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Großbritannien: Mit Messer und Säure – Jugendgewalt in den Vororten

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Großbritannien: Mit Messer und Säure – Jugendgewalt in den Vororten  | Bild: NDR

Die Autofahrt führt nach Croydon, Südlondon. Allein in den vergangenen 24 Stunden wurden hier zwei Jugendliche bei Messerstechereien getötet. "Schauen Sie, in dem Wagen sitzen bewaffnete Polizisten", sagt Gwenton Sloley. "Da muss schon wieder irgendwas los sein. Was ernstes, ein Waffenfund oder eine Messerstecherei." Gwenton Sloley kennt sich damit aus. Der 33-Jährige trainiert die Polizei, hilft aber auch gewalttätigen Jugendlichen, häufig minderjährige Jungs, Mitglieder von Gangs. Gwenton will ihnen aus dem Milieu helfen. Früher war er selbst Gangster, saß mehrfach im Gefängnis. Mehr als zehn Jahre ist es her. Seitdem haben sich die Zeiten geändert. "Heute haben die Jungen gar keine Orientierung mehr, keine Vorbilder, die sie darauf hinweisen, dass das falsch ist, was sie da machen", sagt er. "Die sind in einer Identitätskrise. Sie respektieren niemanden mehr. Die attackieren jetzt einfach jeden. Menschen am helllichten Tag auf der Straße. So was gab's zu meiner Zeit nicht."

Drogen dealen und Gewalt

"Young Chapel" ist einer der Gangleader in Croydon.
"Young Chapel" ist einer der Gangleader in Croydon. | Bild: NDR

Völlig außer Kontrolle: Messerstechereien haben sich Epidemie-artig ausgeweitet in Großbritannien. 34.000 im vergangenen Jahr. Vor allem in Vororten wie eben Croydon. Armut, keine Jobs, Perspektivlosigkeit. Das "wahre Leben", wie ein Graffiti besagt: Drogen dealen und Gewalt. Gwenton führt uns zu einem der Gangleader von Croydon. Er stellt sich mit dem Namen "Young Chapel" vor. Zum Interview geht es in eine abgeschiedene Ecke eines Parks. Im Revier der Gegner – eine Machtdemonstration. Ob er ein Messer bei sich trägt, lautet die erste Frage. "Wir alle tragen Messer und auch mehr", sagt er. "Und wann kommt es zum Einsatz?", fragen wir. "Zum Selbstschutz. Aber auch, um Geld zu erpressen. Raub. Immer, wenn man Angst machen will." Er ist selbstbewusst, gar stolz. Sein Gesicht zeigen will er nicht. Auch nicht sein Messer. "Man würde mich sofort erkennen. Es ist eine Sonderanfertigung", sagt er. Auf die Frage, ob er schon einmal mit dem Messer zugestochen habe, sagt er: "Das kann ich nicht sagen." Ob er Messerstechereien miterlebt habe? "Ja, habe ich."

Jugendliche können anonym ihre Messer loswerden

Einen Engel hat Unternehmer Clive Knowles aus 100.000 Klingen gefertigt.
Einen Engel hat Unternehmer Clive Knowles aus 100.000 Klingen gefertigt. | Bild: NDR

Der Gangster weiß sich wortkarg zu geben. Vier Jahre Gefängnis drohen ihm in Großbritannien allein fürs Tragen von Messern. Seit dem Anstieg von Stechereien setzt die Polizei wieder vermehrt auf Personenkontrollen. Messer aus 40 Polizeidistrikten landen auf dem Grundstück von Clive Knowles. "Vom Küchenmesser, an das man leicht rankommt, bis zum Bajonett. Es ist alles dabei", sagt er. "Allein in diesem Container sind mehrere zehntausend Messer. Es ist verstörend. Jeder, der das sieht, dem muss klar werden, dass das ganze außer Kontrolle geraten ist. Eine Plage." Clive wirkt überfordert. Eigentlich wollte er ja nur helfen und womöglich auch etwas Aufmerksamkeit für seinen Skulpturenpark. Kunstvolle Schmiedearbeit stellen seine Mitarbeiter normalerweise her. Seit neustem aber auch Tonnen. Jugendliche können so anonym ihre Messer loswerden. Der Unternehmer sponsert die Stahl-Mülleimer und erhält im Gegenzug den Müll. Aus dem hat er nun eine Skulptur gefertigt: Ein Engel aus 100.000 Klingen.

Ein Ort zum Trauern

Rachel Webb trauert um ihren Sohn Tom, der von einem Jugendlichen erstochen wurde.
Rachel Webb trauert um ihren Sohn Tom, der von einem Jugendlichen erstochen wurde. | Bild: NDR

Für viele Mütter ist es ein Ort der Trauer geworden: Sie haben die Namen ihrer verlorene Söhne eingeritzt. Rachel Webb weint und zeigt auf die Namen von Opfern: "James, Conner, Tom, Liam, Whestley." Das Leid, es hört nicht auf. Tom war ihr Sohn. Ihr einziger. Vor anderthalb Jahren wurde er erstochen. Er kam da gerade aus dem Supermarkt. Eine Gang umzingelte ihn. Ein 16-Jähriger stach zu. Einfach so. "Er war gerade dabei, Chips zu essen", erzählt Rachel. "Ich kann das einfach nicht verstehen. Völlig sinnlos. Er arbeitete hart, hatte eine wunderschöne Freundin. Er hatte eine Zukunft. Sie haben ihm das einfach weggerissen."

Wut auf die Täter und die Politik

Wut auf die Täter. Aber auch auf die Politik, die solche Taten geschehen lässt. Erst seit Kurzem ist der Verkauf von Messern an Minderjährige verboten. Doch schon suchen Jugendlichen nach anderen Waffen. Säureattacken sind der neuste grausame Trend in London, wie Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen. Die Chemikalien sind billig und legal. Die Folgen: Verätzungen der Haut. Jabed Hussain hatte Glück. Eine Gang von Minderjährigen wollte so sein Motorrad klauen. Sein Motorradhelm schützte sein Gesicht bei einem Angriff vor schlimmeren Verletzungen. Er sagt, es sei viel zu einfach für die Kinder, an Säure zu gelangen. "Minderjährige dürfen zwar keine Zigaretten kaufen, können aber ohne Probleme Zutaten für Säure erwerben. Sie zerstören damit Gesichter, ganze Identitäten lebenslänglich", sagt Jabed Hussain.

"Es wird nur reagiert statt vorgebeugt"

Gwenton Sloley war früher selbst ein Gangster, nun trainiert er die Polizei.
Gwenton Sloley war früher selbst ein Gangster, nun trainiert er die Polizei. | Bild: NDR

Die Regierung verspricht auch hier strengere Regeln. Immer neue Verbote. Aber was helfen sie, wenn doch die Wurzeln des Problems nicht bekämpft werden, meint Gwenton, der ehemalige Gangster: "Das Problem ist doch, dass die Politik seit Jahren nur kürzt. Sie streicht in der Jugendarbeit, an den Jugendzentren. Dabei muss man eben doch genau dort ansetzen. Viel früher intervenieren. Es wird aber immer nur reagiert statt vorzubeugen." Denn sind die Jungs erstmal in Verbrechen involviert, gibt es meist keinen Ausweg mehr, meint Gwenton. Es sei wie eine Hochzeit. Bis dass der Tod sie scheidet.

Autorin: Julie Kurz, ARD-Studio London

Stand: 20.08.2017 19:20 Uhr

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