Gespräch mit Sascha Arango (Drehbuch)

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Macht einen schockierenden Fund: Borowski (Axel Milberg).
Macht einen schockierenden Fund: Borowski. | Bild: NDR / Thorsten Jander

Warum haben Sie den Serienmörder Kai Korthals noch einmal zurückgeholt?

Anfangs hatte ich durchaus meine Zweifel, ob ein dritter Teil gelingen kann, ohne sich einfach zu wiederholen. Aber letzten Endes ist dieser Film die Philosophie aus allem. Kai Korthals ist im Maßregelvollzug untergebracht, weil er wegen seiner psychischen Erkrankung für seine Taten juristisch nicht verantwortlich ist. Als ihm ungeplant die Flucht glückt, begleiten wir den Serienmörder auf seiner letzten Exkursion, die ihn zu der Erkenntnis führt: Ich bin ein Unglück für diese Welt. Ich kann nicht anders, als böse zu sein. Es war mir wichtig, dass er zum Abschluss der Trilogie begreift und anerkennt, kein „guter Mensch“ zu sein. Moralisch ist er schuldig für das entsetzliche Unheil, das er anrichtet. Ich wollte auch seine Freund-Feindschaft mit Kommissar Klaus Borowski vollenden, seiner einzigen Bezugsperson. Korthals rettet seinem Verfolger das Leben. Damit schlagen wir das finale Kapitel auf.

Borowski will keinen Kontakt zu Korthals – aber hat er die Wahl?

Als er von der Flucht erfährt, gibt sich Borowski nach außen gleichgültig. In Wahrheit könnte er aus der Haut fahren. Aber er sagt sich: Was soll ich tun? Lospoltern und ihn erschießen? Das ist es doch, was Korthals will. Borowski ist so unbeteiligt wie ein Chirurg. Es gibt diesen herrlichen Witz, da wird ein Chirurg gefragt, ob er denn kein Mitleid mit seinen Patienten habe. Darauf der Arzt: Natürlich habe ich Mitleid, aber wenn ich weine, sehe ich nichts. Das ist genau die Haltung von Borowski. In der realen Welt kann es sich kein Polizist leisten, sich emotional so stark einzubringen, wie Borowski es tut. Aber der „stille Gast“ ist der Fall seines Lebens. Der Kommissar findet in Korthals seine Nemesis, seinen Erzieher.

Im Vollzug spielt Kai Korthals in einer Theater-AG „Die Räuber“ von Friedrich Schiller und klagt in der Rolle des Schurken Franz Moor über die Bürde seiner Hässlichkeit. Findet er sich in der Figur wieder?

Ich hatte für die Szene ursprünglich den großen Monolog aus Richard III. über seine ihn tief kränkende Hässlichkeit ausgewählt. Weil Lars Eidinger das Drama gerade so oft gespielt hatte, schlug er stattdessen den thematisch ähnlichen Monolog aus den „Räubern“ vor. Darin klagt Franz Moor darüber, dass die Natur ihn zu einem Scheusal gemacht habe, zu einem „Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde“. Franz Moor spricht aus, was in dem Patienten Kai Korthals vorgeht. Auf der Bühne kann der Mörder, der sich nicht ausdrücken kann, plötzlich sprechen, ohne zu stottern. Ich war bei meinen Recherchen erstaunt festzustellen, dass Stotterer störungsfrei singen oder ablesen können. Es ist verrückt. Sobald sie das Gefühl haben, dass es nicht ihre eigenen Worte sind, fließen sie ganz von allein.

Anders als die Schurken des Theaters spricht Ihr Bösewicht nicht viel.

Um ganz ehrlich zu sein, ich sah Lars oft auf der Bühne und hatte das Gefühl, Shakespeare endlich zu verstehen. Die Versuchung war so groß, aus einem Menschen wie Korthals, der sich nicht ausdrücken kann, was in der Konzeption besonders schwierig ist, einen monologführenden Bösewicht zu machen. In meiner Bewunderung für seine schauspielerische Leistung habe ich mich in der ersten Drehbuchfassung dazu hinreißen lassen, Korthals zu viel Text zu geben. Da kam Lars zu mir und sagte super freundlich: Das stört dich jetzt nicht, dass ich ihn nicht spiele, oder? Er fand im Buch zu viel sich selber und zu wenig seine Figur. Mein Fehler. Ich habe die Theaterszene daraufhin stark eingekürzt und alles noch einmal durchdacht. Korthals ist gar nicht in der Lage, das auszusprechen, was Franz Moor sagt. Er ist im Grunde ein savant-artiger Idiot, der sich zu unglaublicher Genialität aufschwingt, sobald er seine Morde begeht.

Sie haben die Figur als Autor erfunden, aber hat Lars Eidinger sie zu dem gemacht, was sie heute ist?

Auf jeden Fall. Lars hat der Figur eine Zerbrechlichkeit, Unsicherheit und etwas Jünglinghaftes gegeben, was ich beim Schreiben gar nicht gesehen habe. Und dann habe ich in seinen Augen die Tränen gesehen vor der Tat, wenn er sagt: Ich wollte nicht, dass das jetzt passiert. Sein Spiel hat mich unglaublich gerührt und mir erst die Dimensionen eröffnet, was in der Figur noch alles drin ist. Vielleicht wäre sie nicht so multidimensional geworden, wenn sie ein anderer gespielt hätte. Ich allein hätte sie mir nicht so facettenreich ausdenken können. Genauso ist es mit der Figur des Kommissars. Zu Axel Milberg habe ich inzwischen eine fast telepathische Beziehung. Ich weiß immer ganz genau, wie er zu den Ereignissen steht, die um ihn herum passieren, und was er an einer Stelle sagen würde. Es ist so, als würde Axel es schreiben. Szenen mit ihm schreibe ich am liebsten. Sie fallen mir unheimlich leicht, weil da die Figur so unmittelbar zu mir spricht. Dann bin ich eigentlich gar nicht mehr ich selber.

Der Mörder misshandelt und tötet seine Opfer auf grausame Weise. Haben Sie beim Schreiben schon einmal gedacht, jetzt ist eine Grenze erreicht?

Beim Schreiben schaue ich weniger auf die Großartigkeit der Tat als auf die dahinterliegenden Defizite des Täters. Ich suche nach einer Erklärung für die Taten, die nicht einfach durch Terminologien zu erklären sind. Ich glaube, wir müssen in unserer Arbeit als Autoren generell aufpassen, dass wir dämonischen Menschen nicht so etwas wie ein Denkmal setzen. Ich habe es zum Beispiel abgelehnt, eine Komödie über den Hochstapler Gert Postel zu schreiben, weil ich keine Lust habe, in einem Film dessen Biografie schön zu färben. Die Verherrlichung solcher destruktiven Charaktere finde ich äußerst zweischneidig.

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