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Österreich: Ischgl ohne Touristen

PlayMenschenleere Straße in Ischgl
Österreich: Ischgl ohne Touristen | Bild: imago

"Die Grundfrage ist, ob Gäste kommen oder nicht, an der Fragen hängt alles!" Bernhard Zangerl betrieb das "Kitzloch" und ein Hotel in Ischgl. Erst nach Weihnachten sollen die Lifte in dem Ort wieder laufen, der für die Ausbreitung des Coronavirus in Europa steht. Superspreader, Après-Ski und Wintersport: Die Hoteliers in Ischgl leiden unter dem Image und versuchen trotzdem alles, um zu überleben. Wie geht es weiter, wie hat die Corona-Pandemie den Wintersport in Ischgl verändert?

Warten auf die ersten Gäste

Soviel Zeit für seine Tiere hatte Bernhard Zangerl noch nie. Ihm und seiner Familien gehören ein fünf Sterne Hotel in Ischgl, zwei Restaurants und eine Après-Ski-Bar. Doch jeden Abend kommt er hierher und hilft mit. Die Produkte vom eigenen Hof liefern sie an ihr Hotel und die Restaurants. Doch die sind nach wie vor geschlossen. Ohne Tourismus lohne sich auch die Landwirtschaft nicht, sagt Bernhard. "Die Grundfrage ist ob Gäste kommen oder nicht, an der Fragen hängen alle Antworten. Die Sorgen sind da, man hofft, dass man sobald wie möglich starten kann und alles zum Laufen zu bringen." Noch geht er davon aus, dass Anfang Januar die ersten Gäste kommen. Doch bleibt es dabei? Ganz Ischgl ist auf Touristen aus Deutschland, Belgien und Holland angewiesen. 1.600 Einwohner − 12.000 Betten.

Stadtansicht Ischgl
Ischgl: 12.000 Hotelbetten und 1.600 Einwohner | Bild: SWR

Im Ort scheint es, als könnte es tatsächlich jeden Moment losgehen. Die Silvretta-Bahn im Testbetrieb. Solange Hotels geschlossen bleiben und Touristen fehlen sei der Betrieb nicht wirtschaftlich, sagt der Seilbahnchef. Doch sollten die Skifahrer kommen, will er Gedränge am Lift auf jeden Fall vermeiden. Maskenpflicht und Abstandsregeln werden videoüberwacht. In die Gondeln dürfen nur 12 statt 24 Personen, der Innenraum soll regelmäßig desinfiziert und gelüftet werden. "Das geht nicht immer", sagt Günther Zangerl, Vorstand Silvretta Seilbahn AG, "wenn‘s jetzt extrem schlechtes Wetter hat, dann schneit‘s rein. Aber ja, nach Möglichkeit sollten diese Kabinen durchlüftet werden."

Corona-Infektion beim Après-Ski

Blick ins Skigebiet: 170 Pistenkilometer gäbe es allein in Ischgl, doch solange alles unklar ist präparieren sie nur ein Viertel der Pisten. Ironie des Schicksals: Die Schneeverhältnisse dieses Jahr sind so gut wie lange nicht mehr kurz vor Weihnachten. Zurück im Tal. Vor einem Jahr hat Bernhard Zangerl das Kitzloch übernommen. Die Après-Ski-Bar war damals ein Geheimtipp für gute Partys, sagt Bernhard Doch als sich im März hier ein Barkeeper mit Corona infizierte, geriet erst das Kitzloch und dann ganz Ischgl weltweit in die Schlagzeilen. Sobald es geht, will Bernhard beweisen, dass "Après-Ski" in Ischgl nichts mit Ballermann zu tun hat. Heißt diesen Winter: Weniger Gäste, mehr Abstand, Reservierungspflicht und Hygieneregeln. "Man wird sich nicht so frei bewegen können wie die letzten Jahre, es wird eine andere Art von Après-Ski und als solche sollte man es sehen und trotzdem die Möglichkeit schätzen, dass man in Urlaub fahren und die Berge und das Skifahren genießen kann."

