FAQ

Die Story im Ersten: Krankenhäuser schließen – Leben retten?

Prof. Dr. med. Reinhard Busse
Prof. Dr. med. Reinhard Busse | Bild: dpa / Britta Pedersen

Häufig gestellte Fragen unserer Userinnen und User an Prof. Dr. med. Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin, Fachgebiet Management im Gesundheitswesen.

Krankenhäuser einfach schließen? Wie soll das mit der Versorgung der Patienten gehen?

"Es muss klar sein, dass eine Schließung nicht benötigter Krankenhäuser nicht der Anfang, sondern das Ende des Prozesses ist. Vorher müssen wir uns einen Überblick verschaffen, welche Patienten mit welchen Diagnosen eigentlich wo behandelt werden, d. h., ob die Zahlen ausreichend für eine gute Qualität sind. Derzeit dürfen Krankenhäuser ja alle Patienten behandeln, egal, wie gut bzw. schlecht sie ausgestattet sind oder wie viel Erfahrung sie haben. In einem ersten Schritt müsste das recht begrenzt werden, d. h. nur Krankenhäuser mit entsprechender Ausstattung und Erfahrung dürfen diese Patienten noch behandeln. Das würde nach und nach – bis vielleicht 2030 – zu einer Konzentration führen. In der Zeit müssten neue Krankenhäuser geplant und gebaut werden. Klar ist aber: es soll kein Personal entlassen werden, sondern Ärzte und Pflegepersonal sollen erhalten bleiben, auch wenn es weniger Krankenhäuser gibt.“

Wenn Kliniken geschlossen werden, ist das doch gerade auf dem Land absolut fahrlässig! Wie soll ich im Notfall schnell ins nächste Krankenhaus kommen, ohne erst etliche Kilometer fahren zu müssen?

"Leider glauben bei uns viele, dass das Erreichen eines Krankenhauses der entscheidende Faktor ist. Aber das Gebäude und die Betten sind ja nicht entscheidend, sondern die Ausstattung und Anzahl und Erfahrung des Personals. Wir in Deutschland erreichen i.d.R. ein Krankenhaus zwar innerhalb von 20 Min., aber dann kommt nachts und am Wochenende zunächst ein Assistenzarzt, der dann den Facharzt ruft (die 30 Min. Zeit haben, zum Krankenhaus zu kommen), der dann wiederum vielleicht 40 Min. nach Ankunft des Patienten dort ist. Wenn dann bei einem Herzinfarkt kein Herzkatheter vorhanden ist, was bei drei von fünf Krankenhäusern der Fall ist, muss der Patient verlegt werden, was sehr viel Zeit kostet. Viel besser und schneller wäre es, gleich in ein adäquat ausgestattetes Krankenhaus zu fahren, auch wenn dieses vielleicht 30 oder auf dem Land 40 Min. dauern sollte."

Was ist mit Langzeitpatienten? Wir selbst haben ein Frühchen und mussten ein halbes Jahr lang jeden Tag zwei Stunden fahren, um eine entsprechend ausgestattete Klinik zu erreichen. Was ist aber mit Menschen, die acht Stunden bis zur nächsten Spezialklinik brauchen, um dort einen Familienangehörigen zu besuchen? Die Patienten sind hier gut versorgt aber völlig abgeschnitten von Familie und Freunden.

"Ich verstehe, dass lange Fahrzeiten – in Ihrem Fall zwei Stunden – als Problem wahrgenommen werden. Man sollte jedoch anerkennen, dass die dahinter stehende Zentralisierung der Versorgung die Grundlage ist, dass Neugeborene und andere Patienten überhaupt viel bessere Chancen haben. Man muss aber nicht befürchten, dass Fahrzeiten von acht Stunden entstehen, da auch seltenere bzw. komplexere Krankheiten i.d.R. von einem Zentrum pro 1,5 bis max. 2,5 Millionen Einwohner versorgt werden (letzteres wäre der Fall bei 30 Häusern). Bei wirklichen Langzeitpatienten gibt es tatsächlich einen Spagat zwischen qualitativ hochwertiger Versorgung im Zentrum und Verbleiben in der gewohnten Umgebung. Hier können z. B. eine telemedizinische Anbindung und nur seltenere Besuchen des Zentrums eine Lösung darstellen."

Lassen sich die Strukturen aus Dänemark und dem skandinavischen Raum überhaupt übernehmen?

"Es geht nicht um eine 1:1-Übernahme, sondern darum, von anderen zu lernen. Vieles ist aber ähnlich, z. B. die Erkrankungshäufigkeiten. So gibt es in Deutschland pro Tag 500 Personen, die einen Herzinfarkt bekommen. Wir verteilen sie auf fast 1.200 Krankenhäuser, die überwiegend gar nicht darauf vorbereitet sind, also keinen Herzkatheter haben und nachts und am Wochenende auch keine Fachärzte vor Ort, sondern nur in Rufbereitschaft. Dadurch, dass wir so viele Patienten stationär aufnehmen, (weil wir so viele Betten haben), haben wir auch weniger Pflegepersonal pro Patient. Mit weniger Patienten in weniger Krankenhäusern, aber gleich viel Pflegepersonal, gäbe es für jeden Patienten mehr Personal. Das können wir von Skandinavien lernen."

Deutsche Krankenhäuser haben viel mehr Betten als andere im europäischen Vergleich – warum ist das so?

"Wir haben heute rund 50 % mehr Betten pro Einwohner als unsere Nachbarn in der EU15. Das war nicht immer so. In den 1980er Jahren waren es in den anderen Ländern nämlich auch noch deutlich mehr. Es ist dort aber erkannt worden, dass sich die Medizin geändert hat, hin zu schnelleren Eingriffen bei Notfällen, die auch Personal nachts und am Wochenende notwendig machen. Was wiederum bedeutet, dass es genügend Patienten gibt – und wie gesagt, es gibt in ganz Deutschland "nur" 500 Herzinfarkte am Tag. Viele einfachere Operationen können ambulant durchgeführt werden. Italien, Schweden und zuletzt Dänemark haben später damit begonnen, Betten abzubauen und die verbleibenden in weniger Häusern zu konzentrieren. Diese Länder haben in den letzten 25 Jahren rund 50 % der Betten abgebaut, wir hingegen nur 20 %. Dadurch wird die Schere immer größer."

Wäre der intensive Ausbau des Rettungsdienstes eine Möglichkeit, um einer Reduzierung der Krankenhäuser entgegenzuwirken?

"Tatsächlich ist bei größeren Entfernungen zu gut ausgestatteten Krankenhäusern ein guter Rettungsdienst ein wichtiger Punkt. Dazu gehören bei schwierigen geografischen Verhältnissen (Inseln, Berge …) und bei längeren Strecken Hubschrauber – ansonsten reichen aber zumeist Rettungswagen. Wichtig ist, dass diese gut mit dem Krankenhaus vernetzt sind, sodass die Diagnostik (EKG etc.) und Therapie schon während der Fahrt beginnen kann. Dass die Funkmastendichte in vielen Gegenden bei uns deutlich schlechter ist als in Dänemark, darf allerdings nicht verschwiegen werden."

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