Biographien

Paul Schäfer (Mitte) mit Kindern in Heide ca. 1960
Paul Schäfer (Mitte) mit Kindern in Heide ca. 1960 | Bild: WDR/LOOKSfilm

Biographien

DER IM FILM ZU WORT KOMMENDEN EHEMALIGEN SEKTENMITGLIEDER

Edeltraud Bohnau

Edeltraud Bohnau (*1951) kam als Elfjährige aus Deutschland mit ihren Eltern in die Colonia Dignidad. Ihr Vater, Nathan Bohnau, hatte lange gezögert, sein gesamtes Vermögen Paul Schäfer zu geben und nach Chile auszuwandern. Als Paul Schäfer ihm versprach, in Chile wieder ein Haus für die Familie zu bekommen, willigte er schließlich ein. Als er nach Jahren des mühseligen Aufbaus den Sektenführer an sein Versprechen erinnerte, stellte Paul Schäfer ihn kalt. Die gesamte Familie Bohnau fiel in Ungnade. Paul Schäfer nannte Edeltraud Bohnau von nun an „Sau“ und ließ sie körperlich harte Arbeiten verrichten. Das jahrelange Schleppen schwerer Milchkannen und die Arbeit auf dem Feld ruinierten ihre Gesundheit. Bereits als Jugendliche spürte sie eine innere Abneigung gegen Paul Schäfer. Als er bei einem Jagdunfall angeschossen wurde, wünschte sie sich insgeheim, dass er sterbe. Willi Malessa war ein Lichtblick in Edeltrauds Leben. Bereits mit zwölf Jahren verliebte sie sich in ihn. Doch die Trennung von Männern und Frauen machte ein Zusammenkommen unmöglich. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis sie mit Willi zum ersten Mal sprach. Nach Jahren des Wartens erlaubte Paul Schäfer schließlich die Heirat. Das Paar hoffte, dass sich ihr Leben in der Kolonie nun zum Besseren wenden würde. Sie täuschten sich. Nach der Hochzeit mussten sie sich weiter heimlich treffen und ihre zwei Kinder schon wenige Wochen nach der Geburt im Kinderhaus abgeben. Nach dem Ende der Kolonie versuchten Edeltraud Bohnau und ihr Mann, mit ihren Kindern eine Familie aufzubauen. Heute leben sie in Chile. Zu ihrer Tochter haben sie keinen Kontakt mehr.

Wolfgang Kneese

Wolfgang Kneese (*1945) kam bereits als Kind zu Paul Schäfer ins Jugendheim der „Privaten Socialen Mission“ in Heide bei Siegburg. Seine Mutter war Kriegswitwe und mit ihm überfordert. Gleich in der ersten Nacht wurde er von Paul Schäfer vergewaltigt. Im Glauben, dass ihr Sohn auf eine Chorfahrt ging, stimmte Wolfgang Kneeses Mutter einer Auslandsreise zu. Sie wusste nicht, dass ihr Sohn nach Chile gebracht werden sollte. Wolfgang Kneese gehört zur ersten Gruppe, die im Sommer 1961 in Chile einreiste. Anfänglich glaubte er, dass er dort Abitur machen könne. Doch bald stellte er fest, dass er zum Aufbau eines Dorfs nach Chile gekommen war. Ernüchtert von den harten Lebensbedingungen und der pausenlosen Arbeit, floh er 1963 zum ersten Mal. Doch er wurde gefasst und zurück in die Kolonie gebracht. Um weitere Fluchtversuche zu verhindern, bekam er Psychopharmaka verabreicht. 1966, beim dritten Versuch, gelang ihm schließlich die Flucht. In Santiago ging er an die Presse und beschuldigte Schäfer des Kindesmissbrauchs und anderer Verbrechen. Doch Schäfers Anwälte machten ihn mundtot. Zurück in Deutschland wurde die Jagd auf Paul Schäfer zu seinem Lebensthema. Immer wieder gelang es ihm, die Colonia Dignidad in die Schlagzeilen zu bringen. 1988 war er Mitinitiator der Anhörung vor dem Unterausschuss für Menschenrechte des Auswärtigen Amtes, bei der Opfer und Sektenmitglieder der Kolonie zu Wort kamen. 1996 unterstützte er den Chef der Kriminalpolizei Luis Henríquez bei der Suche nach Paul Schäfer und der Befreiung der chilenischen Kinder. Der Tag, an dem Paul Schäfer 2005 verhaftet wurde, ist einer der glücklichsten Tage seines Lebens. Wolfgang Kneese, der eines der umfangreichsten Archive zur Geschichte der Colonia Dignidad aufgebaut hat, lebt heute mit seiner Frau in einer Kleinstadt in der Nähe von Hamburg.

