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Gibt es die klimafreundliche Kuh?

PlayKühe auf einer Wiese.
Gibt es die klimafreundliche Kuh? | Video verfügbar bis 21.08.2026 | Bild: hr

Weidende Kühe sind für viele Menschen der Inbegriff des intakten Landlebens. Doch Kühe produzieren Treibhausgase. Sie stoßen allein 400 bis 700 Liter Methan pro Tag aus und das ist rund 25 mal so schädlich wie CO2. Um die Klimaziele zu erreichen, muss auch die Landwirtschaft ihre Treibhausgase bis 2030 um über 30 Prozent reduzieren, haben Experten und Expertinnen berechnet. Können wir uns überhaupt noch Kühe leisten? Und wenn ja, wie müssen sie gehalten werden?

Die CO2-neutrale Kuh gibt es nicht

Die CO2-neutrale Kuh gibt es nicht. Das liegt an ihrem Verdauungssystem und ist biologisch nicht zu ändern. Kühe sind Wiederkäuer, kauen also bereits grob zerkleinertes und geschlucktes Futter erneut durch. Bevor das Gras oder Heu durch einen Reflex wieder in ihr Maul befördert wird, ist es von Mikroorganismen bereits "vorverdaut" worden. Der Pansen ist eine Art Gärkammer, die dazu dient, die eigentlich unverdauliche Zellulose der Pflanzen aufzuschließen und ihre Nährstoffe zu nutzen. Allerdings entstehen bei diesen Gärprozessen auch Treibhausgase, wie Methan und CO2.

Kühe stoßen pro Tag 400 bis 700 LiIter Methan aus. Bei gut elf Millionen Rindern in Deutschland, summiert sich das auf gut eine Millionen Tonnen Methan pro Jahr. Sollte man nicht besser auf Rinderhaltung verzichten? Dr. Carsten Malisch und Nadine Schnipkoweit von der Uni Kiel finden das sei zu kurz gedacht. Denn Kühe können prinzipiell aus Gras, das für den Menschen nicht verdaulich ist, hochwertige Nahrung für den Menschen produzieren: Milch und Fleisch. Beide wollen Kühe klimafreundlicher machen, Nadine Schnipkoweit die konventionell gehaltenen Stallkühe und Carsten Malisch Weidekühe im ökologischen Landbau.

Allerdings ist die ganze Sache kompliziert. Die Haltung der Kühe, die Kuhrasse, die Milchleistung, das Futter, woher das Futter kommt – all das beeinflusst die Klimabilanz der Kuh.

Futter ist die wichtigste Stellschraube

Kühe in einem Stall.
Gras versus Kraftfutter – was ist klimafreundlicher? | Bild: hr

Ist das Futter optimal zusammengesetzt und werden die Kühe so gehalten, dass sie gesund sind und eine hohe Milchleistung haben, lässt sich der Methanausstoß reduzieren. Weidekühe hatten bisher einen schlechten "Klimaruf". Sie fressen überwiegend Gras, im Gegensatz zu Stallkühen, die meist auch mit einem großen Anteil an Kraftfutter gefüttert werden. Gras enthält weniger Energie als Kraftfutter, deshalb geben Weidekühe weniger Milch als Stallkühe, aber trotzdem produzieren sie Treibhausgase.

Aber wie viel genau? Der Agrarwissenschaftler und Pflanzenkundler Carsten Malisch und sein Team wollten das herausfinden. Dazu rüsteten sie Weidekühe mit Abgasmessgeräten aus, um den Methanausstoß zu erfassen. Auf dem ökologisch bewirtschafteten Lindhof, der gleichzeitig auch Versuchshof der Universität Kiel ist, dienten ihnen die dortigen Jersey-Rinder als Versuchstiere. Jersey-Rinder können aus Gras sehr gut viele Nährstoffe ziehen. Sie sind exzellente Futterverwerter und haben für Weidekühe eine hohe Milchleistung.

Gras ist nicht gleich Gras

Eine Kuh mit einem Messgerät auf dem Rücken.
Methanmessung auf der Weide. | Bild: hr

Und trotzdem gibt es auch dabei einiges zu beachten. Älteres, faserreiches Gras ist für die Klimabilanz ungünstig. Das Vergären der harten, stabilen Zellwände dauert länger und ist aufwendiger. Es entstehen mehr Treibhausgase. Deshalb bekommen die Jersey-Kühe nur junges, zartes Gras. Die Gärprozesse sind kurz, wenig Methan entsteht. Jeden Tag prüfen die Mitarbeiter die Wuchshöhe der Wiesen. Ab einer bestimmten Höhe wird gemäht – für die Zufütterung im Winter. Die Kühe bekommen somit immer nur optimal zarte Pflanzen zu fressen.

