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Lebensrettende Kleidung

Feuerwehrmänner im Einsatz
Trotz Schutzkleidung werden auch Feuerwehrmänner Opfer von Bränden | Bild: HR

Die Zahlen sind erschreckend: Etwa 600 Menschen sterben in Deutschland jährlich bei Bränden – 6.000 erleiden lebensgefährliche Verletzungen. Und auch Feuerwehrleute sind unter den Opfern. Dass es nicht weitaus mehr sind, verdanken die Einsatzkräfte immer besserer Technik und vor allem Hightech-Kleidung. Und die soll jetzt sogar noch besser werden.

Tübingen, 17. Dezember 2005. Beim Löscheinsatz in diesem Haus kommt es zur Katastrophe. In dem brennenden Gebäude werden zwei Feuerwehrmänner von den Flammen überrascht. Sie können zwar noch lebend aus dem Haus gerettet werden, sterben aber kurz darauf an Rauchvergiftung. Kein Einzelfall: Bis zu 10 Feuerwehrleute bezahlen jährlich ihren Einsatz mit dem Leben. Die meisten werden Opfer der Flammen und das trotz moderner Hightech-Schutzanzüge. Über 1.000 Grad Celsius kann ein Schutzanzug aushalten. Vor allem deshalb, weil er aus intelligenten, aufeinander abgestimmten Spezialschichten gefertigt ist.

Extrem widerstandsfähige Schutzhülle

Aramidschicht ist feuerbeständig
Eine Aramidfaser ist feuerbeständig | Bild: HR

Die Außenhaut besteht aus einer sogenannten Aramid-Faser – sie ist definitiv nicht brennbar. Es folgt eine mit Kügelchen gefüllte Luftpolster-Schicht. Sie sorgt für starkes Abkühlen um mehrere hundert Grad. Die letzte Schicht führt Feuchtigkeit nach außen ab. Dadurch kann der Feuerwehrmann besser abschwitzen. Doch solche Schutzanzüge haben auch Nachteile, weiß Feuerwehrausbilder Klaus Susebach von der Hessischen Feuerwehrschule: "Wir tragen ein hohes Gewicht mit uns – zusammen mit Pressluftatmer 25 Kilogramm. Das ist eine Belastung. Durch die gute Wärmeisolation kann die Körperwärme nicht abgeführt werden. Die Körperwärme steigt also stark an. Und je nach körperlicher Belastung haben wir eine Herzfrequenz von bis zu 200 Schlägen pro Minute. Das ist Hochleistungssport. Und die Belastung ist so groß, dass man nach maximal dreißig Minuten den Einsatz beenden muss, weil der Geräteträger das körperlich sonst nicht aushalten würde."

Kleidung und Elektronik für mehr Sicherheit

Feuerwehrmann in Schutzkleidung
"Intelligente" Kleidung soll Feuerwehrmännern beim Einsatz helfen | Bild: HR

Zur körperlichen Belastung kommen noch weitere Probleme. Vor allem die extrem schlechte Sicht und die damit verbundenen unerwarteten Gefahren. Sie sorgen für extremen Stress bei den Rettern. Doch wie soll man ihnen da helfen? Genau mit dieser Frage beschäftigt sich ein Bremer Forscherteam um Michael Lawo. Er und seine Mitarbeiter arbeiten im weltweit größten Forschungsprojekt "Wear IT at work", das intelligente Arbeitskleidung und -ausrüstung entwickeln soll. Prof. Michael Lawo: "In erster Linie geht es darum, dass wir den Feuerwehrleuten mehr Sicherheit geben wollen. Und wir wollen die Möglichkeiten der Elektronik und der Computertechnik benutzen, um diese zusätzliche Sicherheit den Leuten auch zu geben."

Spezialsensor für 3-D-Ortung

Sensor für die Schusohle
Durch einen Sensor in der Schuhsohle ist der Standort eines Feuermannes immer bekannt | Bild: HR

Mehr Sicherheit verspricht zum Beispiel dieser von den Bremern entwickelte Mini-Sensor. Er wird in die Sohle des Feuerwehrstiefels integriert, ermittelt ständig seine Position und sendet diese Werte nach draußen. Das ist mit klassischer GPS-Ortung unmöglich, da die in geschlossenen Gebäuden nicht funktioniert. Dieser Stiefelsensor jedoch ist in der Lage, seine Position trotz dicker Wände nach außen zu übertragen. Und die Position des Feuerwehrmannes lässt sich sogar dreidimensional bestimmen. Dies hilft nicht nur dem Rettungseinsatz, sondern auch dem Feuerwehrmann selbst – etwa dann, wenn er verletzt wurde oder von den Flammen eingeschlossen ist. Prof. Michael Lawo: "Und da müssen wir wissen, in welcher Etage der Feuerwehrmann ist. Nicht nur, wo er sich im Grundriss des Gebäudes befindet, sondern auch in welcher Höhe. Und über diese Sensoren, die eingebaut sind, gibt es eben Informationen in allen drei Richtungen des Raumes."

Brillen-Navi und Sensorhandschuh

Sicht durch eine Spezialbrille
Ein Brillen-Navi hilft bei der Orientierung während Rettungsarbeiten | Bild: HR

Aber auch der Feuerwehrmann selbst soll sich, geht es nach den Bremer Forschern, besser orientieren können. Und zwar mit speziellen Navigationsbrillen, die ihn auch bei extrem schlechter Sicht oder kompliziertem Gelände sicher zu einem Opfer und anschließend auch wieder sicher nach draußen leitet.
Eine dritte Erfindung: "Glovenet", ein intelligenter, mit Sensoren und Sendern ausgestatteter Hightech-Handschuh. Er wird unter dem normalen Feuerwehrhandschuh getragen und meldet dem Retter mithilfe unterschiedlich starker Vibrationen, welche Temperaturen sich – etwa hinter Türen – befinden. Lawo: "Über den Handschuh wollen wir den Feuerwehrleuten das Gefühl geben, wie heiß eine Umgebung ist, das heißt, ob eine Tür geöffnet werden kann oder nicht. Oder aber, ob sie schon so heiß ist, dass ein Feuer dahinter ist und sie eben nicht geöffnet werden kann. Und wir wollen mit dem Handschuh den Feuerwehrleuten die Möglichkeit geben, über Körpersprache, über Signale, über Handzeichen mit der Einsatzleitung in Verbindung zu treten." Stößt ein Retter etwa auf Verletzte, hat aber keinen Funkkontakt, so schickt er durch bestimmte Schläge eine Meldung an die Einsatzleitung.

Ausgiebige Tests nötig

Hightech-Feuerwehrhelm
Bald Standard? | Bild: HR

Doch ist das nicht alles ziemliche Zukunftsmusik? Michael Lawo: "Die Zielsetzung unserer Arbeit ist, dass es in die Praxis hineinkommt. Und wir haben von der Feuerwehr generell das Feedback, dass wir da auf dem richtigen Weg sind – und das auch in die Praxis reinkommt." Zunächst muss sich die Hightech-Ausrüstung natürlich noch zahllosen Härtetests unterziehen. Doch schon jetzt steht fest: Intelligente Kleidung wird in gar nicht so ferner Zukunft zur ganz normalen Ausrüstung eines Feuerwehrmanns gehören.

Adressen & Links

Homepage des Forschungsprojekts "Wear IT at work" (nur in Englisch)
www.wearitatwork.com

Beispiele für Schutzkleidung der Berliner Feuerwehr
www.berliner-feuerwehr.de

Autor: Stefan Venator (HR)

Stand: 30.09.2014 14:23 Uhr

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