Interview mit Kristin Suckow

über ihre Rolle Ottilie von Faber-Castell

Ottilie (Kristin Suckow) und ihr Mann Alexander von Faber-Castell (Johannes Zirner)
Kristin Suckow spielt Ottilie von Faber-Castell | Bild: ARD Degeto / Martin Spelda

Was ist für Sie das Besondere an der Figur Ottilie von Faber-Castell?

Ottilie von Faber-Castell war eine außergewöhnliche Frau. Und nach ihrem Vorbild erzählen wir auch die Filmfigur. Im Film erbt sie nach dem Tod des Großvaters die Faber'schen Werke, eine große Herausforderung für ein 16-jähriges Mädchen. Außerdem lässt sie sich im Alter von 41 Jahren scheiden, in einer Zeit, in der es das kaum gegeben hat. Ich glaube, dass auch die echte Ottilie sehr mutig war und wirklich dem folgte, an das sie glaubte. Heutzutage habe ich oft das Gefühl, dass das Gegebene als das einzig Richtige einfach angenommen wird. Damals gab es viele erstaunliche Umbrüche in kurzer Zeit: Frauen durften das Abitur machen, kurz darauf auch studieren – und im Jahr 1918 wurde das Frauenwahlrecht eingeführt. Sie schafften es, wirklich etwas zu verändern, und legten die Grundbausteine der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, von denen wir bis heute profitieren.

Ottilie wird im Film als eine der ersten Frauen, die eine große Firma leiten sollen, gezeigt und hat damit einen schweren Stand in einer patriarchalischen Gesellschaft. Welchen besonderen Herausforderungen begegnet sie als Frau in einer solchen Funktion?

Ernst genommen zu werden, ist eine der großen Herausforderungen für Ottilie. Im Film sind in den leitenden Positionen der Faber'schen Werke ausschließlich Männer. Dass diese Ottilie vertrauen und ihre Entscheidungen achten, ist ein harter Kampf. Viele Menschen glaubten damals, die Frau hätte nur ein Drittel des Gehirns eines Mannes. Das sagt schon einiges, denke ich.

Ottilie muss sich im Laufe der Filmhandlung nicht nur gegen die Vorurteile der Männer behaupten – vor allem ihre Mutter und Großmutter zweifeln Ottilies Rolle immer wieder an. Wie erklären Sie es sich, dass diese drei Frauenfiguren Gleichberechtigung so unterschiedlich gegenüber stehen?

Das ist ja ein Phänomen, das es bis heute gibt. Ich glaube, dass die Überzeugung, dass Frauen benachteiligt sind und dass man als Frau mehr um die wenigen Plätze an der Spitze, aber auch um die Anerkennung des Mannes kämpfen muss, tief in uns verwurzelt ist. Dadurch haben wir das Gefühl, mit anderen Frauen in Konkurrenz zu stehen. Aber im Moment verbinden sich die Frauen immer mehr und es entstehen viele Netzwerke. Meiner Meinung nach ist das ein wichtiger Schritt in der feministischen Entwicklung.

Bis heute gibt es nur wenige Frauen in den Führungsetagen großer Unternehmen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Viele Strukturen, in denen wir leben, sind von Männern geschaffen. Sie aufzubrechen, ist ein langwieriger Prozess. Und die Entwicklung in der Gleichberechtigung ist noch jung. Die Gleichberechtigung im Grundgesetz gibt es erst seit 1949, noch bis 1977 waren Frauen zur Führung eines Haushaltes verpflichtet. Erst ab 1997 wurde die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Ich denke und hoffe, dass es einfach noch Zeit und Auseinandersetzung braucht. Männer sowie Frauen stecken noch immer in den alten Rollenbildern fest, weil sie so tief in uns verwurzelt wurden. Gerade deswegen ist es wichtig, Geschichten über starke Frauenfiguren zu erzählen.

Ausstattung, Locations und Kostüme des Films sind beeindruckend. Wie haben Sie die Zeitreise ins 19. Jahrhundert erlebt?

Ich fühlte mich sehr beschenkt von den Szenen- und Kostümbildnern. Bis ins kleinste Detail erzählen die Räume und Kostüme die Geschichte und den Wandel der Figuren mit. Am Anfang trägt Ottilie ein Korsett und hochgeschlossene Blusen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts legt sie, wie viele Frauen, das Korsett ab. Das steht auch für das Ablegen einer Haltung. Die Kleider werden luftiger und übrigens auch unwahrscheinlich bequemer. Ein weiteres schönes Detail sind die Armreifen, die Ottilie trägt. Philipp von Brand schenkt Ottilie im Film – ab dem Tag ihrer Hochzeit mit Alexander zu Castell-Rüdenhausen – jedes Jahr einen Armreif. So werden es im Laufe des Films immer mehr Armreifen an ihrem Arm. Sie stehen für Ottilies Sehnsucht und sind irgendwann nicht mehr zu übersehen.

Ottilie hat im Film in ihrer Zofe Anna eine treue Freundin, die sie über Jahre hinweg begleitet. Was verbindet die beiden auch über die Standesgrenzen hinweg?

Ich glaube, dass Ottilie die Standesgrenze nicht interessiert. Sie und Anna sind im gleichen Alter und finden schnell Verbündete in der jeweils anderen. Anna ist eine ganz wichtige Figur in diesem Gefüge, da sie eine weitere emanzipierte Frauenfigur ist. Sie trifft auch ihre eigenen Entscheidungen, trotz ihres anderen Standes. Sie bleibt lange unabhängig von einem Mann. Sie entscheidet sich dafür, Ottilie nie zu verlassen. Anna ist auch die einzige, die heimlich den Kontakt zu Ottilie hielt, als diese das Schloss verlässt.

Gibt es eine Situation während oder am Rande der Dreharbeiten, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja, so viele! Für mich war es ein Genuss, eine Figur über so einen langen Zeitraum begleiten zu können und mit ihr in eigentlich jede Lebenssituation hineinzugehen. Das fühlte sich an wie eine Spielwiese, auf der ich mich austoben konnte und wo mir jeden Tag ein anderes Abenteuer begegnete. Ich erinnere mich an meinen ersten Drehtag mit Martin Wuttke, der meinen Großvater spielt. Davor war ich aufgeregt, weil ich schon lange ein großer Fan von Martins Arbeiten war. Wir spielten eine emotionale Szene, in der sich der Großvater kurz vor seinem Tod von Ottilie verabschiedet. Martin sagte mir bei der Probe, wie gut es passen würde, wenn es in dieser Szene Gewittern würde. Die Fenster des Zimmers waren abgehangen, weil die Szene in der Nacht spielte, obwohl es draußen Tag war. So konnten wir nicht nach draußen sehen. Als wir wenig später Martins Close-Up drehten, wurden wir vom Donnern und Blitzen von draußen überrascht. Das war ein magischer Moment.

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