Après-Ski-Lokal "Kitzloch"
Das Après-Ski-Lokal "Kitzloch" gilt als Ausgangspunkt für viele Corona-Ansteckungen | Bild: SWR

Doch ab wann? Erst hatten sie hier auf einen Beginn Ende November gehofft, dann auf Weihnachten. Jetzt steht fest, Hotels und Gastronomie bleiben bis Mitte Januar geschlossen, mindestens. Skischulen und Sportgeschäfte fehlen die Kunden. Mit uns reden, will auf der Straße keiner. Anders als in Zeiten vor Corona sind Kameras in Ischgl nicht mehr gern gesehen. Tourismus-Chef Andreas Steibl verteidigt das. Das Misstrauen sei noch immer groß, aus Sicht vieler Einheimischer sind die Medien mitverantwortlich dafür, dass Ischgl zum Corona-Sündenbock für ganz Europa wurde. "Wir haben ja diese Pandemie, diesen Virus nicht erfunden, der ist auch bei uns eingeschleppt worden und dass man nachher solange damit konfrontiert wird, dass man im Mittelpunkt steht, nämlich Schuld zu sein, was ja überhaupt in der Form nicht stimmt, dann tut das weh und schmerzt." Aus den Fehlern habe man gelernt, sagt Steibl, jetzt wolle Ischgl zum Vorbild werden. Sobald es eben geht. Eine Maßnahme: aus dem Kulturzentrum soll ein Covid19-Testzentrum werden. "Wir haben schon die Wände und das alles bestellt, des kriegen wir alles nächste Woche. Da gibt es dann fünf Stationen."

Die ersten Buchungen für 2021

Fünf Stationen, 3.000 offizielle PCR-Tests pro Woche. Gäste können sich hier bei Ankunft und kurz vor der Abreise testen lassen. Zurück zu Bernhard Zangerl. Das Fünf-Sternehotel seiner Familie läuft im Notbetrieb. Knapp hundert Saisonkräfte sitzen auf Abruf zuhause, in Ungarn, Deutschland oder Österreich. Nur ganzjährig Angestellte sind da. Vor allem aus Deutschland rufen Gäste an, erste vorsichtige Buchungen. "Für die Kalenderwoche Sieben? Ja des wäre 13. bis 20. Februar. Ein Doppelzimmer …" "Sie können ja kostenlos stornieren", erklärt die Rezeptionistin Viktoria Pitterle, "sollte die Anreise nicht möglich sein oder Skipisten nicht geöffnet haben, sie buchen schon, und kurzfristig wird dann entschieden." Das heißt aber ihr könnt nicht sicher planen? "Das geht glaub‘ ich jedem Hotel so in den Alpen und in ganz Europa, dass es einfach wirklich keine Planungssicherheit gibt", so Bernhard Zangerl

Hotel-Rezeption
Die Hotels hoffen auf einen Start im Januar  | Bild: SWR

Blick in die Zimmer. Ab 200 Euro kostet die Übernachtung mit Halbpension hier pro Person. Sonderpreise wird es nicht geben, sagt Bernhard, das wäre wirtschaftlich falsch. Eine Woche Vorlauf braucht er, um Saisonkräfte zu holen und das Hotel startklar zu machen. Damit will er warten so lange wie möglich, ob sie wirklich aufmachen im Januar, Bernhard bleibt skeptisch. "Ich war schon dreimal davon überzeugt, dass es am 25. November klappt, dann am 15. Dezember und es hat zweimal nicht geklappt, ich hoffe, dass es jetzt zum dritten Mal klappt. Aber man wird sehen was noch kommt." Ischgl. Exklusiver Skiort ohne Touristen, noch vor einem Jahr unvorstellbar. Weihnachten 2020 werden sie ohne Gäste feiern. An ihrer Beleuchtung halten sie trotzdem fest und an der Hoffnung, dass im neuen Jahr möglichst bald alles besser wird.

Autor: Christian Limpert, ARD-Studio Wien

Stand: 20.12.2020 21:49 Uhr

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