Willi Malessa

Willi Malessa (*1949) kam im Alter von zehn Jahren in das Jugendheim der "Privaten Socialen Mission" in Heide bei Siegburg. Bereits nach wenigen Tagen wurde er dort von Paul Schäfer missbraucht. Er vertraute sich seiner Mutter an, doch diese glaubte ihm nicht. Im Frühjahr 1961 reiste er als einer der ersten nach Chile. Dort half er, das Grundstück, auf dem die Colonia Dignidad entstehen sollte, für die Ankunft der weiteren Siedler vorzubereiten. Er hatte Spaß an der Arbeit und wurde zu einem der besten Techniker der Kolonie. Paul Schäfer setzte auf ihn in der Dreherei, als Leiter des Goldbergwerks und Maschinenfahrer. Obwohl Paul Schäfer ihn viele Jahre missbrauchte und immer wieder verprügeln ließ, akzeptierte Willi Malessa ihn "als Prediger und Mann Gottes". Paul Schäfer wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. 1978 beauftragte er ihn, die Leichen von ermordeten chilenischen Oppositionellen auszugraben und zu verbrennen. Wenn Willi Malessa heute davon erzählt, bricht er in Tränen aus. Das Ereignis wurde zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Er erkannte, dass er für Paul Schäfer "viel geleistet und gemacht hatte" und hielt bei ihm um die Hand von Edeltraud Bohnau an. Nach Jahren des Wartens erhielt er schließlich die Erlaubnis, seine Jugendliebe Edeltraud zu heiraten. Ab 2014 entschloss er sich, sein Wissen über die Verbrechen der Justiz preiszugeben. Er begründete dies mit der Verantwortung gegenüber den chilenischen Opfern. Er verriet, wo er 1978 die Leichen von vierzig "Verschwundenen" ausgegraben hatte, und zeigte den Ermittlern auch den Ort, an dem diese mit Napalm verbrannt wurden. Heute lebt er mit seiner Frau Edeltraud Bohnau in Chile. Da er zeitlebens kein Geld verdiente und somit keine Rentenansprüche hat, betreibt er zum Lebensunterhalt eine kleine Dreherei.

Esther Müller

Esther Müller (*1957) war fünf Jahre alt, als sich ihre Eltern entschlossen, 1962 nach Chile auszuwandern. Mit dem Schiff ging es über den Atlantik und durch den Panamakanal, in Chile dann auf Sandpisten zur entlegenen Kolonie. Für Esther war das eine aufregende Reise. Doch aus dem Abenteuer wurde kurz nach der Ankunft in der Kolonie ein Albtraum. Sie wurde von ihren Eltern getrennt und wie die anderen Kinder ins Kinderhaus gebracht. Dort wurde sie von "Tanten" großgezogen. Jede Nacht rannte sie weinend um das Kinderhaus und rief nach ihrer Mutter. Vergeblich. In der Kolonie mussten nicht nur Erwachsene bei Paul Schäfer beichten, auch Kinder. Eines Nachts wurde Esther völlig überraschend aus dem Schlaf gerissen und zu Paul Schäfer gebracht. Er wollte von ihr wissen, was sie"„da unten" gemacht habe. Esther hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Nächtelang sollte sie beichten, doch sie wusste nicht was. In ihrer Verzweiflung forderte sie Paul Schäfer auf, sie totzuschlagen. Von da an musste sie nie wieder beichten. Im Rückblick glaubt Esther Müller heute, dass es diese Konfrontation mit Schäfer war, die ihr die Kraft gab, in der Kolonie zu überleben. 15 Jahre lang arbeitete sie als Krankenschwester im Krankenhaus der Kolonie. Von ihren kleinen chilenischen Patienten bekam sie etwas, was es sonst in der Kolonie nicht gab: Liebe. Nach Schäfers Flucht hatte sie lange Angst, dass er zurückkommen und sie für alles, was sie in der Zwischenzeit getan hatte, bestrafen würde. Jahre nach Schäfers Flucht verliebte sie sich in einen anderen Bewohner der Kolonie, Michael Müller. Sie heirateten und bekamen einen Sohn. 2005, nur wenige Monate nach Paul Schäfers Verhaftung, verließ sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn Chile. Heute lebt sie in Nordrhein-Westfalen und arbeitet als Altenpflegerin. Auf Lesereisen erzählt sie von ihrem Leben in der Colonia Dignidad.

