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Wie zuverlässig sind Bluttests?

PlayFünf Blutprobenröhrchen in einer Schale.
Wie zuverlässig sind Bluttests? | Video verfügbar bis 18.05.2024 | Bild: SWR

Bluttests sind für Ärzte oft das Mittel der Wahl, um zu einer Diagnose zu kommen. Schließlich misst ein Bluttest ganz konkrete Werte. Nicht nur die Ärzte, sondern auch die Patienten verlassen sich darauf, dass der Test objektive und zuverlässige Informationen über ihren Gesundheitszustand liefert.

Wir wollen testen, wie zuverlässig Bluttests tatsächlich sind. Was passiert, wenn man eine Blutprobe aufsplittet in mehrere identische Einzelproben – und diese zur Analyse in fünf verschiedene Labore schickt? Eigentlich müssten identische Ergebnisse herauskommen, sagt zumindest der gesunde Menschenverstand. Für einfache Parameter wie den Eisengehalt im Blut oder die Zuckerwerte mag das stimmen. Kompliziert wird es jedoch bei selteneren Krankheiten.

Bluttest bei zwei Patientinnen

Bluttestergebnis und im Hintergrund eine Frau
Ungenaue Testergebnisse für die Patientinnen. | Bild: SWR

Unsere zwei Test-Patientinnen leiden an Kollagenose, einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung. Das Immunsystem bildet dabei Antikörper gegen körpereigene Zellen. Die sogenannten ANAs, antinukleäre Antikörper im Blut, sind ein wichtiger Hinweis auf die Erkrankung und werden bei Verdacht auf eine Kollagenose mit als Erstes überprüft. Der ANA-Wert ist aber auch bei anderen Autoimmunerkrankungen ein wichtiger Marker.

Die Patientinnen lassen sich für unseren Test von ihrem Hausarzt je fünf identische Blutproben abnehmen. Diese schicken wir zur Analyse der ANAs in fünf Labore. Das Ergebnis: zehn unterschiedliche Ergebnisse. Die gemessenen Werte schwanken bei unserer ersten Testpatientin zwischen 0 und 1:400 – das bedeutet, sie könnte völlig gesund oder aber möglicherweise leicht erkrankt sein.  
Bei der zweiten Testpatientin fallen die Testergebnisse noch extremer aus: Die gemessenen Werte variieren zwischen 1:320 bis zu 1:5.120. Der niedrigere Wert spräche nur für eine leichte Erkrankung, der höhere Wert für eine sehr schwere Kollagenose.

Diese gravierenden Unterschiede verunsichern nicht nur die Patientinnen. Auch für den Hausarzt sind die breit gestreuten Ergebnisse wenig hilfreich. Denn die im Labor gemessenen Werte entscheiden mit darüber, ob und welche Therapie ein Arzt empfiehlt. Experten kritisieren, dass bei unzuverlässigen Testergebnissen schlimmstenfalls falsche Medikamente gegeben oder Medikamente überdosiert werden. Anderseits können tatsächlich erkrankte Menschen durch die Maschen der Tests rutschen. Die Erkrankung bleibt dann unentdeckt und somit unbehandelt.
Genau das hat eine unserer Test-Patientinnen erlebt. Ihre Kollagenose wurde über Jahre nicht erkannt. Heute leidet sie als Folge an einer Herz- und Niereninsuffizienz. Die Lebenserwartung der ehemaligen Leistungssportlerin ist um etliche Jahre verkürzt.

Weder klinische Studien noch eine zentrale Erfassung für Bluttests

Bluttests sind Medizinprodukte, keine Arzneimittel. Sie werden zwar auch geprüft. Doch sie müssen kein so strenges Zulassungsverfahren durchlaufen wie beispielsweise ein neues Medikament. Auf dem Markt sind Tausende unterschiedliche Tests von verschiedenen Herstellern. Diese nutzen unterschiedliche Testverfahren und Messtechniken. Zudem gelten in den einzelnen Labors unterschiedliche Schwellenwerte. Es fehlen objektivierbare Standards. Bei bestimmten Tests spielt auch die Genauigkeit des Laborpersonals eine Rolle.

Bluttests oder auch In-vitro-Diagnostika (IVD) werden nicht in einem zentralen Register erfasst. Deshalb kann nicht genau bestimmt werden, wie viele Bluttests jährlich neu auf den Markt kommen. Sie müssen kein Zulassungsverfahren mit klinischen Studien durchlaufen. Eine neue EU-Richtlinie soll das zwar ändern, allerdings erst im Jahr 2022.

Der Missstand der fehlenden objektivierbaren Standards ist unter Fachleuten bekannt. Experten wie der Münchner Rheumatologe Prof. Hendrik Schulze-Koops kritisieren, dass viele Mediziner zu sehr auf Laborwerte vertrauen und zu wenig das Gespräch mit dem Patienten suchen: "Die Diagnose einer rheumatischen Erkrankungen soll zu 85 Prozent durch das ärztliche Gespräch erfolgen, zu 15 Prozent über die körperliche Untersuchung, bildgebende Verfahren und Labortests. Ein Bluttest allein ist nicht aussagekräftig." Er empfiehlt, in jedem Fall immer einen zweiten Test durchzuführen.

Autorin: Dagmar Stoeckle (SWR)

Stand: 18.05.2019 11:00 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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