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Marokko: Der Schlangenbeschwörer von Marrakesch

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Marokko: Der Schlangenbeschwörer von Marrakesch | Bild: WDR

Ziemlich verrückt sind sie, ein wenig schlitzohrig und immer gute Schauspieler – die Schlangenbeschwörer von Marrakesch.

Belaid Farouss ist so ein Reptilienflüsterer, seit über 30 Jahren praktiziert er dieses Gewerbe, legt Touristen, ob sie wollen oder nicht, Nattern um den Hals und kassiert für dieses Gruselgefühl seinen Obolus.

Belaid lebt von den Touristen
Belaid lebt von den Touristen

»Belaid Farouss, Schlangenbeschwörer:
„Ich kenne keine Angst,“ erklärt mir Belaid, „für mich ist das ein normaler Beruf, mit dem ich eben meine Familie ernähre, so hat es schon mein Vater gemacht.“«

Trommler, Gaukler und Medizinmänner, sie alle tummeln sich auf dem legendären Platz von Marrakesch, Dejmaa-el-Fna.

Wer will, kann sich treiben und verführen lassen, etwa von Belaid und seiner Kobra. Hochgiftig sei sie, wird dem zahlungskräftigen Publikum versichert.

Über hundert Schlangenbeschwörer gibt es noch in Marrakesch, ein Berufsstand zwischen Tradition und Kontroverse. Manche Kritiker sprechen von Tierquälerei.

Auf dem legendären Platz von Marrakesch Dejmaa-el-Fna
Auf dem legendären Platz von Marrakesch Dejmaa-el-Fna

Als ich Belaid danach frage, verbeißt sich plötzlich verbeißt sich eine Natter in seine Hand, das Publikum hält kurz den Atem an.

Seht Ihr, sagt er, die Schlangen sind gefährlich, aber für mich sind sie wie meine Kinder. Macht Euch keine Sorgen.

In einer Holzkiste transportiert Kollege Sadek die Reptilien nach Hause – am späten Nachmittag ist Dienstschluss.

Für den internationalen Jetset hat Marrakesch einen magischen Klang, doch für Menschen wie Belaid und seine große Familie ist es ein schwieriges Leben. Wegen der globalen Krise kämen weniger Touristen, und bei denen, die kämen, sitze das Geld auch nicht mehr so locker .

»Belaid Farouss, Schlangenbeschwörer:
„Alles wird teurer: die Miete, Strom und Wasser. Wenn ich Glück habe, verdiene ich vielleicht zehn Euro am Tag. Deswegen muss ich täglich auf den Platz, damit wir über die Runden kommen.“«

In einem Abstellraum bewahrt er seinen Schatz auf, sieben Kobras, zwei Puffottern und fünf Nattern . Einmal die Woche werden sie gefüttert. Sie also bilden das Grund – oder vielleicht besser: das Risikokapital seines Unternehmens.

Am nächsten Tag sind wir unterwegs in die Wüste, dort, wo die Schlangenbeschwörer ihren Nachschub besorgen. Sie fahren rund 400 Kilometer südlich in ein Gebiet nahe des Atlantik.

In der Wüste sucht Belaif Nachschub.
In der Wüste sucht Belaif Nachschub.

Mit ihrem ortskundigen Freund Abdelrahim gehen sie auf Suche - mit Spiegeln forschen die drei Männer nach den Schlangen . Belaid erzählt uns bei der Gelegenheit, dass sein Vater jung an einem Kobra-Biß verstorben sei – ihn habe das aber nicht abgeschreckt.

Unter einem Busch findet er eine hochgiftige Puffotter.

Sie wollte eigentlich sonnenbaden, doch Belad hat andere Pläne. Er zeigt uns die hohe Kunst des Schlangenfangens – nichts für schwache Nerven.

Gut hundert Euro kann so eine Schlange in Marrakesch kosten – für Belaid ist das also ein überaus lohnender Einsatz.

»Farouss Belaid, Schlangenbeschwörer:
„Man muss solange warten, bis sich die Schlange ein wenig beruhigt hat,“ erklärt er, „dann werfe ich ihr den Sack über. Aber man muss sehr vorsichtig sein.“«

Mit der Viper über der Schulter macht man sich auf den Weg zur Hütte von Abdelrahim.

Dort lagern weitere Schlangen in Säcken. Nach artgerechter Tierhaltung sieht das nicht gerade aus, aber hier werde es eben seit Generationen so praktiziert, sagen sie und erzählen, dass einem Teil der Tiere im Tropeninstitut das Gift abgezapft werde – also ein ganz seriöses Gewerbe.

ca. 100 Euro kostet eine Schlange in Marrakesch
ca. 100 Euro kostet eine Schlange in Marrakesch

»Abdelrahim Moulay, Schlangenfänger:
„Sehen Sie, für uns in der Wüste gibt es kaum Alternativen, wir leben von den Schlangen. Ich fange sie und kann sie dann an Leute wie Belaid weiterverkaufen.“ Am nächsten Morgen machen sich die drei noch auf den Weg zu einem „Zaoui“, einem islamischen Ort der Einkehr - mitten in der Wüste.«

Am Grab eines islamischen Weisen haben sich die Schlangenbeschwörer versammelt.

Ein Stoßgebet zu Allah kann nie schaden, denkt sich Belaid und bedankt sich für die erfolgreichen Tage in der Wüste.

Zurück nach Marrakech – früher wurden hier Menschen hingerichtet, heute tobt das pralle Leben.

Immer mittendrin: Belaid Farouss. Bei seiner archaischen Kunst lässt es sich herrlich gruseln.

»Belaid Farouss, Schlangenbeschwörer:
„Schlangen haben mich schon immer fasziniert,“ sagt er, „wenn ich schlafe, dann träume ich von ihnen, ich bewundere einfach diese Tiere. „«

Zum Schluss geht er auf engste Tuchfühlung - die Schlangenbeschwörer von Marrakesch sind eben echte Unterhaltungskünstler.

Autor: Stefan Schaaf/ARD Madrid

Stand: 05.01.2015 09:29 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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