Günter Schaffrik

Protagonist Günter Schaffrik ca. 1972
Günter Schaffrik (*1960) kam im Alter von zwei Jahren aus Deutschland in die Colonia Dignidad.  | Bild: WDR

Günter Schaffrik (*1960) kam im Alter von zwei Jahren aus Deutschland in die Colonia Dignidad. Kurz nach der Ankunft sperrte Paul Schäfer Schaffriks an Kinderlähmung erkrankten Vater in einen Holzschuppen. Dort musste er bis zu seinem Lebensende hausen. Eine traumatische Erfahrung für Günter Schaffrik, dessen Leben von nun an, wie das aller Jungen, einzig auf Paul Schäfer ausgerichtet war. Günter Schaffrik gehörte der Generation von Jungen an, die im NeuKra (Neuen Krankenhaus) über zwei Jahre jede Nacht mit Elektroschocks an den Genitalien gefoltert wurden. So wurden sie zu absolutem Gehorsam abgerichtet. "Wir wurden alle wie Roboter gehalten", erklärt Günter Schaffrik heute. Über viele Jahre missbrauchte Paul Schäfer ihn, auch noch als erwachsenen Mann. Günter Schaffrik wusste nicht, dass das, was Paul Schäfer mit ihm machte, ein Verbrechen war. Zu Beginn der 90er Jahre betraute Paul Schäfer ihn mit der Organisation des Ferien- und Wochenendprogrammes für chilenische Kinder. In dieser Funktion brachte er auch chilenische Jungen zu Paul Schäfer. Im Zuge der juristischen Aufarbeitung der Verbrechen erhielt er dafür 2013 elf Jahre Freiheitsstrafe, eine der höchsten Haftstrafen, die gegen einen Koloniebewohner verhängt wurde. Günter Schaffrik holte im Gefängnis den Schulabschluss nach und machte eine Ausbildung. 2017 wurde er wegen guter Führung vorzeitig auf Bewährung entlassen. Zusammen mit seiner Frau Erika Tymm lebt er in der Villa Baviera. In Zukunft will er sich im kaufmännischen Bereich dem Tourismus in der Kolonie widmen.

Kurt Schnellenkamp

Kurt Schnellenkamp (*1927; †2017) war 18 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Der ehemalige Wehrmachtssoldat suchte nach Halt und Orientierung und fand sie im christlichen Glauben. Noch in Deutschland wurde er Paul Schäfers rechte Hand beim Aufbau des Jugendheimes in Heide. In Chile entwickelte er sich rasch zum Wirtschaftsund Außenhandelsexperten der Kolonie. Auf seine Initiative hin kaufte die Kolonie einen Steinbruch und produzierte Schotter. Das Geschäft florierte und spülte Geld in die Kassen. Während der Diktatur von Augusto Pinochet arbeitete Kurt Schnellenkamp eng mit dem deutschen Waffenhändler Gerhard Mertins und dem chilenischen Militär zusammen. Er war in illegale Waffengeschäfte involviert, spionierte feindliche Militärstützpunkte aus und transportierte chilenische Oppositionelle in die Kolonie, wo sie gefoltert oder ermordet wurden. Kurt Schnellenkamp wurde mehrfach zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, u. a. wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch, Verletzung von Menschenrechten und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Auf Antrag seiner Kinder wurde er 2016 vorzeitig aus der Haft entlassen, um in der Kolonie sterben zu können.

Erika Tymm

Erika Tymm (*1959) war zwei Jahre alt, als sie 1962 mit ihren Eltern aus Deutschland nach Chile auswanderte. Wie alle Kinder wurde auch sie von ihren Eltern getrennt und im Kinderhaus von "Tanten" großgezogen. Von klein auf musste Erika Tymm schwer arbeiten, zeitweise bekam sie kaum etwas zu essen. Nach einer Beichte bei Paul Schäfer wurde sie unter Medikamente gesetzt und mit Elektroschocks gefoltert. So sehr, dass sie zeitweise ihr Gedächtnis verlor. Trotz Folter war sie Paul Schäfer treu ergeben und bis zum Ende bereit, ihn "mehr als ihr eigenes Leben" zu verteidigen. Nach Paul Schäfers Flucht entdeckte sie ihre Gefühle für Günter Schaffrik, der ebenfalls in der Kolonie aufgewachsen war. Die beiden heirateten im Sommer 2002. Doch der Traum, Kinder zu bekommen und eine eigene Familie zu gründen, erfüllte sich nicht. Erika Tymm erfuhr vom Arzt, dass sie aufgrund der schweren Arbeit und Folter unfruchtbar ist. Gemeinsam mit ihrem Mann lebt sie heute in der Villa Baviera. Sie führt dort Touristen durch die Kolonie und träumt davon, das zu tun, was ihre Eltern schon wollten – ein eigenes Haus bauen.

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