Gespräch mit Axel Milberg, Darsteller von Klaus Borowski

Kommissar Borowski (Axel Milberg).
Kommissar Borowski. | Bild: NDR / Thorsten Jander

Klaus Borowski

Was Kai Korthals der Psychologin Frieda Jung damals angetan hat, ist das Schlimmste, was Borowski als Kriminalbeamter je erlebt hat. Es hat sein Leben verändert. Gerade hatten sich nach langer Unsicherheit Gefühle für Frieda entwickelt – und das gegenseitig. Aber die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft hat Kai zerstört. Er steht für unendliche Traurigkeit und Leere. Und jetzt ist er wieder frei.

Was soll Borowski tun? Die aufwändige Ermitt - lung hat schon zweimal nichts gebracht. Kai Korthals ist krank. Zum Selbstschutz würde er fast alles machen. Man braucht ihn nur ein wenig zu reizen, schon schlägt er mit sagenhafter Grau - samkeit zu. Borowski will nicht wieder die Men - schen, die ihm nah sind, in Gefahr bringen. Das würde er nicht noch einmal aushalten. Aber ist ihm Mila Sahin nah? Näher, als er selbst wahrha - ben will? Auf jeden Fall sorgt er sich.

Borowski weiß, dass Kai Korthals immer seiner Sehnsucht folgt. Kai will sich als guter Mensch fühlen. Also sucht er nach Menschen, die ihn für gut halten könnten. Bei Borowski ist da der Zug abgefahren. Aber Kai braucht auch jemanden, dem er zeigen kann, wer er ist. Wieviel Macht er hat. Wie gut er ist. Er braucht eine Autorität, einen Zeugen. Dafür braucht er Borowski.

Gespräch mit Axel Milberg, Darsteller von Klaus Borowski

Der dritte Teil der „Tatort“-Trilogie um den stillen Gast trägt den Titel „Borowski und der gute Mensch“. Geht es darum, Kai Korthals zu der Einsicht zu bringen, dass er kein „guter Mensch“ ist?

Das ist ja auch die Grenze, die das Strafgesetz zieht: Hat jemand eine Wahl zwischen Gut und Böse? Ein psychisch Erkrankter: nein, der Mörder: ja. Borowski schaut es sich an, besser gesagt, er erlebt es aus unmittelbarer Nähe. Dann appelliert er an den sich auf der Flucht befindlichen Serientäter: Du hast die Wahl! Borowski will, dass Korthals selber entscheidet, sich zu stellen. So wie Lars Eidinger den Mörder spielt, hat Korthals nicht die geringste Wahl, sich anders zu verhalten. Was im Wege steht, wird zur Seite geräumt. Mal gibt es vorher eine knappe Ermahnung, „mach’ das nicht, sonst muss ich dir weh tun“. Die Zündschnur bei ihm ist sehr kurz. Klar, vor so jemandem muss die Gesellschaft geschützt werden.

Kommissarin Mila Sahin wirft Klaus Borowski vor, in diesem Fall seltsam unbeteiligt zu sein und Dienst nach Vorschrift zu machen. Ist nicht das Gegenteil richtig und der Kommissar emotional viel zu stark betroffen?

Diese Unbeteiligtheit, über die wir in der Buchentwicklung lange diskutiert haben, hat mich dann schließlich überzeugt. Wir kennen das: Etwas Unausweichliches, was einen ungeheuer aufregt und emotional aufwühlt, das möchte man eigentlich nicht erleben und nicht wahrhaben. Man geht auf Distanz, wenn möglich, und macht „Business as usual“. Lasst mich in Ruhe, für mich ist die Sache abgeschlossen! In jedem Moment spürt der Zuschauer aber, es ist nicht wirklich so, wie sollte es auch? Hat doch dieser Serientäter dem Ermittler etwas Schlimmes angetan, nämlich die Geliebte entführt, die Kollegin Brandt einst gequält. Todesängste hat er bei den Ermittlerinnen ausgelöst, alles, was über den Polizeialltag hinausgeht, und immer war Borowski gemeint, von dem er so eine merkwürdige Freundschaft oder Anerkennung wollte.

Sein Widersacher findet für einen Moment, wonach er sich gesehnt hat: ein normales Leben mit Frau, Kind, Hund. Was gewinnt der Kommissar in diesem Duell? Hat sich die Figur seid ihrer ersten Begegnung mit Kai Korthals vor beinahe zehn Jahren verändert?

Wir sehen hier einen Täter, der das Böse nicht genießt. Das Böse quält ihn selber. Es gibt ja sadistische Serienmörder, die ihre Taten auskosten. Dagegen ist Korthals sichtbar ein verzweifeltes Opfer seines Nichtwählenkönnens, und Borowski weiß inzwischen, dass es ihm immer nur um die Liebe und das Geliebtwerdenwollen geht, nie um irgendetwas anderes. Und dass seine Liebe wie bei einem klassischen Filmmonster wie dem „Glöckner von Notre Dame“ nie erwidert worden ist. Im dritten Teil erlebt er sie kurz mit einer blinden Telefonseelsorgerin. Korthals ist ein Liebender. Und das ist es, was Borowski will: Nähe. Er sucht die Nähe wie ein Wissenschaftler. Im Ringen mit dem Täter lässt er bewusst immer wieder seinen Selbstschutz außer Acht. Er macht im Grunde eine schlechte Figur als Polizist. Borowski ist kein Held, der diesen Menschen in jedem Augenblick von oben herab beherrscht. Im Gegenteil: Er unterwirft sich fast und lässt sich beherrschen, aus Neugier, die bei Borowski größer ist als alles andere. Ich denke, das ist etwas ganz Ungewöhnliches für so eine Ermittlerfigur.   Nach wie vor sind die Folgen durch die unterschiedliche Sicht der Autoren auf die Figur Borowski und Handschrift der Regisseure geprägt. Jede einzelne Episode ist verschieden und bringt andere Nuancen hervor. Das macht natürlich die Rolle für mich auch nach Jahren noch so interessant. Dazu kommt, dass Borowski ein anderer Ermittler geworden ist, weil er mit seiner neuen Partnerin Mila Sahin anders kommuniziert. Seit ihrem Einstieg hat Borowski einen anderen Klang, er ist wärmer und freundlich, wir ringen um die Sache. Den Fall.

Was hat die Zusammenarbeit mit Lars Eidinger für Sie so wertvoll gemacht?

Lars geht mit allem, was er vorfindet, sehr bewusst und klar um: Requisiten, Räume, Kostüme, Maske, das Licht, Partner, alles sieht er sich freundlich und gelassen an, um zu schauen, wie er es benutzen kann. Und das mit einer großen Freiheit. Er hat wenig Scheuklappen und trägt keine Überschriften in sich: Der ist so, das muss so sein! Lars sucht in großer Ruhe seine Wirkungen, die eben nicht durch Klischees oder durch Vorstellungen gelenkt werden, wie etwas zu sein hat. Er macht es sozusagen für sich und erfindet neu. Es macht echt Freude, mit ihm zu spielen.

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