Gespräch mit Florence Kasumba

Kommissarin Anais Schmitz im Verhör mit dem Verdächtigen
Kommissarin Anais Schmitz im Verhör mit dem Verdächtigen | Bild: NDR / Frizzi Kurkhaus

»Hätte Deutschland ohne Migranten keine Probleme?«

Anaïs Schmitz ermittelt im rechtsextremen Milieu. Wie kommt sie damit zurecht?

Anaïs sieht die tote Marie Jäger im Wald und es ist ihr Job herauszufinden, was passiert ist. Auch wenn man im rechten Milieu ermittelt, gilt es grundsätzlich, dass man Ruhe bewahren muss. Alles andere wäre eine Provokation. Schließlich ist ein Mitglied der "Jungen Bewegung" ermordet worden und die Mitbewohner sind aufgewühlt und nehmen nicht freiwillig an dem Verhör teil. Anaïs muss die jungen Rechten behandeln wie jeden anderen Menschen auch. Sie bleibt professionell, weil sie den Täter finden möchte.

Beim Verhör wird sie mit rassistischen Beleidigungen und verbaler Gewalt konfrontiert. Warum lässt sie sich diese Attacken gefallen?

Anaïs weiß, wie diese Leute ticken. Bei einem Verhör trägt einer der Befragten ein T-Shirt mit der Aufschrift "Remigration". Anaïs spricht Deutsch, versteht Deutsch und weiß, was mit "Remigration" gemeint ist. Ich persönlich finde nicht, dass man mit Aggression vorankommt, im Gegenteil, man muss Haltung zeigen und sorgfältig auf seine eigene Sprache achten.

Einer der Befragten sagt zu Anaïs Schmitz "Afrika braucht dich. Hau ab." Ist das nicht eine drastische Beleidigung, die man nicht hinnehmen kann?

"Afrika braucht dich, hau ab", das ist für mich nicht drastisch, weil ich da abgestumpft bin. Ich bin nicht aus Stein. Ich habe Gefühle, aber das verletzt mich nicht. Das prallt ab. Wenn man viele Dinge gehört hat, stumpft man ab. Wenn ich mit dem N-Wort beschimpft werde, gehe ich nicht in die Ecke und heule. Warum? Weil bekannt ist, dass man dieses Wort benutzt, um Menschen zu beleidigen. In der besagten Szene ist ganz klar, dass der Befragte der Meinung ist, dass Menschen mit meiner Hautfarbe hier in Deutschland nichts zu suchen haben. Ich bin anderer Meinung, denn Deutschland ist mein Zuhause.

Als wie beunruhigend empfinden Sie die Aktivitäten der Neuen Rechten?

Das ist eine beunruhigende Entwicklung. Wie soll man denn die Forderungen der Identitären Bewegung konkret umsetzen? Soll jeder mit Migrationshintergrund wegziehen? Ich würde das gerne verstehen und brauche den Dialog. Da ist schon die Frage, was ist deutsch? Ich habe einen deutschen Pass, ich bin hier großgeworden, meine Muttersprache ist deutsch, ich zahle in Deutschland Steuern. Was ist da noch fremd? Hätte Deutschland ohne Migranten keine Probleme? Anders als die Neuen Rechten es im "Tatort" darstellen, gibt es auch viel Kriminalität und Gewalt gegen Frauen, die von Deutschen ausgeht.

Würden Sie mit der Neuen Rechten oder der AfD reden?

Ich gehe gar nicht davon aus, dass es Menschen gibt, mit denen ich nicht reden würde. Das ist die falsche Einstellung. Beim Dialog geht es darum, dass man sich den Standpunkt der Anders-Denkenden anhört. Dass man versucht, sein Gegenüber zu verstehen. Das hat mit Empathie und Mitgefühl zu tun. Was denkt mein Gegenüber, und wenn man sich nicht einigen kann, kann man zumindest einen mittleren Weg finden? An oberster Stelle steht für mich ein friedvolles Miteinander, auch wenn man anderer Meinung ist.

Was halten Sie von der Kritik der jungen Rechten in "National Feminin" am "alten" Feminismus?

Ich glaube nicht an einen alten oder neuen Feminismus. Feminismus heißt für mich, dass man die Rechte der Frauen schützt und sich für ihre Interessen einsetzt. Ich möchte hier "Frau" durch "Mensch" ersetzen, denn ich möchte alle Menschen einschließen, egal welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen. Dass ich arbeite, obwohl ich Kinder habe, dafür haben andere Frauen vor uns gekämpft. Das ist nicht selbstverständlich, und wir sind noch lange nicht da, wo wir sein sollten. Nur weil es mir gutgeht, heißt es ja nicht, dass es allen Frauen in Deutschland oder auf der Welt gutgeht. Deswegen brauchen wir Feminismus.

In einer Szene sagt Charlotte Lindholm den jungen Rechten deutlich ihre Meinung und Anaïs meint anschließend "Ich habe dich nicht darum gebeten". Warum sagt sie das?

Anaïs hat nie Probleme, genau zu artikulieren, was sie meint, was sie denkt, ob ihr was missfällt. Sie braucht niemanden, der sie verteidigt.

Wie gehen die beiden Kommissarinnen in ihrem dritten Fall miteinander um?

In ihrem ersten Fall haben sie sich nicht gemocht, aber inzwischen haben sie Zeit miteinander verbracht, sich kennengelernt, man sieht, wie die andere agiert und lernt voneinander. Sie führen keinen Zickenkrieg. Das wäre ein Klischee. Man wird noch sehr viel Schönes von den beiden sehen, denn sie sind an dem Punkt, wo sie ihren Schutzschild auch mal fallen lassen, weil sie sich verstanden fühlen. Das passiert in den Szenen vor der Kamera, aber auch in privaten Momenten, weil man am Set sehr viel Zeit miteinander verbringt und Dinge bespricht. Nicht nur die beiden Figuren nähern sich, sondern auch die beiden Schauspielerinnen, und das ist schön.

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