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Drohnenabwehr: Flugobjekte können sehr gefährlich werden

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Drohnenabwehr: Flugobjekte können sehr gefährlich werden | Video verfügbar bis 28.08.2026 | Bild: NDR

September 2013: Angela Merkel macht Wahlkampf in Dresden als wie aus dem Nichts eine Drohne auftaucht. Die völlig überrumpelten Sicherheitskräfte müssen tatenlos zusehen, wie die Drohne direkt vor der Kanzlerin auf die Bühne stürzt. Für die Sicherheitsorgane in Deutschland war dieser Vorfall ein Weckruf: Schließlich hätte Drohne bewaffnet sein oder etwa chemische Kampfstoffe an Bord haben können.

Vor der Abwehr kommt die Ortung

Drohnendetektionssysteme sind marktreif
Drohnendetektionssysteme sind inzwischen marktreif. | Bild: NDR

Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums koordinierte das Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE) seit 2017 die Entwicklung eines Drohnendetektionssystems. Sein Name: AMBOS. Es kombiniert Bodenradar, Kamerabilder, Akustiksensoren und Funkpeilung mit einer schnellen Datenverarbeitung. AMBOS macht es möglich, anfliegende Drohnen rechtzeitig zu orten. Denn selbst wenn die Flugobjekte unbewaffnet sind und ihre Piloten gar nichts Böses im Schilde führen: Gefährlich sind selbst kleine Drohnen auf jeden Fall. Sie können selbst wie ein Geschoss wirken und zum Beispiel die Tragflächen eines Flugzeugs durchschlagen. Weil Drohnen zu nahe an Startbahnen gesichtet aber nicht zuverlässig geortet werden konnten, mussten Flughäfen schon mehrfach ihren Betrieb einstellen.

Inzwischen sind Drohnendetektionssysteme marktreif und ihre Hersteller freuen sich über eine rege Nachfrage. Zu den Kunden zählen Flughäfen und Energieversorger, die sich vor Sabotage schützen wollen. Sogar Gefängnisse, die sich gegen Drohnen für Waffen- und Drogenschmuggel wehren müssen. Auch prominente Privatpersonen und Politiker schützen sich damit vor der Ausspähung durch Drohnen.

Drohnen als gefährliche Beute

Mobiles militärisches Drohnenabwehrsystem
Mobile Schnellfeuerkanone gegen Drohnen. | Bild: Rheinmetall

Schon die Ortung von Drohnen ist technisch sehr aufwendig. Noch viel schwieriger ist ihre Abwehr. Es wurde und wird viel versucht, um eine praxisreife Methode dafür zu entwickeln: In den Niederlanden und Frankreich experimentierten die Behörden mit auf Drohnen gedrillten Adlern. Die erbeuten Drohnen regelrecht in der Luft, doch so richtig überzeugend sind die Ergebnisse trotzdem nicht. Zum einen aus Arten- und Tierschutzgründen. Die Adler können sich an den Rotoren größerer Kopter schwer verletzen. Und die Zahl potentiell abzuwehrender Drohnen übersteigt die der einsetzbaren Tiere deutlich.

Das Militär setzt auf technische Lösungen: Mit hochmoderner, schneller Ortung und klassischer Bekämpfung. Die Firma Rheinmetall zum Beispiel bietet ein System mit mobiler Schnellfeuerkanone an. Die 40-Millimeter-Schrotmunition zerstört, was das Ortungssystem als Drohne identifiziert hat. Auf einem Schlachtfeld vielleicht eine passable Lösung. Nicht aber für Großveranstaltungen – etwa Festivals, Demonstrationen oder vollbesetzte Stadien inmitten einer Stadt. Ein unkontrolliert abstürzendes Drohnenwrack über einer Menschenmenge ist der Albtraum von Sicherheitsexperten. Schon Panik unter den Zuschauern könnte eine Katastrophe auslösen.

Stören ohne zu zerstören

Ist der gezielte Abschuss also zu riskant, dann sind Störsender eine Option. Sogenannte Jammer stören mit herkömmlichen Funkwellen das GPS-Signal und die Fernbedienung der Drohne. Die meisten Modelle sind so programmiert, dass sie dann automatisch landen. Große Jammer können, fest auf hohen Gebäuden installiert, auch Areale bis zu einem Kilometer Umkreis funktechnisch lahmlegen und Drohnen so in sicherem Abstand vom Zielort zur Landung zwingen. Doch Angreifer könnten Drohnen auch autonom mit bordeigenen Navigationssystemen ins Ziel lenken. Deren Kurs wäre von Jammern nicht zu beeinflussen.

Im Netz der Drohnenabwehr

Zwei Drohnen, dazwischen ein Netz gespannt.
Zwei autonom navigierende Abwehr-Drohnen werden miteinander gekoppelt. | Bild: Universität Würzburg

Solange es sich um einzeln anfliegende Objekte handelt, lassen sie sich mit Drohnen abfangen, die den Angreifer in ein Netz verwickeln und so zum Absturz bringen. Die manuelle Fernsteuerung dieser "Netzdrohnen" ist aber eine echte Herausforderung. Ohne Pilot funktioniert ein System, dass Informatiker der Uni Würzburg mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums im Projekt MIDRAS entwickelt haben: Sie koppeln zwei autonom navigierende Abwehr-Drohnen miteinander. Zwischen ihnen hängt ein vier mal vier Meter großes Netz, das den Angreifer regelrecht einfängt. Vorteil: Autonom agierende Systeme können rund um die Uhr einsatzbereit sein.

Sollte Alarm ausgelöst werden, starten sie automatisch den Gegenangriff, fliegen die gegnerische Drohne direkt an und fangen sie mit dem Netz ein. Sie können die Drohne unbeschadet zur Landung bringen. Die lässt sich dann untersuchen und ermöglicht Rückschlüsse auf ihre Herkunft. In der Praxis muss das System sich noch bewähren. Und gegen einen Gegner in Überzahl wäre es machtlos.

Düsteres Zukunftsszenario: Drohnenschwärme

In zumindest technisch realistischen Zukunftsvisionen attackieren mit künstlicher Intelligenz gesteuerte Mini-Drohnen ganze Städte. Ein Szenario, das Militärexperten durchaus ernst nehmen. Mancher hält sie gar für die Waffengattung des kommenden Jahrzehnts. Zur Abwehr von Drohnenschwärmen erprobt das amerikanische Militär sogenannte Hoch-Energie-Mikrowellenwaffen. Sie haben den Vorteil, dass sie alle Angreifer gleichzeitig treffen. Sie senden hochfrequente elektromagnetische Strahlung aus. Die durchdringt die Drohnen, zerstört ihre Elektronik und bringt sie so zum Absturz. Nachteil: Jegliche Elektronik im Umkreis wird zerstört – und: Die außer Kontrolle geratenen Drohnen schlagen irgendwo auf.

In seltener Eintracht fordern Forscher, Politiker und sogar Militärs die Ächtung von Drohnen als intelligentes Waffensystem. Drohnen würden dann auf dieselbe Stufe gestellt werden wie Bio- und Chemiewaffen.

Autor: Georg Beinlich (NDR)

Stand: 30.08.2021 17:39 Uhr

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