SENDETERMIN So, 06.06.10 | 17:03 Uhr | Das Erste

Das Geschäft mit den Altkleidern

Dennis Wilms zeigt eins seiner aussortierten Kleidungsstücke
Was wohl aus der aussortierten Jeans von Dennis Wilms wird? | Bild: SWR

"Kleider machen Leute". Aber muss es immer das Neueste vom Neuesten sein? Wird ein neuer Trend propagiert, sind die bis dahin als chic geltenden Sachen eben "out". In Deutschland werden jedes Jahr Neu-Textilien im Wert von rund 55 Milliarden Euro gekauft. Und das, was bis vor kurzem noch "in" war, wandert erst in die hintere Ecke des Kleiderschranks und dann irgendwann in die Altkleidersammlung. So dient sie wenigstens noch einem guten Zweck, oder etwa nicht?

Moderator Dennis Wilms hat seinen Kleiderschrank durchforstet und gibt eine Reihe markierter Kleidungsstücke in den Altkleider-Container. Ihn interessiert, was mit den Kleidern passiert. Schon die Leerung des Containers beginnt mit einer Überraschung. Statt den Mitarbeitern der sozialen Organisation, deren Logo auf dem Container klebt, fährt der LKW eines gewerblichen Textil-Verwerters vor. Kommen die abgelegten Kleider also doch nicht Bedürftigen zugute?

Wirtschaftszweig Altkleiderverwertung

Lagerhalle für gesammelte Altkleider
Die meisten Altkleidersäcke werden in Verwertungsbetriebe gebracht. | Bild: SWR

Das Sammeln und Verwerten von Kleidung hat sich längst zu einem eigenen, weltweiten Wirtschaftszweig entwickelt. Der Textil-Sortierbetrieb, den wir besuchen, ist Teil der Verwertungskette. Dennoch bleibt die Frage, weshalb der Container nicht von einer sozialen Organisation geleert wird. Der Grund: Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 750.000 Tonnen Textilien in Kleidersammlungen gegeben. Und das ist sehr viel mehr, als für soziale Zwecke benötigt wird und die Sozialeinrichtungen wie zum Beispiel das Rote Kreuz oder die Caritas selbst verwerten können. Der Inhalt des Containers wird dann an einen Verwertungsbetrieb verkauft. Ein Teil des Erlöses kommt aber auch in diesem Fall der sozialen Organisation zugute.

Geschäftemacherei unter dem Deckmantel eines sozialen Zwecks?

Ein Stapel mit Hosen
Erst wird die Ware vorsortiert. | Bild: SWR

Eines ist klar, mit den alten Kleidern, die wir in den Container werfen, wird definitiv Geld verdient. Doch verwerflich ist das nicht, denn das Aufstellen der Container, der Transport, das Sortieren und Verwerten der Kleidung muss erst einmal finanziert werden. Und das geht nur durch den Verkauf guter, noch tragbarer Kleidung. Weil das Sortieren und Wiederverwerten teuer ist, wird zum Beispiel in Frankreich auf Textilien eine Recycling-Abgabe erhoben. Genau so wie bei uns mit dem Grünen Punkt auch für die Entsorgung von Kunststoffen oder Metallen bezahlt werden muss.

Gut erhaltene Kleidung wird daher grundsätzlich nicht zerschnitten oder zerstört. Sehr neue und modische Kleidungsstücke sind erste Qualität. Sie werden zum Beispiel im firmeneigenen Second-Hand-Shop verkauft. Allerdings macht der Anteil dieser Teile maximal zwei bis drei Prozent der tragbaren Altkleider aus. Altmodischere Stücke werden vorwiegend nach Ost- und Südeuropa oder nach Afrika exportiert.

Schaden Altkleiderexporte der Wirtschaft in der Dritten Welt?

