3 Fragen an Regisseurin Lena Knauss

Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke, li.) finden Klaus Keller (Rolf Becker) an seinem 90. Geburtstag tot auf. Um seinen Hals hängt eine seltsame Nachricht.
Der Berliner Bauunternehmer Klaus Keller wird an seinem 90. Geburtstag erschossen aufgefunden. Um seinen Hals hängt ein Schild mit den Worten: „Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen“. Keller war der Seniorchef einer großen Berliner Baufirma, sein derzeitig größtes Projekt war der Bau eines Dokuzentrums über die Shoa in Israel. Ein rechtsradikaler Mordanschlag?  | Bild: rbb / Stefan Erhard

Lena Knauss, Sie haben für den rbb Ihren ersten "Tatort" inszeniert. Der Stoff geht weit in die deutsch-deutsche Geschichte zurück. Was hat Sie daran gereizt?

Abgesehen davon, dass der Berliner "Tatort" mit den eigensinnigen Kommissaren Karow und Rubin einer meiner liebsten ist, haben mich sowohl der historische als auch der politische Kontext der Geschichte sofort interessiert. Vor allem unter dem Blickwinkel: Was hat das heute mit uns zu tun? Wir leben in einer Zeit, in der viele die deutsche Vergangenheit am liebsten hinter sich lassen wollen. Natürlich ist es wichtig, nach vorne zu schauen und die Zukunft zu gestalten. Aber das Vergangene ist eben nicht einfach vergangen, seine Spuren reichen bis ins Heute hinein. Wir sind alle beeinflusst durch unsere Eltern und Großeltern und dem, was ihnen widerfahren ist, auch wenn es oft weit weg scheint. Berlin als geteilte und dann wiedervereinte Stadt ist natürlich in einer besonderen Weise geprägt von der deutschen Geschichte. Das Drehbuch von Christoph Darnstädt hat einen ganz konkreten realen Hintergrund. Das Reizvolle dabei ist jedoch, dass es sich der Historie nicht auf dem klassischen Weg nähert, sondern anhand der Geschichte zweier Brüder und ihrer Familien – ‚Keller-Ost‘ und ‚Keller-West‘ – einen ganz persönlichen Zugang findet. Im Vordergrund steht für mich das menschliche Drama, über drei Generationen hinweg. Mich hat interessiert, welche Verstrickungen da im Verborgenen gehalten werden. Wo kommt die Sprachlosigkeit her? Welche Wunden aus der Vergangenheit heilen nicht? Welcher Schmerz wird da verdrängt? Was wird bewusst unter den Teppich gekehrt? Wie positioniert man sich? Ich kann mich gut mit der jungen Generation identifizieren, die mehr denn je die Notwendigkeit von politischem Engagement verspürt, die Gerechtigkeit fordert, die sich wehrt und den Eltern vorwirft, nicht genug Haltung zu haben. Spannend finde ich dabei die verschiedenen Perspektiven auf den Umgang mit Schuld und Verantwortung.

Aufgrund Ihres jungen Alters sehen Sie mit großem Abstand auf das geteilte Deutschland. Wie haben Sie sich den Zugang zur Historie erarbeitet?

Ich war fünf, als die Mauer fiel. Ein Jahr später fuhr ich mit meinen Eltern zu Freunden nach Ostdeutschland, um gemeinsam die Wiedervereinigung zu feiern. Ich erinnere mich gut, wie glücklich alle waren. Keiner hatte das zu hoffen gewagt. Bei der Recherche bin ich auf eine Umfrage gestoßen, der zufolge Ende der 80er weniger als zehn Prozent der Befragten glaubten, dass sie die Wiedervereinigung noch persönlich erleben würden. Und dann ging alles so schnell. Wiedervereinigt ist Deutschland nun seit 30 Jahren. Wiedervereint im eigentlichen Wortsinn ist es wohl immernoch nicht vollkommen. Inzwischen lebe ich seit zehn Jahren in Berlin. Da ich die Stadt nie in geteiltem Zustand erlebt habe, existiert diese Ost-/West-Trennlinie in meinem Kopf nicht. Wo genau die Grenze innerhalb der Stadt verlief, wurde mir in Gänze erst zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls gegenwärtig, als überall entlang der ehemaligen Grenze leuchtende Ballons aufgestellt waren. Immer wieder kam ich an Stellen, die ich tagtäglich passiere, ohne mir Gedanken darüber zu machen. Da konnte man früher einfach nicht lang. Es fasziniert mich, dass wir diese einstige Grenze heute so selbstverständlich überqueren, ohne es wahrzunehmen. Deshalb habe ich für die Berlin-Stadtbilder des "Tatorts" auch nach früheren Grenzorten gesucht: damals unüberwindbar, heute offen. Ich habe mich auf Spurensuche begeben: Was ist geblieben von der Mauer, was ist noch da von der Grenze? Vielerorts ist sie schlicht nicht mehr sichtbar. Andernorts ist sie sehr präsent, wie an der Gedenkstätte Berliner Mauer auf dem ehemaligen Todesstreifen an der Bernauer Straße. Mal steht noch ein Stück Mauer versteckt und beinahe verwunschen auf einem Friedhof, wo die Natur den Beton längst überwuchert hat, mal ist sie mit buntem Graffiti besprüht und zur touristischen Attraktion geworden, wie an der Eastside Gallery. Die ehemalige Grenze hat viele verschiedene Gesichter und erzählt ihre ganz eigene Berliner Geschichte.

Das visuelle Konzept Ihrer Inszenierung arbeitet viel mit Spiegelungen. Was wollen Sie damit erzählen?

Wir alle geben vor, etwas zu sein. Oft ist das aber nur ein Teil der Wahrheit. Dinge liegen im Verborgenen oder stellen sich anders dar, als sie sind. Man muss oft durch mehrere Schichten hindurchschauen, um zum Kern vorzudringen. Die Familie Keller birgt ein Geheimnis hinter der gutbürgerlichen Fassade, die heile Welt hat Risse. Die Familienmitglieder wissen wenig voneinander, unabhängig davon, ob sie durch die Mauer voneinander getrennt waren oder unter einem Dach leben. Erst nach und nach fügen sich die Puzzleteile und es offenbaren sich die wahren Zusammenhänge. Dieser Diskrepanz zwischen Sein und Schein wollten die Kamerafrau Katharina Bühler und ich auch auf einer bildlichen Ebene Ausdruck verleihen. Zudem waren wir auf der Suche nach Bildern, die eine dichte Atmosphäre schaffen, die dem Dialog eine sinnliche Ebene hinzufügen. Das Spiegelbild ist eine schöne Metapher für die Ambivalenz der Dinge. Keiner ist nur gut oder böse, es gibt immer zwei Seiten. Das ist für mich eine wesentliche Essenz dieser "Tatort"-Geschichte: Man kann mit den besten Absichten Schlechtes tun und auch mit einem Schuldigen kann man Mitgefühl haben. Wichtig ist, dass man die Augen nicht verschließt, einander zuhört, die Konsequenzen für sein Handeln übernimmt und einen Weg zur Versöhnung sucht.

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