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Wozu noch Handschrift lernen?

PlayEine Frau schreibt auf einer Glasscheibe. Auf ihrem Kopf ist das Gehirn eingeblendet.
Wozu noch Handschrift lernen? | Bild: SWR

Handschrift ist ein Kulturgut – eines, das in unserem Alltag immer seltener zum Einsatz kommt. Auch an Schulen wird sie zunehmend durch Whiteboards, Bildschirme und Tablets ersetzt. Warum sollten also ausgerechnet die Jüngsten noch mühevoll mit der Hand zu schreiben lernen?

Handschrift: mangelhaft!

Ein Schüler schreibt auf einer Schultafel.
Schultafeln und Handschrift – vom Aussterben bedroht? | Bild: SWR

86 Prozent aller Lehrer geben an, die Handschrift ihrer Schüler habe sich verschlechtert. So das Ergebnis einer Umfrage, die das Schreibmotorik-Institut in Kooperation mit dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) im Frühjahr 2019 durchgeführt hat. Danach haben jeder zweite Junge und jedes dritte Mädchen Probleme, eine gut lesbare, flüssige Handschrift zu entwickeln. Auch die Konzentrationsfähigkeit über einen längeren Zeitraum hinweg lasse nach.

Die Ursachen dafür sind umstritten. Die zunehmende Digitalisierung sei schuld, meinen etwa konservative Kritiker. Doch ob Tablet & Co wirklich dafür verantwortlich sind, dass Schüler zunehmend schlechter schreiben, lässt sich nicht belegen. Es fehlen Vergleichsdaten: Wie gut würden Schüler heute schreiben, wenn es keine Digitalisierung gegeben hätte?

Weitgehend einig sind sich Forscher in einem anderen Punkt: Die Handschrift komplett zu vernachlässigen wäre auf jeden Fall fatal. Kinder, die Buchstaben nachmalen, merken sie sich besser – und können sie dann auch besser voneinander unterscheiden. Mit dem Schreiben trainieren wir somit auch das Lesen, unsere Rechtschreibung, unser Textverständnis.

Handschrift ist Hirnschrift

Eine Frau sitzt vor einem Pad und schreibt, dahinter wird die Tastatur im Großformat gezeigt.
Beim Tippen sind weniger Hirnareale aktiv als beim Schreiben per Hand. | Bild: SWR

Bei einem Experiment mit Studierenden der Elite-Universität Princeton machten zwei Gruppen Notizen zu einer Vorlesung und beantworteten anschließend Wissensfragen zum Gehörten. Eine Gruppe hatte per Hand, die andere am Laptop mitgeschrieben. Das Ergebnis: Diejenigen, die ihre Notizen handschriftlich gemacht hatten, schnitten im anschließenden Wissenstest besser ab als die Laptop-Gruppe. Der Grund: Die Von-Hand-Schreiber konnten das Gehörte bereits beim Niederschreiben verinnerlichen.

Das liegt unter anderem daran, dass unser Gehirn beim Schreiben per Hand viel komplexere Informationen verarbeiten muss als beim Tippen: Jeder einzelne Buchstabe erfordert seine eigene Handbewegung – und das möglichst flüssig und dynamisch! Das alles abzurufen, zu koordinieren und auszuführen ist Sport fürs Gehirn – und außerdem feinmotorisch anspruchsvoll. Mit dem Finger auf eine Tastatur zu tippen, bleibt dagegen immer die gleiche Bewegung. Unser Gehirn hat lediglich damit zu tun, den gewünschten Buchstaben auf der Tastatur wiederzufinden. Schreiben wir also nicht mehr mit der Hand, geht uns womöglich kognitives Potenzial verloren.

Sport fürs Gehirn

Eine Frau schreibt auf einer Glasscheibe. Auf ihrem Kopf ist das Gehirn eingeblendet.
Die Handschrift ist eine kognitive und feinmotorische Herausforderung. Beim Schreiben sind viele Hirnareale gleichzeitig aktiv. | Bild: SWR

Während wir schreiben, vollbringt unser Gehirn Höchstleistungen: Das motorische System kontrolliert die Bewegungen unserer Hand. Das somatosensorische System verarbeitet das Gefühl, das die Hand beim Schreiben ans Gehirn rückmeldet. Auditives und visuelles System übersetzen Sprache in Buchstaben und Zeichen. Im Kleinhirn ruft unser Langzeitgedächtnis die abgespeicherten Buchstaben ab. Der präfrontale Kortex kontrolliert den Vorgang und schaut voraus. Denn noch während wir ein Wort schreiben, denken wir schon an das nächste.

Eine ganz schön komplexe Aufgabe, die wir da meistern müssen. Und das nicht nur kognitiv: Im Gegensatz zu grobmotorischen Gesten, wie schlagen oder greifen, die schon evolutionär in uns verankert sind, müssen wir uns feinmotorische Bewegungen erst aneignen – und dann möglichst bis ins Alter erhalten. Denn Handschrift ist Hirnschrift: Wer lange schreibt, erhält sich damit die dafür notwendigen, kognitiven Fähigkeiten und Hirnareale.

Ob aber mit der Hand zu schreiben auch generell im Alter geistig fit hält, können Neurologen allerdings nicht eindeutig bestätigen. Sollte man die Handschrift also aus dem Lehrstoff streichen? Aus wissenschaftlicher Sicht auf keinen Fall, im Gegenteil: Sie sollte wieder mehr gefördert werden.

Autorin: Sophie König (SWR)

Stand: 09.11.2019 16:47 Uhr

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Sa., 09.11.19 | 16:00 Uhr
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Norddeutscher Rundfunk
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