Interview mit Polizeipsychologin Claudia Brockmann und Ex-LKA-Chef Reinhard Chedor

Thomas Bethge (Matthias Brandt) erkundigt sich bei der Polizei Lüneburg nach dem Ermittlungsstand (v.l.n.r. M. Grove, K. A. Mielke, A. Wittgenstein)
Thomas Bethge erkundigt sich bei der Polizei Lüneburg nach dem Ermittlungsstand  | Bild: NDR

»Wir haben einen zweiten, neutralen Blick auf den Fall geworfen.«

Wolfgang Sielaff hat nach seiner Pensionierung ein hochkarätiges Team zusammengestellt, um das Verschwinden seiner Schwester aufzuklären. Warum haben Sie sich darauf eingelassen?

REINHARD CHEDOR: Wolfgang Sielaff, mein ehemaliger Chef, wirkte aufgebracht, wütend und verzweifelt, als er mir von seiner vermissten Schwester erzählte, davon, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach Opfer eines Verbrechens wurde, wie wenig die Lüneburger Polizei tatsächlich unternommen hat, um die Tat aufzuklären. Das hat mich sehr bewegt. Und gleichzeitig schien ja nicht alles durchermittelt, so dass es vielleicht reelle Chancen, seine Schwester zu finden. So kam es zur Bildung unseres ViererKernteams mit einem weiteren Kriminalbeamten, Bernd "Mucki" Schubert,  und unserer Kriminalpsychologin Claudia Brockmann.

Wie haben Sie sich 13 Jahre nach dem Verschwinden von Birgit Meier dem Fall wieder genähert?

CLAUDIA BROCKMANN:  Wir haben unbeeinflusst von den vorläufigen Ermittlungsergebnissen einen zweiten, neutralen Blick auf den Fall geworfen. Die vier großen Fragen waren ja: Was hat der Täter getan? Warum hat er das getan? Wer könnte der Täter sein? Wo hat er Birgit Meier verschwinden lassen? Wir sind dabei so vorgegangen, wie die Polizei auch in einem aktuellen Fall vorgeht.  Wir sichten das vorliegende Datenmaterial, beschaffen und bewerten Informationen, bilden Hypothesen über den wahrscheinlichen Tathergang, das Tatmotiv und leiten daraus mögliche Merkmale des Täters ab.

CHEDOR: Als damaliger LKA-Chef der Hamburger Polizei habe ich versucht, eine Kooperation mit der Lüneburger Polizei zu organisieren. Die Idee war, in einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe weitere bisher ungeklärte Tötungsdelikte in Lüneburg und Hamburg mit Verdacht auf eine mögliche Täterschaft Wichmanns zu überprüfen. Die Lüneburger Polizei hat einen Beamten gestellt und sich nach kurzer Zeit wieder aus den Ermittlungen zurückgezogen. Dieser Kollege war überzeugt, dass der Ehemann von Birgit Meier seine Frau getötet hatte und Wichmann mit den Göhrde-Morden auf keinen Fall etwas zu tun hat. Und in dieser Einschätzung wurde er von seinen Vorgesetzten auch gestützt.

Warum haben Sie sich auf Kurt-Werner Wichmann konzentriert?

BROCKMANN: Zeugenaussagen belegten, dass Wichmann gezielt Kontakt zu Birgit Meier suchte, er dies aber abstritt. Er hatte zur Tatzeit kein Alibi, und seine damals aktuelle Lebenssituation – ebenso wie die Informationen über seine Vorstrafen und früheren Heimaufenthalte – gab Hinweise auf einen Kreislauf von Vergeltung und Destruktivität. Die Inhalte seiner Abschiedsbriefe und sein Suizid zu dem Zeitpunkt ließen uns weiter hellhörig werden. Es kam eines zum anderen, was es notwendig erscheinen ließ, bei Wichmann weiter nachzuhaken.

CHEDOR:  Ja, und nicht zu vergessen die Funde während der Hausdurchsuchung, insbesondere in dem sogenannten "geheimen Zimmer" von Wichmann: Schusswaffen, Handfesseln, Jagdmesser, Betäubungsmittel, angelegte Dossiers über ausgespähte Frauen, Sado-Maso-Literatur und Zeitungsausschnitte über Morddelikte in der Umgebung von Lüneburg. Warum all das?

Das private "Kernteam" hat also auch bei den Göhrde-Morden die richtige Spur verfolgt?

CHEDOR: Die Lüneburger haben 2007 noch erklärt, die GöhrdeMorde sind eine ganz andere Geschichte. 1989 sind die Fahrzeuge der beiden getöteten Paare mit sogenannten Klebefolien kriminaltechnisch behandelt worden. Wir verstehen nicht, warum man die DNA, die man im Auto der Ermordeten gefunden hat, nicht untersucht hat. Erst Ende 2016 oder Anfang 2017 haben sie dann im Auto die DNA von Wichmann gefunden. 

Sind Sie nicht entsetzt über die schlechte Polizeiarbeit?

BROCKMANN: Ich wünsche mir polizeiliche  Arbeit, bei der ich spüre, dass sich jeder mit seiner Aufgabe verbunden fühlt, dass nicht gegeneinander, sondern miteinander um die Lösung des Falles gerungen wird und dass unterschieden wird zwischen Meinung und belegbaren Tatsachen, die einen Verdacht rechtfertigen.

CHEDOR: Mich hat das wütend gemacht! Wenn wir so einen gefährlichen Täter haben, der nachweislich mehrere Menschen umgebracht hat, dann haben wir als Polizei die Verantwortung, diesen Menschen zu stoppen. Das hätte den Lüneburgern mit simpler Polizeiarbeit gelingen können. Es gab einen bedeutsamen Hinweis auf Wichmann, der ein kriminelles Vorleben hatte. Dann sucht man den Menschen in seinem Lebensumfeld auf. Da soll mir keiner erklären, dass man als Polizei keine frische Betonstelle in der Garage findet. Was da passiert ist, ist schlechtes Handwerk. Fehler passieren, nur muss man dazu auch stehen!

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