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Zu kleine Schuhe – ein verkanntes Problem

PlayKinderfüße, die auf einem Stamm balancieren

Springen, Klettern, Barfußlaufen – Kinderfüße müssen einiges mitmachen. Doch mit solchen natürlichen Belastungen kommen sie nicht nur gut zurecht, sie sind sogar wichtig für die Entwicklung gesunder Füße. Besonders das Barfußgehen, am besten auf unbefestigtem, natürlichen Untergrund, sorgt für eine Verbesserung der Fußmotorik und für einen geschmeidigeren Gang. Ein echtes Gesundheitsrisiko für Kinderfüße geht von einer anderen Seite aus, die auf den ersten Blick überraschen mag: von zu kleinen Schuhen. Eine Forschergruppe aus Österreich untersucht seit Jahren den Zusammenhang zwischen Kinderschuhen und Fehlstellungen bei Kinderfüßen. 

Die meisten Kinderschuhe sind zu klein

Kinderfüße, die auf einem Stamm balancieren
Barfußlaufen auf natürlichem, unbefestigten Grund ist das beste Training für Kinderfüße.

Von über 1.500 vermessenen Kinderfüßen waren nur knapp 24 Prozent normal ausgebildet. Rund drei Viertel zeigten Fehlstellungen wie etwa eine Verlagerung der Großzehe. Bei dieser als "Hallux valgus" bezeichneten Fehlstellung verändert sich unter anderem die Zugrichtung der Sehnen. Schwellungen und sehr schmerzhafte Entzündungen können die Folge sein, langfristig drohen sogar Arthrosen in den Gelenken der Fußknochen. Auch konnten die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen solchen Fehlstellungen und zu kleinen Schuhen belegen:  89 Prozent aller Haus- und 69 Prozent aller Straßenschuhe waren teils deutlich zu klein.

Schuhe machen krank – schon immer

So sehr die Ergebnisse der Österreicher überraschen mögen, wirklich neu sind diese Erkenntnisse nicht. In einer bereits im Jahr 1958 veröffentlichten Studie über den Zusammenhang von Fußschäden und dem Tragen von Schuhen berichten die Autoren, dass in einer englischen Kinderklinik 80 Prozent der Kleinkinder, die Schuhe trugen, auffällige Fehlstellungen der Zehen aufwiesen, während die barfuß laufenden Knirpse ausnahmelos gesunde Füße hatten. Eine vergleichende Untersuchung der Füße der Schuhe tragenden Einwohner von Hong Kong und die der Fischer der Stadt, die berufsbedingt nie Schuhe anhaben, zeigten ebenfalls ein deutliches Ergebnis: Über 33 Prozent der Schuhträger zeigten eine Hallux-valgus-Fehlstellung, bei den Fischern waren es gerade mal 1,9 Prozent.

Schuhgrößen aus dem Mittelalter

Eine Abbildung von einem Schuh, die die alte Maßeinheit "Pariser Stich" zeigt
In Mitteleuropa ist immer noch der im Jahr 1800 eingeführte "Pariser Stich" die gültige Maßeinheit für Schuhe.

Doch warum tragen so viele Kinder heute viel zu enge Schuhe? Ein Grund dafür könnten auch unsere gängigen Schuhgrößensysteme sein. Sie gehen teilweise auf uralte Maßeinheiten zurück, die Berechnung der Schuhlänge in Zentimetern ist oft sehr kompliziert. So wurde beispielsweise die heute noch in Mitteleuropa gültige Maßeinheit für Schuhe bereits im Jahr 1800 in Frankreich festgelegt: Der sogenannte "Pariser Stich". Um die Schuhgröße zu ermitteln, teilt man die Leistenlänge des Schuhs durch 0,667 Zentimeter. In England setzte sich dagegen das bereits im Jahr 1324 durch König Edward II. eingeführte "Barleycorn", also Gerstenkorn, als Maßeinheit für Schuhe durch. Es ist 1/3 Inch lang, also 0,846 Zentimeter. Doch nicht nur das ist verwirrend - oft variieren die Hersteller die Größen auch nach eigenem Ermessen. Zwar gibt es mit dem "Mondopoint" inzwischen ein Schuhgrößensystem, das Länge und Breite des Schuhs in Millimetern angibt. Durchsetzen konnte sich diese Norm bislang allerdings nur im Militär.

Kinderfüße wachsen rasend schnell

Eine Hand zeichnet eine Schablone, die den Umriss eines Fußes zeigt
Eine einfache Schablone kann helfen, die richtige Schuhgröße zu finden.

Ein anderer Grund für die oft zu kleinen Kinderschuhe dürfte sein, dass Eltern die Geschwindigkeit unterschätzen, mit der Kinderfüße wachsen. Bei drei- bis sechsjährigen Kindern ist es im Durchschnitt ein Millimeter pro Monat, bei ein- bis dreijährigen Kindern sogar rund eineinhalb Millimeter! Kinderschuhe sollten beim Kauf deshalb mindestens 12, höchstens 17 Millimeter länger sein als der Fuß – zu groß wäre auch nicht gesund. Dann können sie ohne Bedenken rund fünf Monate lang getragen werden. Wer sicher sein will, kann sich vor dem nächsten Schuhkauf eine Schablone basteln: einfach den Fußumriss auf ein Stück Pappe zeichnen und der längsten Zehe 17 mm hinzufügen. Dann die Endpunkte verbinden, einen Streifen ausschneiden – fertig.

Autor: Frank Bäumer (BR)

Stand: 24.08.2019 11:36 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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