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Algeriens schwarzes Jahrzehnt

Kamel Daouds aktueller Roman "Huris"

Seitenansicht Mann steht auf Brücke und schaut in die Weite
Kamel Daoud, Schriftsteller | Bild: WDR

In Algerien darf bis heute nicht über das schwarze Jahrzehnt – die Bürgerkriegsjahre zwischen 1992 und 2002 – gesprochen werden. Mit seinem Roman "Huris" hat Kamel Daoud gegen das staatlich verordnete Schweigegebot verstoßen. Sein Buch ist in Algerien verboten. Er selbst floh aus seiner Heimat ins französische Exil und wird seither mit einer beispiellosen Diffamierungs- und Prozesskampagne überzogen. Jetzt erscheint sein Roman bei uns und ttt hat Kamel Daoud in Paris getroffen.

Verfolgt und bedroht

Kamel Daoud ist im Exil. Vor zwei Jahren floh er nach Paris, Algerien hat internationale Haftbefehle gegen ihn erwirkt, schon seit zehn Jahren bedroht ihn eine Fatwa. Auch in Frankreich erhält er Morddrohungen: "Ich habe mehrere Prozesse am Hals, man bedrängt mich, verfolgt mich weltweit, weil ich über den algerischen Bürgerkrieg geschrieben habe. In Algerien gibt es eine fast zwanghafte Feindseligkeit gegen Schriftsteller wie mich, weil wir den Finger auf verborgene Wunden legen", so Daoud.

"Schwarzes Jahrzehnt"

Zwei sitzende Menschen mit Händen vor dem Gesicht und weißem Kopftuch
Zwei überlebende Frauen eines Massakers in dem algerischen Dorf Ben Ali, 1997 | Bild: picture-alliance/dpa / AFP

Rund 200.000 Menschen wurden im algerischen Bürgerkrieg zwischen 1992 und 2002 getötet. Auslöser war ein Militärputsch, mit ihm wurden die ersten freien Wahlen des Landes annulliert, Wahlsieger wären die Islamisten gewesen. Im so genannten schwarzen Jahrzehnt morden Islamisten oft wahllos, auch Frauen und Kinder. Der Staat foltert und macht kurzen Prozess. Daoud berichtet damals als Journalist darüber. Es gibt bis heute keine Aufarbeitung der Gräuel, stattdessen wird 2005 eine Amnestie für alle ausgerufen und ein Schweigegebot. "Ein Gesetz verbietet uns, darüber zu sprechen", erklärt Kamel Daoud, "das ist unanständig gegenüber den Toten. Die konservativen Nationalisten und die Islamisten haben einen Deal, sie wollen nicht über diese Zeit sprechen, weil beide schuldig sind. Beide gründen ihre Legitimität aus dem Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich. Das 'schwarze Jahrzehnt' dagegen gilt als schändlich, deshalb wird es verschwiegen."

Roman gegen das Schweigen

ttt – titel, thesen, temperamente 31.08.2025, Kamel Daoud, Huris
Buchcover "Huris" von Kamel Daoud | Bild: Matthes & Seitz Berlin/WDR

Daouds Roman "Huris", der jetzt auf Deutsch erscheint, ist ein Aufschrei gegen das Schweigen. Viele Opfer werden damals geköpft, Überlebende tragen schwere Narben, äußere wie innere. Daouds Protagonistin Aube überlebt als Kind eines der schlimmsten islamistischen Massaker, gezeichnet mit einer großen Narbe am Hals verliert sie ihre Stimme. Als Erwachsene reist sie in ihr Heimatdorf. Im inneren Monolog mit ihrem ungeborenen Baby verarbeitet sie den Horror ihrer Kindheit. "Meine Hauptfigur Aube erzählt von ihrer Rückkehr ins Leben. Und genau das will Algerien nicht tun", erläutert Kamel Daoud die Parallele zwischen Fiktion und Wirklichkeit, "wir wollen nicht akzeptieren, dass wir verantwortlich sind: Wir haben getötet, wir wurden getötet, wir haben Menschen verschwinden lassen, wir haben gefoltert, wir wurden gefoltert."

Situation der Frauen in Algerien

Der Roman beginnt in Oran, Daouds Heimatstadt. Dort leitet Aube einen Friseur- und Beauty-Salon, auch für Frauen mit Kopftuch. In dieser den Männern verschlossenen Welt sind die Frauen sicher. Draußen laufen die Mörder von damals frei rum, die Opfer werden ignoriert. Die Lage der Frauen sei bis heute schrecklich, meint Kamel Daoud, "während des Bürgerkriegs wurden sie überfallen, vergewaltigt, es gibt Kinder aus Vergewaltigungen, Frauen, die gefoltert und entführt wurden, über all das wird nicht gesprochen."

Gestohlene Geschichte?

Kamel Daoud spricht darüber, provoziert auch mit bisweilen steilen Thesen, etwa zur vermeintlich verkorksten Sexualität arabischer Männer. Seine Gegner attackieren ihn mit Fake News. Nun verklagt ihn eine Algerierin, Daoud habe ihre Geschichte gestohlen, sie sei Patientin seiner Frau gewesen, einer Psychiaterin, habe der alles erzählt. Kamel Daoud erwidert: "Sie war nie die Patientin meiner Frau, die haben sich das alles ausgedacht, wir müssen es erdulden. Ich erzähle nicht ihre Geschichte, ich kenne das Privatleben dieser Frau gar nicht, ich habe einen Roman über den Bürgerkrieg geschrieben. Mein Buch wurde in Algerien verboten, mein Verleger darf dort nicht einreisen. Seit Erscheinen des Romans gehen sie mit einer medialen Armada auf mich los."

Prix Goncourt für "Huris"

Zwei Frauen gehen an eine Bild einer Großaufnahme eines Mannes vorbei
Ein Banner zur Unterstützung des inhaftierten französisch-algerischen Schriftstellers Boualem Sansal in Südfrankreich | Bild: AFP / Gabriel Bouys

Im letzten Jahr erhielt Daoud den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt für "Huris". Für Kritiker ein politischer Akt, Daoud gilt manchem als Verräter, der die Nähe zu Präsident Macron sucht. Wie angespannt die Beziehungen zwischen Algerien und der einstigen Kolonialmacht sind zeigt auch der Fall von Boualem Sansal. Der Friedenspreisträger sitzt seit über einem Jahr in Algier hinter Gittern. Auch Daoud setzt sich für seine Freilassung ein: "Boualem Sansal ist ein Freund. Das , was ihm passiert ist, hätte mir und anderen auch passieren können. Viele Schriftsteller verlassen das Land. Er hat es abgekriegt. Am Ende hat man diese unglaubliche Absurdität: Es gab einen Bürgerkrieg, den niemand wahrhaben will, Zehntausende Tote, Vermisste. Und zum guten Schluss wird ein einziger Prozess angestrengt, gegen Kamel Daoud, gegen einen Roman. Das ist doch symbolisch."

Autorin: Claudia Kuhland

Buchtipp
Kamel Daoud: „Huris"
Matthes & Seitz Berlin
ISBN: 978-3-7518-1031-99783751810319
398 Seiten, 28 Euro

Stand: 28.08.2025 16:27 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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