SENDETERMIN So., 18.05.08 | 17:03 Uhr | Das Erste

Artenreiche Städte

Es gibt Füchse in Wohngebieten, Waschbären in der City und Wildschweine in Vorgärten. Ein Elch wurde sogar in Bayreuth gesehen. Und Marder nagen auf Parkplätzen von Einkaufszentren die Bremsschläuche kaputt.

Was steckt dahinter, dass Tiere sich in den Städten einnisten? Finden Wildtiere hier bessere Lebensbedingungen vor als in freier Natur?

Tiere sind in der Stadt auf dem Vormarsch

Prof. Josef Reichholf, Naturschützer und Ökologe an der zoologischen Staatssammlung in München, hat über viele Jahre Ballungsräume untersucht. Seine Resultate überraschen – vor allem, wenn die Artenvielfalt im ländlichen Raum mit der Großstadt vergleicht: "Wenn wir im Stadtzentrum Schmetterlinge untersuchen, dann können wir mit etwa fünfzig verschiedenen Arten rechnen, die dort vorkommen. Zum Stadtrand steigt diese Zahl auf 600 und mehr. Am Stadtrand kommt es dann zum Absturz: In der landwirtschaftlich genutzten Flur finden wir dann nur noch zwanzig oder dreißig verschiedene Arten."

Landflucht der Tiere

In der modernen Landwirtschaft bleiben für Tiere nur wenige Nische, um zu überleben. Denn viele Nahrungsquellen sind verschwunden. Doch knappe Nahrung und der Einsatz von Pestiziden sind nicht einmal die Hauptverantwortlichen für das Artensterben von Pflanzen und Tieren. Für Prof. Reichholf wird zuviel gedüngt: "Seit den 1970er Jahren bekommen unsere Fluren im Durchschnitt mehr als einhundert Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr zu viel. Zu viel heißt, dass es nicht durch die Ernte entnommen wird. Dadurch reichern sich diese Pflanzennährstoffe an. Sie machen die Böden fetter, die Vegetation wird immer dichter – mit dem Ergebnis, dass empfindliche Pflanzen verdrängt werden. Und dadurch ist der Hauptgrund des Artenrückgangs der Einsatz von Düngestoffen."

Das Gülle-Problem

Deutschlands Landwirtschaft wird von der Viehzucht dominiert. Die Gülle, die die Tiere hinterlasssen, wird normalerweise auf die Felder ausgebracht. doch es gibt viel zu wenig Flächen für viel zu viel Gülle. Inzwischen bringen viele Bauern die Gülle auch auf reinen Viehweiden aus. Diese Abfallentsorgung überstehen nur wenige Pflanzen. Die meisten Wildpflanzen wachsen nämlich nur auf nährstoffarmen Böden und kommen mit dem überdüngten Boden nicht mehr zurecht. Paradoxerweise fördert der Mangel die Artenvielfalt. Überfluss dagegen ist ein Artenkiller.

Die Stadt hat Nischen

Trotzdem scheinen auf den ersten Blick deutsche Innenstädte wie Berlin noch viel lebensfeindlicher zu sein. Aber gerade die Baustellen und Gebäude bieten immer wieder Brüche und Nischen für viele Tiere. Und dort, wo sich Menschen wohl fühlen, geht es der Tieren und Pflanzen umso besser. Denn Parks werden nicht gedüngt.

Schutz der Stadt

Auch das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist in der Stadt oft ungestörter als auf dem Land. Nur in der Stadt können Enten, Gänse und Schwäne unbehelligt brüten. Früher hat man Enten und Gänse auch in der Stadt gejagt. Heute werden sie gefüttert. Diese Tierliebe kommt auch wilden Arten zugute.

Autor: Uwe Leiterer

Adressen

Zoologische Staatssammlung

Münchhausenstraße 21
81247 München

Tel: 089 - 81 07 - 0
Fax: 089 - 81 07 - 300
E-Mail: ZSM@zsm.mwn.de
Internet: http://www.bfn.de

Literatur

Ende der Artenvielfalt?

Gefährdung und Vernichtung der Biodiversität
Autoren: Josef H. Reichholf, Klaus Wiegandt
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
1. Auflage Januar 2008
ISBN-10: 3596176654
ISBN-13: 978-3596176656

Der Tanz um das goldene Kalb.

Der Ökokolonialismus Europas
Autor: Josef H. Reichholf
Verlag: Wagenbach
Auflage: Februar 2006
ISBN-10: 3803125324
ISBN-13: 978-3803125323

Stand: 11.07.2013 09:10 Uhr

Sendetermin

So., 18.05.08 | 17:03 Uhr
Das Erste

Sprungmarken zur Textstelle