nächste Tour ist schon in der Planung – und wird beim Essen diskutiert: von Peking in den Westen Tibets. Das Hochland hat es ihnen angetan: Und ein bisschen Abenteuer ist so eine lange Autorreise auch.

Zhao Wenhua:

»Wir sind dazu erzogen worden, nach Sicherheit, Stabilität und Routine zu streben und auf keinen Fall, ein Risiko einzugehen. Aber heutzutage ist das vielleicht falsch. Abenteuer sind vielleicht gar nicht schlecht, sondern sie fordern uns heraus.«

Tochter Beibei fährt mit der neuen U-Bahnlinie 6 Richtung Uni. In eineinhalb Jahren bekommt Beibei ihren Bachelor in Chemie. Danach möchte sie im Ausland weiterstudieren, ihren Master machen.

Tochter Beibei und eine Freundin
Tochter Beibei und eine Freundin | Bild: BR

Karaoke ist einer ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen – heute mit ein paar Freundinnen. Mehr als drei Jahre hatte Beibei schon einen festen Freund, aber während der ersten Unijahre haben sie sich auseinandergelebt. Umso schöner ist das Singen von der Liebe.

Eine Freundin:

»Karaoke ist so entspannend: Ich wohne mit mehreren in einem Zimmer, da muss man immer ruhig sein und Rücksicht nehmen. Hier sind wir ungestört.«

Eine andere Freundin:

»Klar haben wir Träume, aber ob sie Wirklichkeit werden? Wir wollen doch alle einen hübschen und reichen Jungen, aber wie kriegen wir den?«

Bei Bei:

»Mein größter Wunsch ist erst mal die Welt zu bereisen, mit Freunden oder einem festen Freund, und alles kennenzulernen.«

Die Welt steht ihnen offen – offener als je einer chinesischen Generation. Auch im neuen Jahr. Was sie daraus machen – sie haben es in der Hand.

Autorin: Ariane Reimers, ARD Peking

Stand: 15.04.2014 10:36 Uhr

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