Außerdem hat Carsten Malisch untersucht, ob bestimmte Pflanzen die Methanbildung zusätzlich verringern können. Dazu graste eine Kuhgruppe auf einer herkömmlichen Weidemischung mit Weidegras und Weißklee. Die andere Kuhgruppe auf Weiden mit acht Wiesenkräutern - mit Spitzwegerich, Rotklee, Weißklee und dann noch Arten, von denen sich Carsten Malisch eine besondere Wirkung erhoffte. Der Hornschotenklee und der kleine Wiesenknopf enthalten Tannine. Im Laborversuch haben diese den Methanausstoß reduziert. Allerdinsg wuchs im Versuchsjahr das dominante Gras so üppig, das die Wiesenkräuter nicht gedeihen konnten. Nach der ersten Enttäuschung, dann die Überraschung: Die Methanwerte seiner Kühe waren extrem niedrig, auf beiden Weiden.

Beste Werte für die Weidekühe

Die Jersey-Versuchskühe rülpsten und atmeten nur etwa die Hälfte des Methans einer deutschen Durchschnittskuh aus – rund neun Gramm Methan pro Liter Milch, im Vergleich zu rund 17 Gramm pro Liter einer deutschen Durchschnittskuh. Die so optimal gemanagte Weidehaltung hat also eine bessere Klimabilanz als die durchschnittliche Stallhaltung.

Können Stallkühe da mithalten?

Wie Stallkühe besonders klimafreundlich gehalten werden können, erforscht Nadine Schnipkoweit im konventionellen Agrarbereich der Universität Kiel im Versuchsbetrieb Karkendamm. In einem von Bundeslandwirtschaftsministerium geförderten Projekt protokollieren 30 Milchviehbetriebe drei Jahre lang alle Daten rund um die Fütterung, die Tiergesundheit und die Milchleistung und bekommen darauf aufbauend eine Fütterungsberatung. Das Futter für ihre Hochleistungskühe wird nach einem exakten Plan optimal zusammengestellt. Es besteht aus Kraft- und Mineralfutter, Mais- und Grassilage. Pro Tag gibt es für Holsteinkühe in der Regel rund 40 Kilo Gras- und Maissilage und circa zehn Kilo Kraftfutter, zum Beispiel Raps- und Sojaschrot. Kraftfutter ermöglicht eine hohe Milchleistung und ist ähnlich leicht verdaulich, wie junges Gras. Die Forschenden haben herausgefunden, dass durch die optimale Futterzusammenstellung auch hier der Methanausstoß deutlich gesenkt werden kann – im Durchschnitt um 3,5 Gramm pro Liter Milch.

Weniger Treibhausgase durch Weidekühe

Luftaufnahme: Futter für Rinder wird aufgeladen.
Hochleistungskühe im Stall brauchen Hochleistungsfutter | Bild: hr

Die Versuchsstallkühe verursachen im Durchschnitt etwa 13,5 Gramm – also 3,5 Gramm weniger als die deutsche Durchschnittskuh. Auf dem Versuchshof Karkendamm liegt der Methanausstoß sogar bei nur zehn bis elf Gramm pro Liter Milch. Der Methanausstoß liegt damit aber immer noch über den Werten der Ökokühe. Bei den Stallkühen kommen dann eigentlich auch noch die Treibhausgase hinzu, die beim Transport und vor allem beim Anbau des Kraftfutters entstehen. Die sind in diese Rechnung noch gar nicht eingeflossen.  

Warum Stallhaltung?

Nadine Schnipkoweit geht davon aus, dass es trotzdem künftig weiterhin Stallhaltung geben wird. Unter anderem, weil nicht in jeder Region in Deutschland Weidehaltung möglich ist. Ein grundsätzliches Problem bleibt jedoch auch mit einer besseren Klimabilanz der Kühe: Es sind einfach zu viele. Wissenschaftler haben berechnet, dass im Jahr 2030 nur etwa die Hälfte der heutzutage in Deutschland gehaltenen Milchkühe gehalten werden dürften, um den Klimawandel aufzuhalten. Das wären dann noch etwa zwei Millionen Milchkühe. Von den etwa sieben Millionen heute in Deutschland gehaltenen anderen Rindern, die für die Fleischprodukteproduktion gehalten werden, dürften es nur etwa zehn Prozent sein.

Autorin: Anja Galonska (HR)

Stand: 20.08.2021 23:59 Uhr

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