Dennis Wilms altmodischer Pulli geht in den Export
Dennis Wilms altmodischer Pulli geht in den Export | Bild: SWR

Diese Frage wird seit langem kontrovers diskutiert. Deshalb hat der Dachverband "FairWertung e.V.", zu dem sich einige kirchliche Organisationen zusammen-geschlossen haben, dazu ein zweijähriges "Dialogprogramm Gebrauchtkleidung in Afrika" durchgeführt. Das Ziel des Dialogprogramms bestand darin zu erfahren, wie Menschen in den Importländern gebrauchte Kleidung beurteilen. Zum Erstaunen der Fachleute wurde der Import von Gebrauchtkleidung aber nur selten problematisiert. Ein Großteil der Menschen in vielen afrikanischen Ländern versorge sich regelmäßig oder sogar überwiegend auf den Gebrauchtkleidermärkten mit Kleidung. Das liege daran, dass Secondhand-Kleidung insbesondere für Menschen mit geringem Einkommen oft die preisgünstigste Möglichkeit darstelle, sich mit modischer und qualitativ guter Kleidung zu versorgen. Häufig sei Secondhand-Kleidung sogar qualitativ besser als beispielsweise aus China stammende Neukleidung aus synthetischen Materialien.

Darüber hinaus lebe eine große Zahl von Menschen vom Handel oder dem Umarbeiten der Secondhand-Kleidung, darunter viele Jugendliche und Frauen. Allerdings bedeute dies nicht, dass mit dem Handel nicht auch Probleme verbunden seien. Als Stichworte nannten die Befragten vor allem die nicht immer gute Qualität der Kleidung, monopolistische Strukturen des Handels, welche die Position der Kleinhändler/-innen schwäche und die Ware für die Endabnehmer/-innen unnötig verteuere, sowie gravierende Verstöße gegen Importvorschriften bei der Verzollung und Versteuerung der Ware. Die lange geführte Diskussion über die Auswirkungen von Altkleiderexporten müsse daher hinterfragt werden. Denn viele afrikanische Textilbetriebe mussten schließen, weil im Rahmen von nationalen Entschuldungs¬programmen Subventionen gestrichen und gleichzeitig Importbeschränkungen für Neu- und Gebrauchttextilien aufgehoben wurden. Daher dominiere in vielen Ländern heute Neukleidung aus asiatischer Produktion das Angebot.

Über die Hälfte der Altkleider ist nicht mehr tragfähig

Eine Dämmmatte aus alten Textilien
Aus alten Jeans werden Dämmstoffe für die Automobilindustrie | Bild: SWR

Kleidung, die nicht mehr getragen werden kann, geht in die sogenannte Rohstoffverwertung. Unansehnliche T-Shirts werden zu Putzlappen für die Industrie zerschnitten. Verschlissene Jeans werden in die einzelnen Fasern aufgelöst und für die Herstellung von Dämmstoffen für Automobile wieder verwendet. Kleidung, die völlig verschmutzt ist, geht in die thermische Verwertung. Bei der letzten Gruppe wäre es ökologisch sinnvoller, sie direkt in den Hausmüll zu geben, damit sie nicht erst wieder aufwändig von tragbarer Ware getrennt werden muss.

Die Altkleidersammlung per Container ist also ökologisch sinnvoll. Sie schafft Arbeitsplätze, doch das große Geschäft wird dabei nicht gemacht. Denn bei mehr als der Hälfte der Textilien in einer Altkleidersammlung ist der Erlös niedriger als die verursachten Kosten durch Einsammeln, Sortieren, Verwerten oder auch Entsorgen.
Und diese Kosten müssen durch den Verkauf der modischen und gut erhaltenen Teile in den Second-Hand-Läden und durch den Export nach Osteuropa oder Afrika erst einmal erwirtschaftet werden.

Adressen & Links

Informationen zu einer fairen Verwertung von Altkleidern gibt es auf folgender Website:
www.fairwertung.de

Bericht: Markus Hubenschmid (SWR)

Stand: 05.08.2015 11:11 Uhr

Sendetermin

So, 06.06.10 | 17:03 Uhr
Das Erste

Sprungmarken zur Textstelle